Bayreuther Festspiele wegen der Corona-Pandemie abgesagt | Kultur | DW | 01.04.2020
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Festspiel-Sommer

Bayreuther Festspiele wegen der Corona-Pandemie abgesagt

Die Bayreuther Festspiele haben so manches überstanden, aber nicht Corona. Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit werden sie 2020 wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden. Gesundheit geht vor – Wagner muss warten.

Frontalansicht des Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth (picture-alliance/dpa/M. Merz)

In diesem Jahr wird der "Grüne Hügel" von Bayreuth menschenleer bleiben

Es war zu erwarten, aber es ist trotzdem ein Schock: Am 31. März 2020 trafen der Stiftungsrat, die Geschäftsführung und die künstlerische Leitung der Bayreuther Festspiele endgültig die Entscheidung, dass das Festival in diesem Jahr nicht stattfinden kann.

"Natürlich sind wir traurig, gerade weil wir uns auf eine spannende Neuproduktion des 'Rings des Nibelungen' gefreut haben", kommentierte Festspielleiterin Katharina Wagner die Entscheidung.

Traditionell werden die Festspiele jedes Jahr am 25. Juli eröffnet und laufen bis Ende August. "Ich glaube aber, dass die Leute gerade in diesen Zeiten verstehen, dass man eine Entscheidung für die Gesundheit trifft", erklärt Wagner.

Eroeffnung Bayreuther Festspiele 2015 mit Angela Merkel (picture-alliance/Eventpress/Herrmann)

Historisches Foto: Opernfan Angela Merkel bei der Eröffnung der Festspiele 2015 in Bayreuth

Entscheidung von historischer Dimension

Die Absage der Bayreuther Festspiele ist für die Klassikwelt ein harter Schlag. Nicht nur, weil das Pilgern auf den Grünen Hügel im fränkischen Bayreuth zum alljährlichen Ritual der nationalen und internationalen Prominenz gehört. Oder weil die feierliche Eröffnung der Festspiele die einmalige Chance bieten, Bundeskanzlerin Angela Merkel mal in Abendgarderobe statt im Hosenanzug zu sehen.

Und auch nicht, weil das Festival eines der wichtigsten Ereignisse des europäischen Kulturjahres ist - erst recht, wenn es eine Neuinszenierung des Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen" gegeben hätte, wie es in diesem Jahrgang der Fall geplant war. Mit Bayreuth ist mit der Absage erneut eine traditionelle Festung im Kampf der Kultur gegen Corona gefallen – wenn auch vorübergehend.

Schild Wolfgang-Wagner-Platz vor Festspielhaus Bayreuth (picture-alliance/dpa/D. Karmann)

Alle Produktionen für die Bayreuther Festspiele 2020 sind abgesagt

Von den Anfängen bis zu "Neubayreuth"

Die Bayreuther Festspiele haben schon so manche Krise überstanden. Richard Wagners gewagtes Projekt, ein Festival nur mit seinen eigenen Werken zu veranstalten, ging gleich nach dem ersten Durchlauf im Jahre 1876 pleite und konnte erst 1882 wiederbelebt werden. Auch die beiden Weltkriege Anfang des 20. Jahrhunderts und die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre machten den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung: 1882 bis 1944 fielen die Festspiele insgesamt 16 Mal aus.

 Richard-Wagner-Skulptur auf einer Parkbank (picture-alliance/dpa/N. Armer)

Denkmal: Richard Wagner in Bronze

Nach dem 2. Weltkrieg gab es vor allem politische Gründe für den sechsjährigen Ausfall des Festivals: Die Bayreuther Festspiele mussten sich vom Schatten der braunen NS-Vergangenheit befreien, namentlich ihre Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten und die freundschaftliche Verbindung zwischen Festspielleiterin Winifred Wagner und dem damaligen Reichskanzler und "Führer" Adolf Hitler.

1951 entstand wie Phönix aus der Asche das sogenannte "Neubayreuth". Es leitete die moderne Ära ein, die Jahr für Jahr das kulturelle Bild Deutschlands wieder geprägt hat – bis heute. Noch Mitte März 2020 schien eine Absage der weltberühmten Festspiele undenkbar. Bis zum letzten Moment, so Katharina Wagner, wurden "alle Optionen mehrfach diskutiert". Auch an eine verkleinerte Festival-Ausgabe wurde gedacht.

"Soziale Distanz" im Opernhaus nicht machbar 

Die komplette Absage für das Jahr 2020 blieb dann doch alternativlos: In dem berühmten Festspielhaus  sitzt das meist ältere Publikum in einem nicht klimatisierten Raum - ohne Zwischengänge - Abend für Abend auf 1.974 harten Klappstühlen dicht beieinander - und das stundenlang. 

Bayreuth Festspielhaus 1960 (Getty Images)

Enge Sitzreihen: Historisches Foto vom Zuschauerraum im Festspielhaus (1960)

Bei den Künstlern ist die Lage nicht weniger gravierend: Bei entsprechender Regie hätten die Sänger zwar auf der geräumigen Bühne die "soziale Distanz" einhalten können, doch im versteckten Orchestergraben unter der Bühne sitzen die Instrumentalisten samt Dirigenten so eng, dass dieser Graben schon mal liebevoll die "Sardinendose" genannt wird.

Die Temperatur dort ist meist hoch und die Luft so stickig, dass die Musiker statt schwarzer Kluft kurze Hosen und leichte Sommerkleidung tragen. Diese lieb gewonnenen Bayreuther Besonderheiten bedeuten in Zeiten des Corona-Virus jedoch eins: höchstes Ansteckungsrisiko.

Neuinszenierung des "Ring" auf 2022 verschoben

Eine Neuinszenierung des zentralen Werks Richard Wagners, des vierteiligen Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen", ist immer wieder das wichtigste Ereignis der Bayreuther Festspiele. Das geschieht nur alle sechs bis zehn Jahre. Die 2020er Produktion wäre erst die 15. in der gesamten Festspielgeschichte gewesen.

Sie wurde mit umso großer Spannung erwartet, weil sie diesmal zwei Newcomern anvertraut war: dem jungen österreichischen Regisseur Valentin Schwarz, der in diesem Jahr erst 31 Jahre alt wird, und dem 39-jährigen finnischen Dirigenten Pietari Inkinen. Der Beginn der Proben war für den 1. April 2020 angesetzt.

Bayreuther Festspiele künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin Katharina Wagner (picture-alliance/dpa/N. Armer)

Schmerzliche Entscheidung: Die künstlerische Leiterin der Festspiele, Katharina Wagner

Nun müssen beide Künstler mindestens zwei Jahre auf ihr Debüt am Grünen Hügel warten: Der "Ring"-Zyklus ist gleich um zwei Jahre auf 2022 verschoben worden. Warum gleich zwei Jahre und nicht nur eins?, mag sich so mancher fragen. Das habe nichts mit Corona-Perspektiven, sondern einzig mit dem besonderem Probenablauf der Mammut-Inszenierung zu tun, erklärt Katharina Wagner: "Nächstes Jahr wäre der "Ring" eine Wiederaufnahme gewesen, was bedeutet, dass die Künstler später angereist wären, als man es für eine Neuproduktion bräuchte", erklärt die Festspielleiterin.

Für den Frühling 2021 haben die "Ring"-Sänger aber bereits andere Engagements und stünden für die erweitere Probenarbeit in Bayreuth nicht zur Verfügung. 2021 sind auch Wiederaufnahmen anderer Wagner-Oper sowie eine Neuinszenierung des "Fliegenden Holländers" geplant. Vorausgesetzt, die Corona-Pandemie ist bis dahin besiegt.

Finanzielle Folgen der Absage für das Festival sind derzeit, so das Pressebüro des Festivals gegenüber der DW, noch nicht abzuschätzen. Für die Stadt Bayreuth, die im Sommer über Wochen Tausende Wagnerianer in den schamlos überteuerten Hotels beherbergt, wird es auf jeden Fall einen harten finanziellen Einschnitt bedeuten.

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