Wie der Zweite Weltkrieg das Leben von Kriegskindern und Kriegsenkeln prägt | Kultur | DW | 08.05.2020
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75 Jahre Kriegsende

Wie der Zweite Weltkrieg das Leben von Kriegskindern und Kriegsenkeln prägt

Ein Filmemacher hat Albträume vom Zweiten Weltkrieg, den er nie erlebt hat. Eine Psychologin hilft Menschen, den Dämonen ihrer Familiengeschichte zu begegnen. Der Krieg prägt die Deutschen noch immer.

Deutschland | Sebastian Heinzel | Der Krieg in mir (Heinzelfilm GmbH/A. Stähli)

Sebastian Heinzel machte sich auf die Suche nach der Geschichte des Opas, der Soldat im Zweiten Weltkrieg war

Angefangen hatte es mit diesen Träumen. Der Filmemacher Sebastian Heinzel, Jahrgang 1979, war Mitte zwanzig und träumte immer wieder vom Krieg: von Kampfhandlungen, in die er verwickelt war, von Panzerfahrten und Gefechten, von Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg, die in Russland spielten. Erklären konnte er sich das nicht. Kriegshandlungen kannte Heinzel allenfalls aus dem Fernsehen, Gewalt hatte er selbst nie erfahren müssen. Doch die Albträume belasteten ihn.  

Auf der Suche nach Antworten fing er an, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Seine Großväter waren beide im Krieg gewesen, doch er wusste im Grunde nicht viel darüber. Es begann eine lange Recherche. Dabei erfuhr er, dass er mit seinem Anliegen nicht alleine ist. Im Bundesarchiv, in dem unter anderem die Akten der Streitkräfte im nationalsozialistischen Deutschland lagern, treffen jedes Jahr Zehntausende von Anfragen ein - von Menschen, die auf der Suche sind nach der Geschichte ihrer Vorfahren.

"Unsere Ahnen prägen uns mehr als wir denken", davon ist Sebastian Heinzel inzwischen überzeugt. Sechs Jahre lang dauerte seine Suche, die schließlich in dem Dokumentarfilm "Der Krieg in mir" endete: Wo war sein längst verstorbener Opa im Krieg, was hat er getan? Und wieso hat er nie darüber gesprochen?

Erst keine, dann eine akademische Auseinandersetzung

Die (West-)Deutschen haben erst spät begonnen, sich mit ihrer Geschichte im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Zwölf Jahre lang hatte die Herrschaft des Nationalsozialismus gedauert. Der Eroberungskrieg, den die Nazis mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begannen, kostete rund 60 Millionen Menschen das Leben. 

Rund sechs Millionen Juden wurden während des Holocaust von den Nationalsozialisten und ihren Verbündeten ermordet. Doch nach der Kapitulation Deutschlands 1945 wurde vieles verdrängt und verleugnet - bis in die 1960er Jahre hinein.

Die Jugendproteste, die ihren Höhepunkt im Jahr 1968 hatten, haben die Aufarbeitung noch einmal befeuert. Heute wird die deutsche Erinnerungskultur international gelobt. Die US-amerikanische Philosophin Susan Neiman sprach neulich in einem Interview von der "Meisterleistung", die die Deutschen in Bezug auf die Aufarbeitung ihrer Geschichte vollbracht hättenDas bedeutet nicht, dass es in Deutschland keinen Rassismus oder Antisemitismus mehr gibt. Die Nachrichten der letzten Jahre zeugen davon, dass dem nicht so ist.

Aber die Aufarbeitung der eigenen Geschichte hat heutzutage ihren festen Platz in den Schulen und Bildungseinrichtungen. Jedes Kind in Deutschland muss sich ab der achten oder neunten Klasse, also ab einem Alter von etwa 14 Jahren, ausführlich mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen, sei es im Deutschunterricht, in Geschichte, Sozialwissenschaften oder Religion.

So war es auch bei Sebastian Heinzel. Die schockierenden Fakten über die Nazis und den Holocaust waren ihm also bereits in seiner Jugend bekannt. Doch es fehlte der persönliche Bezug dazu, sagt er. "Ich konnte das als Schüler irgendwann auch nicht mehr hören, weil ich mich gefragt habe: Was hat das denn noch mit mir zu tun?" 

Eine Frage, die erstaunen mag immerhin hatte sein Opa als Soldat gekämpft, war selbst Teil dieses Krieges gewesen. Doch in der Familie warwie in vielen anderen Familien in Deutschland auch, nur selten darüber gesprochen worden. Zu schwierig das Thema, zu groß vielleicht auch die Scham bezüglich der Schuldfrage. "Weder mein Vater noch seine Schwester wussten, was mein Großvater im Krieg gemacht hat oder wo er war", erzählt Heinzel.  

Fehlende emotionale Aufarbeitung in den Familien

ÄhnlichErfahrungen machte auch Iris Wangermann, Jahrgang 1975. Die promovierte Psychologin arbeitet als Trainerin für kulturelle Vielfalt und gibt seit 2013 Seminare für "Kriegsenkel". Der Begriff hat sich in den 1990er Jahren etabliert und bezeichnet Menschen, deren Eltern als Kinder maßgeblich durch den Krieg geprägt wurden.  

Wangermann berichtet von dem "emotionalen Nebel", den es in vielen Familien gebe und von einer gewissen "Sprachlosigkeit", die aber eigentlich auch nicht erstaunlich sei angesichts der Gräuel des Krieges: "Wenn man sich mit diesen Gefühlen auseinandersetzen will, dann muss man sie auch regulieren und aushalten können. Dazu braucht es eine gewisse innere Stabilität. Die Kriegskinder-Generation aber war häufig nicht in der Lage, diese zu entwickeln. Deshalb lassen sie den Deckel vielleicht einfach zu, als eine Art unbewusste Schutzreaktion."  

Iris Wangermann (C. Sommerfeldt)

In ihrer Arbeit nutzt Iris Wangermann häufig die Kraft der Natur

Das Problem an der Sache: Unverarbeitete Erlebnisse oder Traumata wirken sich auf das tägliche Leben aus und können so an die nächste Generation weitergegeben werden. Wenn Eltern also beispielsweise aufgrund einschneidender Erfahrungen nicht in der Lage sind, sich emotional zu öffnen, dann können sie eine solche Fähigkeit auch nicht an ihre Kinder weitergeben. Und so zieht sich das dann durch die Generationen. 

"Wir haben jetzt die Chance das aufzuarbeiten"

Die gute Nachricht: Die Weitergabe über die Generationen hinweg geschieht nicht notwendigerweise, sondern lässt sich stoppen. Durch das Auseinandersetzen mit der eigenen (Familien-)Geschichte - sei es alleine, mit Freunden, in Kursen oder Therapien. Zu ihren Kriegsenkel-Seminaren in der Natur beispielsweise kommen häufig Menschen, die auf der Suche nach Orientierung sind, erzählt Iris Wangermann. "Viele haben keine Ahnung, wer sie wirklich sind. Die Kinder von kriegstraumatisierten Eltern wurden in der Regel nicht gespiegelt in ihren Qualitäten, sondern sie sollten sich so verhalten, wie die Eltern das aushalten konnten oder wollten - und weniger, wie sie wirklich sind. Das ist ein Kernthema: Nicht in meinen Qualitäten gesehen zu werden." 

Auch Iris Wangermann hat sich über viele Jahre hinweg mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt. Vieles lässt sich über den Krieg herausfinden, sagt sie. Doch die eigentliche Antwort auf die Frage, was das mit einem selbst - zwei Generationen später - gemacht hat, die liege in einem selbst. Es brauche dazu keine Heldinnen und Helden, sondern "Menschen, die sich auf den Weg machen ihre Seele zu erforschen. Die sich trauen, ihren eigenen Dämonen zu begegnen."

Wer also sind wir?

Deutschland | Sebastian Heinzel | Der Krieg in mir (Heinzelfilm GmbH/C. Fischer)

Sebastian Heinzel

Sebastian Heinzel hat genau dies getan. Er hat sich auf die Suche nach seinem Großvater gemacht und ist dabei sich selbst begegnet. Er konnte zwar herausfinden, dass der Opa als Unteroffizier der Wehrmacht in Belarus war, an welchen Orten er sich aufgehalten hatte und wo er verwundet wurde. Aber was sein Großvater genau getan hatließ sich nicht nachzeichnen. Und auch nicht, warum er - wie viele Männer seiner Zeit - nicht über seine Erlebnisse gesprochen hat.

Wenn er an seinen Opa denke, dann sehe er einen "unheimlich fleißigen Mann", erzählt er. Er gehörte zu der Generation, die das Land nach dem Krieg wieder aufgebaut hat. Dem Enkel aber fiel im Laufe der Zeit auf, dass es in seiner Familie eine Art Druck gibt, etwas erreichen zu müssen. "Es ist nicht genug, dass ich einfach so bin wie ich bin, sondern ich muss etwas leisten, um anerkannt zu sein und mich selbst anzuerkennen. Das äußert sich auch in einer gewissen Arbeitswut, die ich von meinem Vater kenne, aber die auch schon mein Großvater hatte." Eine unbewusste Kompensation für die Schuld aus dem Zweiten Weltkrieg? Sebastian Heinzel kann es nicht sicher sagen - aber auch nicht sicher ausschließen. 

Sein Fazit: "Ich glaube, es gibt viele Dinge, die nicht aufgearbeitet wurden, und viele Geschichten, die nicht erzählt worden sind. Und da ist es jetzt irgendwie meine Aufgabe in der Familie, mich noch mit diesen seelischen Trümmern zu beschäftigen. Ich glaube, das gehört auch zu der Aufgabe unserer Generation." 

Seine Albträume sind in den letzten Jahren weniger geworden.

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