Wie Musikfestivals die Corona-Krise meistern | Musik | DW | 22.04.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Musikfestivals und Corona

Wie Musikfestivals die Corona-Krise meistern

Über 200 Festivals klassischer Musik gibt es in Deutschland. Viele von ihnen mussten wegen der Corona-Krise abgesagt werden. Doch es gibt auch neue Ideen rund um Bach und Beethoven.

Intendant Michael Maul vom Leipziger Bachfest ist noch immer überwältigt: "Es ist uns gelungen, musikalisch tatsächlich die ganze internationale Bachfamilie zusammenzubringen." Dabei musste das Bachfest im Juni, das in diesem Jahr unter dem Motto "Bach - We are family" stand, wie so viele Musikfestivals aufgrund der Corona-Krise abgesagt werden.

Das Trio "Podium Esslingen" hatte zur Osterzeit Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion in der Leipziger Thomaskirche vorgetragen. Weltweit konnten die Zuschauer das ursprünglich für das Bachfest geplante Konzert per Live-Stream verfolgen und nach Noten mitsingen.

Generalprobe - Johannes-Passion aus der Thomaskirche Leipzig

Thomaskantor Gotthold Schwarz singt mit Musikern die Choräle bei der virtuellen Johannes-Passion

Tausende User aus 76 Ländern hinterließen und hinterlassen immer noch begeisterte Kommentare, denn der Stream ist weiterhin abrufbar und hat mittlerweile über verschiedene digitale Ausspielwege 500.000 User erreicht. Für freischaffende Künstler wurden dabei 20.000 Euro an Spendengeldern gesammelt.

Fast 30 Prozent des Publikums hatten sich aus den USA zugeschaltet, gefolgt von Kanada und Brasilien über Europa, Japan bis hin nach Australien. "Ich weiß nicht, ob eine Bachaufführung schon einmal derart um den Erdball gegangen ist", sagte Michael Maul im Gespräch mit der Deutschen Welle. Doch auf den Lorbeeren will er sich nicht ausruhen. Das Motto des Bachfestes "Bach - We are Family" sei bereits jetzt schon mehr als ein Motto, meint er: "Es steht inzwischen für eine Bewegung."

Eine schwierige Lage für Veranstalter

Nach den jüngsten Entscheidungen der Bundesregierung sind bis zum 31. August alle Großveranstaltungen verboten. Rund 500 Musik-Festivals gibt es in Deutschland, davon über ein Drittel im Bereich der "Klassischen Musik", das ist weltweit einmalig. Viele Frühjahrs-Feste wurden bereits im Vorfeld abgesagt. So auch die Frühjahrsausgabe des Beethovenfestes, bei dem Stardirigent Teodor Currentzis Beethovens Sinfonien anlässlich des Beethoven-Jubliläums hätte dirigieren sollen.

Nach den neuen Bestimmungen sind weitere Festivals betroffen wie das Mozartfest in Würzburg oder die berühmten Bayreuther Festspiele.

"Es ist, als ob einem die gewohnte Nahrung entzogen würde," sagt die Intendantin des Beethovenfestes, Nike Wagner, gegenüber der DW. Es sei nicht nur der Verlust der Konzerte und Veranstaltungen, "es ist auch der Verlust von jahrelanger Vorarbeit: umsonst gedacht, geforscht, verhandelt". Ganz zu schweigen von all den abgesagten Auftritten, unter denen besonders die Musiker und Künstler leiden würden. 

Das Internet als Heilsbringer?

Portrait | Nike Wagner

Nike Wagner, Intendantin des Beethovenfestes hofft auf den September

Nike Wagner beobachtet derzeit genau, was andere Künstler und Festivals machen. Das eigentliche Beethovenfest findet am 4. September statt und ist bislang noch nicht konkret gefährdet. Dennoch fragt sich Nike Wagner, was die Corona-Krise auch längerfristig für den Theater- und Konzertbetrieb bedeutet: "Wird die Digitalisierung, die in Wirtschaft und Gesellschaft derzeit einen enormen Schub bekommt, auch die Künste erheblich verändern? Wird das Live-Erlebnis 'altmodisch' werden, wird das Publikum die virtualisierten Darstellungen einem Gemeinschaftserlebnis vorziehen?" Auch wenn man vieles am tradierten Kulturbetrieb kritisieren könne, so ist es für die Intendantin ausgeschlossen, dass dieser Kulturbetrieb in Frage gestellt wird.

Doch auch das Team um Nike Wagner hat nach dem Ausfall des "kleinen" Beethovenfestes im Frühjahr ein digitales Format entwickelt. "Wir haben uns hier bewusst um ein 'pädagogisches' Online-Format bemüht", erklärt die Intendantin der DW, "um etwas, was den Live-Betrieb zwar beflügelt und unterstützt, aber nicht den Anschein erweckt, ihn irgendwann ersetzen zu können."

Improvisationstalent ist gefragt

So waren im März-Programm unter anderem Workshops mit dem Bonner Stegreif-Orchester und Schülern geplant. Das Stegreif-Orchester ist ein improvisierendes Orchester, das die Nähe zum Publikum sucht und auf diese Weise neue Wege in die Klassik eröffnet. Jetzt haben die Musiker selbst neue Wege in die Digitalität finden müssen, wie Regisseurin Viola Schmitzer der Deutschen Welle erzählt. Zusammen mit Lydia Kappesser vom Education-Programm des Beethovenfestes hat sie das Konzept für einen Online-Workshop entwickelt. "Das war sehr aufregend und neu, denn sonst arbeite ich aktiv mit Gruppen." 

Mitglieder des Stegreif.orchesters auf einer kleinen Bühne vor Graffiti-Wände

Das Stegreif.orchester aus Bonn improvisiert rund um klassische Musik

Die Schüler sollten sich im ursprünglichen Workshop von den Noten lösen, improvisieren, umhergehen und sich beim Spielen gegenseitig ansehen. "Erst waren wir richtig traurig, dass der Workshop nicht stattfindet, weil wir gerade die Begegnung schätzen", sagt Viola Schmitzer, Regisseurin der Stegreif-Projekte. Im neuen Online-Projekt, das gerade zu Ende gegangen ist, konnten die Orchestermitglieder Videos erstellen mit Anleitungen und Erklärungen zu bestimmten Instrumenten oder spieltechnischen Themen am Beispiel von Beethovens Neunter Sinfonie.

Die Videos sind nicht nur für die 200 Workshop-Teilnehmer zugänglich, sondern dauerhaft über Youtube für alle, die Spaß an Improvisation und klassischer Musik haben. "Das Werkstattkonzert, das wir eigentlich am Ende mit den Schülern geplant hatten, findet natürlich nicht statt", bedauert Viola Schmitzer, aber vielleicht gäbe es die Möglichkeit bei einem Konzert im November einen echten Workshop-Tag nachzuholen.

"We are Family" geht in die zweite Runde

Wie es beim Bachfest weitergeht, welche Ideen sich noch realisieren lassen, hängt unter anderem von der finanziellen Lage ab. Rund zweieinhalb Millionen Euro kostet das Festival, das zuletzt 73.000 Besucher nach Leipzig lockte. Der Ausfall wird die Veranstalter eine Millionen Euro kosten. Unterstützt wird Intendant Michael Maul von der Stadt Leipzig und vom Land Sachsen. Jetzt stehen für ihn die Gespräche mit den Sponsoren an. Die hätten zwar viel Verständnis, steckten aber in der Corona-Krise oft auch selbst in Schwierigkeiten.

Intendant Bachfest Leipzig Michael Maul Portrait

Michael Maul, Intendant des Bachfestes, sprüht vor Ideen

Die internationale Bachfamilie will Maul trotzdem weiter motivieren. "60 Videos sind bereits von Usern eingegangen, die die Johannes-Passion mitgesungen haben", erzählt er begeistert. Aus diesen Videos soll eine zweite Fassung der Johannes-Passion entstehen. Wie das eigentliche Konzert, so soll auch die neue Fassung am 13. Juni in Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Rundfunk und dem Fernsehsender Arte ausgestrahlt werden. 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Andere Festivals hoffen noch weiter auf die Möglichkeit, wenigstens kleinere Konzerte aus ihrem Programm aufführen zu können. Auch die berühmten Salzburger Sommerfestspiele, die zum 100. Jubiläum vom 18. Juli bis zum 30. August stattfinden, sind noch nicht abgesagt. Die Präsidentin der Festspiele, Helga Rabl-Stadler, die bereits auf die Pfingstfestspiele verzichten musste, erklärte im Österreichischen Rundfunk: "Wir entscheiden im Mai. Vielleicht haben wir Glück." Immerhin, so meint sie, gebe es bei der Eindämmung des Virus in Österreich beachtliche Fortschritte.

Und auch Nike Wagner, die Intendantin des Beethovenfestes will sich durch Corona nicht entmutigen lassen: "Unser Festival liegt in zeitlicher Ferne, sodass wir über Alternativen nicht ernsthaft nachdenken müssen. Drücken Sie uns dennoch die Daumen, dass sich auch das Kulturleben bis dahin wieder normalisiert hat."

Die Redaktion empfiehlt