Gibt es längst ein Medikament gegen das neue Coronavirus? | Wissen & Umwelt | DW | 06.04.2020
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Medizinische Studien

Gibt es längst ein Medikament gegen das neue Coronavirus?

Parallel zur Impfstoff-Entwicklung prüfen Ärzte weltweit, ob bereits vorhandene Wirkstoffe auch gegen SARS-CoV-2 helfen können. Das spart wertvolle Zeit und kann Leben retten.

Vielleicht muss ja gar kein neues Medikament gegen das neuartige Coronavirus SARS CoV-2 gefunden werden. Möglicherweise helfen auch bereits vorhandene Wirkstoffe gegen den COVID-19-Erreger.

Der Vorteil des "Repurposing" genannten Verfahrens ist offenkundig, denn bereits zugelassene oder entwickelte Medikamente umzufunktionieren, ist nicht nur günstiger, sondern vor allem viel schneller, weil man die langwierigen klinischen Testphasen abkürzen kann.

Zwar sind weltweit mindestens 68 Impfstoffprojekte angelaufen, aber auch wenn noch in 2020 ein geeigneter Impfstoff gefunden wird, hält der deutsche Pharmaverband VfA Massenimpfungen selbst in Deutschland noch in diesem Jahr für unwahrscheinlich. Deshalb bleibt als Alternative nur entweder eine weitere monatelange Isolation oder eine Behandlung mit bereits vorhandenen oder entwickelten Wirkstoffen. 

Welcher Wirkstoff oder welches Medikament auch immer am Ende am sinnvollsten gegen das neue Coronavirus eingesetzt wird: Zunächst müssen die nötigen Tests und Entscheidungen der Arzneimittelbehörden abgewartet werden.

Eindringlich warnen alle Experten vor möglichen Nebenwirkungen, erst recht bei einer Selbstmedikation ohne Abstimmung mit einem Arzt! 

Also bitte abwarten und nicht aus Angst einfach irgendein Medikament schlucken! 

Mehr dazu: Kommt ein Corona-Medikament aus Kuba nach Deutschland?

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Medikamente gegen COVID-19

Drei verschiedene Medikamenten-Gruppen

Momentan werden vor allem drei Medikamenten-Gruppen auf die Wirksamkeit gegen das neue Coronavirus SARS-CoV-2 untersucht: 

Antivirale Medikamente sollen die Vermehrung der Viren blockieren oder verhindern, dass sie in Lungenzellen eindringen. Antivirale Medikamente wurden zum Beispiel gegen die normale Influenza-Grippe, gegen Hepatitis C, aber auch gegen HIV, Ebola und vor allem gegen die beiden ebenfalls durch Coronaviren hervorgerufenen Krankheiten SARS oder MERS entwickelt. Geprüft werden auch altbekannte Malaria-Medikamente, deren Wirksamkeit gegen Viren erst vor kurzem entdeckt wurde. 

Immunmodulatoren sollen die Abwehrreaktionen des Körpers so begrenzen, dass das Immunsystem nicht überreagiert und den Körper zusätzlich lebensbedrohlich schädigt. Entwickelt wurden diese Immunmodulatoren zum Beispiel für die Behandlung von Arthritis oder entzündlichen Darmerkrankungen. 

Medikamente zum Schutz der Lunge sollen verhindern, dass die Lunge das Blut nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Entwickelt wurden die Medikamente zum Beispiel gegen die oftmals tödlich endende idiopathische Lungenfibrose, bei der die krankhafte Vermehrung des Bindegewebes zwischen den Lungenbläschen und den sie umgebenden Blutgefäßen für eine Versteifung der Lunge führt. Die Atmung wird oberflächlich und schnell. Atemnot und trockener Reizhusten sind die Folgen. 

