Drohende Versorgungsengpässe bei Getreide | Aktuell Welt | DW | 07.04.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Landwirtschaft

Drohende Versorgungsengpässe bei Getreide

In Deutschland steht eine Rekordgetreideernte bevor, so eine aktuelle Prognose. Global gesehen könnte der Bedarf dennoch nicht gedeckt sein. Und das hat nicht nur mit dem Klima zu tun.

Die extreme Dürre im vergangenen Jahr hinterließ auf Deutschlands Getreidefeldern ihre Spuren: Viele Pflanzen blieben kümmerlich und gaben wenig Korn. Die Getreideproduktion brach ein. In der jetzt laufenden Saison können die Bauern hingegen möglicherweise um so mehr einfahren - falls es diesmal mehr regnet. Der Deutsche Raiffaisenverband (DRV) rechnet mit einer Getreideernte von 47,1 Millionen Tonnen. Das wären knapp zehn Millionen Tonnen mehr als im Dürrejahr 2018. Eine Steigerung um fast 25 Prozent. Was auch daran liegt, dass die Bauern die Anbaufläche ausgeweitet haben.

Die im Herbst ausgesäten Getreide hätten das Winterhalbjahr ohne größere Schäden überstanden. "Daher stehen die Zeichen für eine solide Getreideernte in diesem Jahr gut", sagte DRV-Getreidemarkt-Experte Guido Seedler dem Portal Agrarheute.

Ernte deckt Verbrauch nicht

Trotz der guten Aussichten auf deutschen Feldern wird die weltweite Getreideernte wohl nicht reichen, um den steigenden Bedarf zu decken. Ein Grund: der globale Appetit auf Fleisch. Im Agrarjahr 2018/19 werden knapp 30 Millionen Tonnen mehr verbraucht als geerntet werden, schätzt die UN-Welternährungsorganisation (FAO) in Rom in ihrer jüngsten Prognose. Die erwartete Gesamternte rund um den Globus beziffern die UN-Experten auf fast 2,66 Milliarden Tonnen.

Getreidesilos in Bayern (imago/blickwinkel)

Getreidesilos in Bayern: Speicher gut gefüllt

Der Internationale Getreiderat (IGC) in London - ein Zusammenschluss der wichtigsten getreideproduzierenden Staaten - gibt eine ganz ähnliche Prognose ab. Eine Ursache des aktuellen Rückgangs ist die letztjährige Dürre in weiten Teilen Europas, die einen Rückgang der Weizenernte in der EU und Russland zur Folge hatte.

Ein Agrarjahr bezeichnet den Zeitraum von einer Ernte bis zur nächsten. Auf der Nordhalbkugel beginnt dieses immer im Sommer. Weizen ist überwiegend für den menschlichen Verzehr bestimmt, während der größere Teil der Maisernte für die Produktion von Futter für Rinder, Schweine und andere Nutztiere verwendet wird.

Steigende Erzeugerpreise

Die Folgen des knappen Weizens sind in Europa bereits zu spüren: Die Erzeugerpreise für Brot und Getreideerzeugnisse - also die Preise, die die Hersteller verlangen - legten laut Bundesverband der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) im Januar und Februar um kräftige 6,3 Prozent zu, wie der Verband auf DPA-Anfrage mitteilte.

Europas größter Händler von Agrar-Rohstoffen ist die Münchner Baywa. Deren Vorstandschef Klaus Josef Lutz vermutet, dass sich der Klimawandel bemerkbar macht. 2018 fiel die europäische Getreideernte dürrebedingt um sechs Prozent niedriger aus als im Vorjahr. "2018 war nicht der Ausreißer", sagte Lutz kürzlich dazu - der für dieses Jahr optimistischen Prognose des Raiffeisenverbandes zum Trotz. "Das ist das dritte und vierte Jahr in Folge, dass klimatische Kapriolen uns das Geschäft schwer machen."

Klaus Josef Lutz (argum/Falk Heller)

Baywa-Chef Lutz: "2018 war nicht der Ausreißer"

Ein Minus bei der Getreideernte bedeutet nicht, dass Hungersnöte drohen: Die Lagerhäuser und Speicher rund um den Globus sind gut gefüllt weil in den Vorjahren die Getreideproduktion kräftig gestiegen war.

Mehr Fleisch mehr Biokraftstoff

Dass aber - trotz immer wieder auch guter Erträge - nun die globale Getreideernte nicht mehr den Verbrauch deckt, hat nach Einschätzung der Baywa mit dem wachsenden Fleischkonsum zu tun. "Die Wahrheit ist einfach: Die Menschen wollen mehr Fleisch essen, damit brauchen wir Getreide", sagte Vorstandschef Lutz dazu.

"Wir haben in den vergangenen zehn Jahren einen ziemlich kräftigen Anstieg der weltweiten Maisproduktion", sagte FAO-Ökonom Abdolreza Abbassian in Rom. Er nennt zwei Ursachen: "In den USA ist der Maisanbau für die Produktion von Biokraftstoffen ausgeweitet worden." Und auf der anderen Seite des Pazifiks essen die Chinesen mehr Fleisch.

Raiffeisen-Getreidesilo in Mehrum (Niedersachsen) (picture-alliance/dpa/J. Stratenschulte)

Raiffeisen-Getreidesilo in Niedersachsen: "Zeichen für eine solide Getreideernte"

Die Ausweitung der Maisproduktion hat nach Abbassians Worten aber keine wesentlichen Auswirkungen auf den Weizenanbau und damit die Herstellung von Lebensmitteln. "Mais und Weizen wachsen an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten", sagte der FAO-Experte.

Der Internationale Getreiderat in London geht davon aus, dass die weltweiten Vorräte sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr schrumpfen werden. Die Londoner Fachleute prophezeien für das Agrarjahr 2018/19, dass die Lagerbestände um 44 Millionen Tonnen schrumpfen, für 2019/20 rechnen sie mit einem weiteren Rückgang von 28 Millionen Tonnen.

AR/rb (dpa, FAO, Raiffeisenverband, Agrarheute)

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema