Kommentar: Die Festival-Saison fällt wegen Corona aus | Kommentare | DW | 19.04.2020
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Klassische Musik

Kommentar: Die Festival-Saison fällt wegen Corona aus

In einer Klassikfestival-Landschaft von unvergleichlicher Dichte fällt eine Veranstaltungsreihe nach der anderen der Corona-Pandemie zum Opfer. Die Auswirkungen werden lange spürbar sein, meint Rick Fulker.

Salzburger Festspiele 2019 (SF/Monika Rittershaus)

"Orpheus in der Unterwelt" von Jacques Offenbach - Neuinszenierung bei den Salzburger Festspielen 2019

Nun ist am Freitag auch das Schleswig-Holstein Musik Festival abgesagt worden. Das Bundesland im Norden hat das Verbot für Veranstaltungen mit über 1.000 Personen verlängert, und selbst bei kleineren Konzerten könnten Abstandsregeln und Hygienebestimmungen nicht immer eingehalten werden, so das Festival.

Die Salzburger Festspiele wollen dagegen im 100. Jahr nach ihrer Gründung noch bis Ende Mai warten, ehe die Entscheidung fallen soll: Konzerte oder Absage? Dass das größte Klassik-Fest der Welt wie geplant ab dem 18. Juli über die Bühne gehen kann, ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Man kennt die Bilder von festlich gekleideten Konzertgängern, dicht an dicht, vor dem Großen Festspielhaus. Und wenn einer hustet? Ein Horrorszenario auf der berühmten "Straße, die die Menschheit bedeutet."

Das eng getaktete Leben der Klassik-Stars

Klassikmusiker fallen sich oft in die Arme, verteilen Wangenküsse. Sie sind ein herzliches Völkchen - und sie reisen pausenlos. Wer hätte je gedacht, dass dieser Lebensstil sie nunmehr zu gefährdeten und gefährlichen Menschen machen könnte?

Die Stars der Szene führen ein eng getaktetes Leben. Einer Anekdote zufolge entdeckte ein berühmter Maestro einmal eine Lücke in seinem Terminkalender: Drei Stunden war sie lang, zwar erst in drei Jahren, aber er forderte seinen Assistenten auf, sie zu füllen.

Ein weltberühmter Pianist wurde vergangenes Jahr in Bonn geehrt, unter anderem für sein Engagement für den Klimaschutz. Bei der Veranstaltung spielte er ein Stück, hielt eine Rede - und musste dann vorzeitig weg, um seinen Flieger nicht zu verpassen: Er müsse noch am Abend in Wien sein.

Ein Klassikmusiker lebt aus dem Koffer zwischen Frühstücksbuffet im Hotel und obligatorischen Spätempfang.

Oder besser: So war das Leben eines Klassikmusikers. Denn das scheint nun für längere Zeit, vielleicht für immer, vorbei. Einige Stars bleiben noch durch Streaming ihre Hauskonzerte präsent. Festangestellte Orchestermusiker wurden inzwischen in Kurzarbeit geschickt. Doch viele freischaffende Musiker - bekannte wie unbekannte - bangen um ihre Existenz. Für sie heißt es meist: keine Auftritte, kein Geld. Diverse Künstler-Hilfsinitiativen können daran nur wenig ändern.

Ausnahmezustand Musikfestival

Die Musikfestivals, wie auch andere Großveranstaltungen aller Art, waren unter den Ersten, die von der Corona-Pandemie betroffen waren. Und sie werden vermutlich - wie auch Theater, Opern und Orchester - unter den Letzten sein, die zur Normalität zurückkehren können.

Fulker Rick Kommentarbild App

DW-Musikredakteur Rick Fulker

Für das Publikum ist jedes Festival eine Gelegenheit, in Gemeinschaft etwas Besonderes jenseits des Alltags zu erleben. Für die Musiker dagegen sind sie Grundeinkommen.

Selbst wenn die Corona-Krise morgen zu Ende wäre: Die abrupte, vollständige Unterbrechung des Konzertlebens wird unabsehbare Langzeitfolgen haben. Wie der oben karikierte, ausgebuchte Maestro haben auch die Festivals einen Planungsvorlauf von zwei bis drei Jahren. Sie ringen um Stars, die normalerweise uneingeschränkte Reisefreiheit genießen. In einer solchen Krise können aber selbst diese nur tageweise in die Zukunft schauen.

Die Corona-Krise zieht Kreise

Das deutsche Musikinformationszentrum listet 571 Musikfestivals aller Genres in Deutschland - und das sei nur eine "subjektive Auswahl". Oft reist das Publikum eigens an, geht essen, übernachtet. Selbst wenn Gastronomie und Hotellerie im Sommer vorsichtig wieder ins Laufen kommen sollten, brechen diese Einnahmen weg.

Bei Kultursubventionen spricht man von der Umwegrentabilität. Das heißt: Die Steuereinahmen durch die wirtschaftlichen Aktivitäten, die das Publikum auslöst, übersteigen die ursprünglichen öffentlichen Ausgaben - manchmal um ein Mehrfaches.

Konzerterlebnisse bis auf weiteres nur virtuell

In der Krise kündigt das Schleswig-Holstein Musik Festival nun einen "Sommer der Möglichkeiten" an mit ausgewählten Konzerten in besonderen Formen. Auch das Bonner Beethovenfest startet Initiativen in der Online-Welt. Doch diese Veranstaltungsreihen sind staatlich subventioniert. Wie es dagegen für alle Festivals, die fast völlig ohne öffentliche Gelder auskommen müssen, zum Beispiel das das Rheingau Musik Festival?

Das Klassik-Publikum ist ins Internet umgezogen und wird da auch nach der Krise weiterhin sein - zumindest viel stärker als vorher der Fall war. Aber was heißt das für die reale Festival-Landschaft? Bis ein Impfstoff entwickelt wird - frühestens in einem Jahr, sagen die Experten - geht nur sehr wenig. Selbst wenn die Festivals wieder stattfinden dürfen, wird viel Publikum fernbleiben - aus Angst vor Ansteckung. Nicht zu beziffern ist der Verlust an Lebensqualität für die Freunde der Musik. Kunstgenuss ist ein zu harmloses Wort - denn das Live-Erlebnis kann viel tiefer gehen, sinnstiftend sein. Das fehlt schon jetzt.

Angesichts einer möglichen Weltwirtschaftskrise infolge der Pandemie mag all das vielleicht nur unbedeutend erscheinen. Doch die Zukunft der Hochkultur nach der Corona-Krise wird auch in der Kulturnation Deutschland eine andere sein.

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