Wirkstoffe gegen SARS, MERS, Ebola, Influenza 

Naheliegend ist natürlich, antivirale Medikamente umzuwidmen, die bereits gegen andere Coronaviren gewirkt haben. Schließlich werden sowohl das Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS) als auch das Middle East Respiratory Syndrome (MERS) von Coronaviren verursacht. Und der neue Erreger SARS-CoV-2 gilt als Variante des SARS-Erregers von 2002.

Im Labor zeigte der ursprünglich gegen Ebola-Infektionen entwickelte Wirkstoff Remdesivir auch bei SARS- und MERS-Coronaviren Wirkung. Allerdings ist das vom US-Pharmaunternehmen Gilead Sciences entwickelte Remdesivir bislang noch in keinem Land weltweit offiziell zugelassen. In den USA, aber auch in China laufen derzeit klinische Studien mit Remdesivir. 

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Corona bei Vorerkrankungen

Für einen regelrechten Hype sorgt weltweit das japanische Grippemittel Avigan, das den bereits seit 2014 in Japan und jetzt auch in China zugelassenen Wirkstoff Favilavir enthält. Entwickelt wurde es von der Pharmasparte der Fujifilm Holding in Japan. Dieses Virostatikum wird eigentlich gegen Influenza eingesetzt, weil es die virale RNA-Polymerase hemmt und wie Remdesivir gegen verschiedene RNA-Viren wirken soll.

2014 wurde es erfolgreich gegen Ebola eingesetzt. 2016 lieferte die japanische Regierung Favipiravir als Nothilfe zur Bekämpfung der Ebola-Seuche nach Guinea. Auch aus dem chinesischen Wuhan, dem Epizentrum des neuartigen Coronavirus, sollen laut chinesischer Regierung vielversprechende klinische Studien mit Avigan vorliegen.

Daraufhin gab es erst in Asien und jetzt auch weltweit einen regelrechten Ansturm auf Avigan, das auch der deutsche Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité nach einigen Tests in Italien als "vielversprechend" bezeichnete. Japan hat vorsorglich zwei Millionen Pakete Avigan gebunkert. Andere Länder wie Indonesien mit rund 270 Millionen Einwohnern, aber wohl auch Deutschland, haben bereits Millionen Tablettenpackungen bestellt, obwohl die eigentlichen Tests noch längst nicht abgeschlossen sind. 

Wirkstoffe gegen Malaria

Für große Aufregung sorgte in den vergangenen Wochen auch das altbekannte Malaria-Medikament Resochin. Dessen Wirkstoff Chloroquin wurde früher als Malaria-Prophylaxe eingesetzt. In den letzten Jahren wurde er allerdings nur noch selten verschrieben. Bei Tests in Marseille soll der Wirkstoff Chloroquin an Zellkulturen eine Hemmung der Vermehrung des neuartigen Coronavirus gezeigt haben, wodurch bei schwereren Krankheitsverläufen die Viruslast der Patienten gesenkt werde. Der Wirkstoff könne deshalb auch antiviral eingesetzt werden, berichten die Mediziner.

Bislang allerdings wird das bereits in den 1930ern entwickelte Medikament Resochin von Bayer lediglich an einem Standort in Pakistan hergestellt. Möglichst schnell will der deutsche Pharma- und Chemiekonzern jetzt aber auch in Europa Produktionsmöglichkeiten für den Wirkstoff Chloroquin schaffen und das Medikament kostenlos an Regierungen spenden. Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat bereits "größere Mengen" des Medikaments reserviert. 

Geprüft werden derzeit auch andere Malaria-Medikamente mit dem ähnlichen Wirkstoff Hydroxychloroquin. Bei positiven Bescheiden der Arzneimittelbehörden wollen Novartis und Sanofi ebenfalls Millionen Dosen zur Behandlung von Menschen weltweit zur Verfügung stellen.

Allerdings haben Virologen wie Christian Drosten von der Berliner Charité Bedenken bezüglich der Durchführung und der Aussagekraft der Studie in Marseille geäußert. 

