Gemeinschaften zusammenbringen, die vom Virus getrennt wurden | Presse | DW | 30.04.2020
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Presse

Gemeinschaften zusammenbringen, die vom Virus getrennt wurden

Die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zeigen in der Corona-Krise ihren hohen Stellenwert in der Gesellschaft, so Leiter der Europäischen Rundfunkunion (EBU) Noel Curran in einer Stellungnahme.

Noel Curran - EBU-Generaldirektor (Workers' Photos/S .Forrest)

EBU-Generaldirektor Noel Curran

Zu Beginn des Jahres gerieten die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten stark unter Druck, da die Regierungen die Berechtigung der Lizenzgebühren infrage stellten. Und jetzt, nur ein paar Monate später, ist die Welt eine ganz andere – eine zuvor Unvorstellbare. Die öffentlich-rechtlichen Medien haben diesen Wandel Schritt für Schritt begleitet – und damit ihren grossen Stellenwert für die Gesellschaft aufgezeigt.

Für den Bürger, der nach vertrauenswürdigen Nachrichten sucht, sind die öffentlich-rechtlichen Medien (ÖRM) oft die erste Anlaufstelle. Beeindruckend ist das Ausmass dieses Phänomens in ganz Europa. Die Zuschauerzahlen für ÖRM-Abendnachrichten sind durchschnittlich um über 20 Prozent gestiegen, in der Zielgruppe der jungen Zuschauer sogar um über 40 Prozent. Die tägliche Reichweite der ÖRM-Nachrichten-Websites hat sich in den meisten Schlüsselmärkten fast verdreifacht.

Aber was die aktuelle Krise meines Erachtens am deutlichsten gezeigt hat, ist welche zentrale Rolle die ÖRM in der Gesellschaft spielen – in verschiedenster Hinsicht: sei es bei der Bereitstellung von Lehrinhalten für das Homeschooling, der Organisation humanitärer Aktionen, der Unterstützung zur Solidaritätsförderung oder bei der Bekämpfung der gesellschaftlichen Isolation.

Unsere Mitglieder haben unzählige Wege gefunden, um Gemeinschaften näher zusammenzubringen, in einer Zeit, in der ein Virus uns auseinanderzubringen droht. So bietet etwa das BBC-Netzwerk der lokalen Radiostationen Beratung und Koordination für die Gemeinschaftshilfe. VRT in Belgien ermöglicht ihren Hörern im Rahmen von täglichen UGC-Sendungen den Austausch mit Familie und Freunden. Oder auch TVR, die öffentlich-rechtliche Fernsehgesellschaft Rumäniens, die eine Kampagne lanciert hat, die freundliche Gesten im Alltag zeigt.

Und genau darin sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gut – ihre Zuschauer und Hörer zu einer grossen Gemeinschaft zu vereinen und uns allen damit letztendlich die Einsamkeit ein wenig zu nehmen.

Wie also könnte die Post-Corona-Zukunft der ÖRM aussehen? Man könnte natürlich argumentieren, dass diese Entwicklung die zentrale Rolle der ÖRM gestärkt hat – als national verbindendes Glied der Gesellschaft, Quelle vertrauenswürdiger Nachrichten und unerschöpfliche Fundgrube der Unterhaltung für Menschen, die zuhause von der Gesellschaft isoliert sind.

Aber die Herausforderungen, denen sich der öffentliche Rundfunk heute stellen muss, sollten nicht unterschätzt werden. Die gesamte Medienbranche ist in einem Ausmass beeinträchtigt, das einmalig in ihrer Geschichte ist.

Die Neuplanung des Programms kam unsere Mitglieder teuer zu stehen.

 Zeitungen Corona (DW/J. Thurau)

Zeitungen berichten über Corona

Bereits vor der Krise standen die ÖRM unter finanziellem Druck. Über die letzten fünf Jahre haben die Finanzmittel der ÖRM in den EBU-Mitgliedsstaaten von 0,18 Prozent des BIP auf 0,159 Prozent abgenommen.

Angesichts der Vorhersagen einiger Ökonomen, dass die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit auf uns zukommt, sieht der Ausblick für viele öffentlich-rechtliche Sender düster aus.

Einige spüren den zunehmenden Druck bereits jetzt – in Ländern mit striktem Lockdown ist beispielsweise die Erhebung der Gebühren erschwert. Andere wiederum werden erst zu einem späteren Zeitpunkt betroffen sein, etwa die Länder, in denen die Finanzierung von externen Wirtschaftsindikatoren abhängt, bspw. dem BIP oder ertragsabhängigen Steuern.

Auch in vielen anderen Bereichen werden sich die negativen Folgen bemerkbar machen – über einen Einbruch der Werbeeinnahmen (die 10 Prozent zur Finanzierung unserer Mitglieder beitragen); den Ausfall von Sportveranstaltungen und -übertragungen und die Streichung von fiktionalen Produktionen (Rückgang von 61 Prozent seit Beginn des Jahres), was zu einer inflationären Zunahme von drehbuchlosen Formaten führen könnte, um diese Lücken zu füllen.

Die ÖRM stehen auch in der Verantwortung, die gesamte Rundfunkbranche aktiv zu fördern und zu unterstützen. Viele Mitglieder leisten einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung der unabhängigen Produktionsunternehmen, wie ITV in Grossbritannien, das einen neuen Entwicklungsfonds in Höhe von GBP 500 000 ins Leben gerufen hat, TG4 in Irland, der drei weitere Vergaberunden für die unabhängigen Anbieter angekündigt hat, oder ARD und ZDF in Deutschland, welche die Hälfte der krisenbedingten Zusatzkosten bei Auftragsproduktionen übernehmen.

Unsere Mitglieder unterstützen aber auch die Kreativbranche generell, sei es über Radiostationen, die vermehrt Musik-Eigenproduktionen spielen, oder über Investitionen in Heimkino-Angebote.

Wir stehen auch in der Verantwortung sicherzustellen, dass Regierungen und Behörden sich der zentralen Rolle der ÖRM in Krisenzeiten – heute wie in Zukunft – bewusst sind. Und jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, an dem wir auf unsere Kolleginnen und Kollegen der audiovisuellen Branche in Europa zugehen müssen, um einen Weg zu finden, uns gemeinsam für die Förderung europäischer Produktionen, Innovationen und Beschäftigung einzusetzen.

Es ist nicht möglich, über Nacht einen qualitativ hochstehenden Newsroom einzurichten. Es ist nicht möglich, innerhalb einer Woche das Vertrauen des Publikums zu gewinnen. Es ist nicht möglich, sich im Handumdrehen die Fähigkeiten anzueignen, die es für die Umsetzung eines solch breiten Angebotes braucht, wie es in Europa während dieser Krise zu finden war. Es braucht Zeit, Engagement, Investitionen und auch öffentliche und staatliche Unterstützung.