Igor Levits Kampf gegen die Corona-Einsamkeit | Musik | DW | 26.03.2020
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Musik in Zeiten von Corona

Igor Levits Kampf gegen die Corona-Einsamkeit

Seit Anfang der Corona-Krise gibt der Starpianist Hauskonzerte aus seinem Wohnzimmer, die fast Kultstatus haben. Nun geht er noch einen Schritt weiter.

Seit knapp zwei Wochen ist es ein Ritual für Tausende im Corona-Hausarrest: Punkt 19 Uhr erscheint auf dem Screen des Smartphones der vorerst leere Raum eines Wohnzimmers. Ein Flügel und ein Gemälde sind im Hintergrund zu sehen. Wenige Sekunden später kommt der Gastgeber ins Bild - der deutsch-russische Star-Pianist Igor Levit. Stets in Schwarz, aber locker gekleidet und barfuß oder in Socken, setzt er sich an den Flügel. "Seine Wohnung hat bestimmt eine Fußbodenheizung", kommentiert einer der Follower des Live-Streams umgehend.

"So, meine Lieben, heute werde ich mal wieder Beethoven für euch spielen. Klaviersonate Nummer 17. Hoffentlich wird mir heute nicht Twitter abspringen." Dann erzählt Igor kurz in zwei Sprachen, warum Beethovens Werk aus dem Jahre 1801, auch "Der Sturm" genannt, tatsächlich revolutionär war und ist. Dann legt er los. Das Bild flimmert zwischendurch, die Tonqualität ist bescheiden, die Interpretation aber so brillant und kompromisslos wie bei einem Konzert in ausverkaufter Halle – wo Igor Levit nun eben nicht spielen kann, wie auch alle anderen Musikerinnen und Musiker.

Dabei fing das Jahr so fantastisch an für ihn: Levits Einspielung aller Beethoven-Sonaten, von Kritik gepriesen, krönte die Musik-Charts, seinen 33. Geburtstag feierte der am 10. März in Gorki, jetzt Nischni Nowgorod, geborene Musiker auf der Bühne der ausverkauften Elbphilharmonie... und dann kam Corona.

Gemeinschaft in Zeiten der Isolation

Der Stream läuft, die Gemeinde vervielfacht sich von Minute zu Minute. Man weiß nicht, was man genauer beobachten soll: die Hände des Virtuosen oder die Kommentare seiner Fans: blaue, rosa, grüne Herzchen strömen ununterbrochen in die Höhe. "Dankeschön" wird aus allen Ecken Deutschland gerufen: aus Meerbusch und Marburg, Gütersloh und Kassel, aus dem Berliner Charlottenburg und dem Kölner Ehrenfeld, aus der Küche und aus der Badewanne. Es wird aber auch auf Spanisch und Italienisch gedankt, man winkt zu aus Cambridge, Tel Aviv und Washington, ab und zu schreibt jemand Kyrillisch.

Screenshot aus Twitter: Pianist Igor Levit beim Hauskonzert am Flügel(twitter.com/igorpianist)

Ein vielstimmiges "Dankeschön"

Es scheinen Kenner wie Neulinge dabei zu sein: "So werde ich ja Klaviermusik kennenlernen!", schreibt einer. Auch der Komponist bekommt viele Komplimente: "Wie überraschend modern Beethoven klingt!", "Igor rettet das Verbindende der Musik, Beethoven hätte applaudiert - war doch seine Idee!" 30 Minuten sind schnell vorbei, der Pianist verlässt schweigend das Bild, gleich danach ist der Mitschnitt auf "Twitter" abrufbar.

Kinderschuhe des Digitalen

Am gleichen Tag sitzt Igor Levit, Journalisten als wortgewaltiger Interviewpartner und stets engagierter Bürger bekannt, vor dem Bildschirm in seinem Arbeitszimmer und führt ein Pressegespräch per Video-Konferenz. Thorsten Schmidt, der Intendant des Festivals "Heidelberger Frühling", ist auch zugeschaltet. Auch er ist ein Corona-Opfer: Statt Hauskonzerte ohne Pantoffeln zu streamen, hätte Levit eigentlich in diesen Tagen sechs Konzerte bei Schmidt in Heidelberg spielen sollen.

Für beide - den Musiker und den "Musikermöglicher", wie Levit Schmidt nennt - ist die Situation mehr als bitter. Alle scheinen sich gegenseitig abhanden gekommen zu sein: die Künstler dem Publikum, das Publikum den Künstlern und den Veranstaltern. "Und das Einzige, was nun real existiert, ist die Kunst als solche", sagt Levit. Reicht das nicht für einen Künstler? "Bei allem Respekt: Natürlich kann man immer sagen, man macht Musik für sich selbst. Auf eine Art stimmt es auch. Aber der Kern geht verloren: das gemeinsame Erleben. Ohne Teilen und Miteinander ist ein Musikeindruck nur die Hälfte wert."

Igor Levit und Thorsten Schmidt sitzen nebeneinander und schauen auf Levits Smartphone (Heidelberger Frühling)

Das waren noch Zeiten: Igor Levit und Thorsten Schmidt vor wenigen Wochen in Heidelberg

Bloß: wie hält man dieses Gefühl des Teilens in Zeiten der bewussten Vereinsamung aufrecht? Nach dem ersten Schock und um "die Kette der Einsamkeiten zu durchbrechen", begebe man sich nun in virtuelle Räume. Live gestreamte Hauskonzerte sind da nur ein Format, die der Künstler Levit als "heilendes, ja rettendes Moment", auch für sich selbst, beschreibt.

Wie fühlt es sich an, vor einer unsichtbaren Twitter-Gemeinde statt vor einem ausverkauften Saal zu spielen? "Es ist ganz seltsam. Es ist sehr anders, aber es ist überraschenderweise beinahe intensiver geworden", so Levit. Und noch etwas Positives kann der Künstler der Situation abgewinnen: Plötzlich ist die Musik kein für Feinschmecker sonderverpacktes Produkt mehr, auch keine "Geldpresse" für die Veranstalter, sondern das, als was sie geboren ist - ein Mittel, Gemeinsamkeit mit anderen Menschen zu erleben. "Und dann geht es nicht ums Repertoire. Ob ich nun Beethoven, Mozart, Stockhausen oder Paulchen Panther spiele: Es geht nur ums Miteinander. Willkommen in der Realität!"

Geteiltes Bild: links Kameras auf Stativen, rechts Igor Levit (Igor Levit)

"Willkommen in der Realität!": Levits Equipment für die Hauskonzerte

Das mit "Paulchen Panther" war vielleicht etwas übertrieben. Aber was die digitale Welt anbelangt, so sei ein Realitäts-Stresstest längst fällig, so Levit: "Wir sind bis jetzt zu leichtfertig mit dem Thema umgegangen, was Digitalität wirklich bedeutet. Wir stecken da noch in den Kinderschuhen."

"An drei Herzen werden sie zu erkennen sein"

Thorsten Schmidt muss sich, wie jeder Intendant, natürlich auch andere Gedanken machen: Wie überlebt ein Unternehmen, das ein Festival ja ist, in den Zeiten der Krise? Regel Nummer 1: den Kundenstamm bewahren. Und so laden der Heidelberger Frühling und Igor Levit zu zwei Liveabenden ein, live gestreamt auf der Festival-Website.

Das erste Livestream-Konzert wird am Donnerstag, dem 26. März um 19.30 Uhr veranstaltet, Levit musiziert mit der Cellistin Julia Hagen, es gibt Brahms und Beethoven. Am Freitag, den 27. März, widmet sich Igor Levit einem der zentralen Solowerke des 21. Jahrhunderts - den 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch. Das reale Konzert war längst ausverkauft. Alle Kartenkäufer werden aufgerufen, keine Erstattung zu verlangen, sondern vielmehr für die Stiftung zu spenden, die Künstler in extremer Notlage unterstützen wird. Sonst riskiert man, leere Bühnen vorzufinden, wenn die Krise vorbei ist.

Geht es weiter mit den Hauskonzerten? "Natürlich, jeden Abend!", versichert der Pianist. Er wird spielen, und bunte Herzchen werden aufflattern. "Was machen wir bloß, wenn Corona vorbei ist und Igor wieder auf Tournee geht?", fragt jemand. "Zu seinen Konzerte gehen", lauten gleich mehrere Antworten, "Karten kaufen!". "Aber wie erkennen wir uns dann im Konzertsaal?". "An drei blauen Herzen!", schlägt jemand vor.