Bedenken hatte auch das Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten geäußert, nachdem sich US-Präsident Donald Trump für den Einsatz von Chloroquin bei der Behandlung von COVID-19-Erkrankten ausgesprochen hatte. 

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Mit einem Krebsmedikament gegen Covid-19?

Wirkstoffe gegen HIV, Krebs, Multiple Sklerose, Asthma etc.

Große Hoffnungen knüpfen sich auch an ein HIV-Medikament mit der Wirkstoffkombination Lopinavir/Ritonavir. Das entsprechende Medikament Kaletra des US-Pharmakonzerns AbbVie wurde bereits in China, Thailand und Singapur versuchsweise als COVID-19-Therapeutikum eingesetzt. Die Ergebnisse sind allerdings nicht eindeutig, weitere Studien müssen folgen.

Laut dem Verband der forschenden Pharmaunternehmen werden zudem diverse Antikörper und Immuntherapeutika auf ihre Wirksamkeit gegen das neue Coronavirus geprüft. Zu den bereits zugelassenen oder experimentellen Wirkstoffen gehören der ursprünglich gegen HIV und tripel-negativen Brustkrebs entwickelte Antikörper Leronlimab von CytoDyn, zwei ursprünglich gegen MERS entwickelte Antikörper von Regeneron und der Wirkstoff Brilacidin von Innovation Pharmaceuticals, der eigentlich zur Therapie entzündlicher Darmerkrankungen und Entzündungen der Mundschleimhaut gedacht war.

Daneben gibt es aber noch eine Vielzahl in der Entwicklung befindlicher oder bereits zugelassener Wirkstoffe etwa gegen Grippe, Multiple Sklerose (MS), Brustkrebs, Arthritis, Asthma, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder Hepatitis. Sie werden jetzt ebenfalls auf eine Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2 getestet. 

Mehr dazu: Das Immunsystem im Kampf gegen Corona

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Corona-Impfung

So werden in China z.B. das MS-Medikament Fingolimod von Novartis und das Krebsmedikament Bevacizumab bei COVID-19-Patienten mit akuten Lungenproblemen eingesetzt. Ebenfalls bei Lungenschäden durch den SARS-CoV-2-Erreger soll der Antikörper Tocilizumab von Roche helfen, der normalerweise bei rheumatoider Arthritis und anderen Arthritis-Formen eingesetzt wird. 

Klinische Studien mit dem Wirkstoff Camostat Mesilat plant auch ein deutsches Konsortium unter Führung des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen. Dieser in Japan gegen Bauchspeicheldrüsenentzündung zugelassene Wirkstoff hemmt nämlich ein Enzym von Lungenzellen, das für das Eindringen der SARS-CoV-2-Viren essenziell ist. 

Gemeinsamer Kampf gegen SARS-CoV-2

Um möglichst schnell Klarheit über die Eignung der vorhandenen Medikamente zu gewinnen, hat die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMA daher an Unternehmen und Forschungseinrichtungen appelliert, für ihre Medikamente möglichst gemeinsame multinationale, aufeinander abgestimmte Patienten-Studien durchzuführen. 

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat vor kurzem eine großangelegte Studie angekündigt: In dieser SOLIDARITY genannten Studie sollen vier Medikamente in mehreren Ländern auf die Wirksamkeit gegen das neue Coronavirus getestet werden. Trotz aller Konkurrenz haben sich zahlreiche führende Pharmakonzerne zusammengetan, um neue therapeutische Medikamente (wie auch Impfstoffe und Diagnostika) gegen COVID-19 zu entwickeln. In einem ersten Schritt wollen sie ihre firmeneigenen Sammlungen von Molekülen, für die bereits einige Daten zu Sicherheit und Wirkungsweise vorliegen, zur Verfügung stellen. Für als aussichtsreich eingestufte Moleküle sollen dann binnen zwei Monaten auch Tierversuche beginnen. 

Mehr dazu: Mit Medikamenten aus Antikörpern gegen Corona

 

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