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Der Autoritarismus nimmt zu, die Pressefreiheit ab

Rodrigo Menegat Schuinski
30. April 2026

Der Weltpressefreiheitsindex 2026 zeichnet ein düsteres Bild: Mittlerweile werden drei von vier Ländern weltweit als "problematisch" oder schlechter eingestuft. Rund ein Dutzend Länder widersetzen sich diesem Trend.

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Palästinensische Gebiete Khan Yunis 2025 | Beerdigung der getöteten Fotojournalistin Mariam Dagga, Im Bild: Oberkörper-Brustbereich eines Mannes mit gepolsteter Presse-Weste, der staubig-schmutzige Fotokamera in den Händen hält, auf der rote Flecken (getrocknetes Blut) zu sehen sind. Im Hintergrund weitere Personen auf Sandboden
Die in Blut getränkte Kamera der getöteten Journalistin Mariam Dagga in Gaza: Die Arbeitsbedingungen für Journalisten sind weltweit deutlich schwieriger gewordenBild: AFP/Getty Images

Laut der Rangliste der Pressefreiheit 2026 von "Reporter ohne Grenzen" (RSF) sind die Möglichkeiten für Journalisten, sicher und unabhängig zu arbeiten, weltweit immer stärker bedroht.

Die Nichtregierungsorganisation, die seit 2002 jährlich über den Zustand des weltweiten Journalismus berichtet, definiert Pressefreiheit als "die Fähigkeit von Journalisten, als Einzelpersonen und als Gruppe, Nachrichten im öffentlichen Interesse auszuwählen, zu produzieren und zu verbreiten, unabhängig von politischer, wirtschaftlicher, rechtlicher und sozialer Einmischung und ohne Bedrohung ihrer körperlichen und psychischen Sicherheit".

RSF stuft die Lage der Pressefreiheit mittlerweile in rund drei Viertel aller Länder als "problematisch" oder schlechter ein. In mehr als der Hälfte aller Länder seien die Bedingungen für die Medien gar "schwierig" oder "sehr ernst". Noch im Jahr 2013 landete weniger als ein Drittel aller Länder in den Kategorien "schwierig" oder "sehr ernst", während insgesamt 71 Prozent aller Staaten als "problematisch" oder schlechter eingestuft wurden.

Zwar ist der Trend bei der Pressefreiheit weltweit insgesamt rückläufig; dennoch gibt es große regionale Unterschiede. Im Allgemeinen befinden sich die Länder mit der größten Pressefreiheit - darunter die vier Spitzenreiter Norwegen, Estland, die Niederlande und Dänemark - in Europa, während Journalisten in Teilen Afrikas und Asiens mit den schwierigsten Bedingungen konfrontiert sind.

Auch innerhalb der Regionen können die Unterschiede ausgeprägt sein. In Europa beispielsweise besteht eine starke Kluft zwischen den südlichen und östlichen Regionen, wo die Pressefreiheit stärker eingeschränkt ist, und den nördlichen und westlichen Regionen, wo die Länder im Allgemeinen als "zufriedenstellend" bis "gut" eingestuft werden. Ebenso sind Journalisten aus Nordafrika im Allgemeinen weniger frei als ihre Kollegen im südlichen Teil des Kontinents.

Unterschiedliche Wege in Polen und der Slowakei

Ein Beispiel für gegenläufige Entwicklungen findet sich im Herzen Europas: In Polen ist die Presse freier geworden, während in der Slowakei die Feindseligkeit gegenüber den Medien zugenommen hat. Beide Länder werden zwar weiterhin als "zufriedenstellend" eingestuft, entwickeln sich jedoch in völlig unterschiedliche Richtungen.

Laut RSF war der Regierungswechsel Ende 2023 ein Wendepunkt für Polen. Nachdem die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) abgewählt wurde, die sich gegen Abtreibung und LGBTQ+-Rechte aussprach und eine migrationsfeindliche Politik vorantrieb, verzichtete die neue Regierung auf verbale Angriffe und nahm gerichtliche Schritte gegen die Presse zurück. 

Slowakeis Ministerpräsident Robert Fico im Porträtbild
Seit seinem erneuten Amtsantritt sollen die verbalen Attacken auf Journalisten "eskaliert" sein: der slowakische Ministerpräsident Robert FicoBild: Vladimir Simicek/AFP/Getty Images

Im selben Jahr markierten auch in der Slowakei Wahlen einen Wendepunkt: Dort trat Robert Fico seine vierte Amtszeit als Ministerpräsident an, nachdem er zuvor mehrere Jahre in der Opposition verbracht hatte. "Fico blickt auf eine lange Karriere zurück, und es war immer seine These, dass Journalisten seine Feinde seien", sagt Lukas Diko, Chefredakteur des Investigativen Zentrums Jan Kuciak (ICJK), einer unabhängigen Nachrichtenorganisation, die nach einem während Ficos dritter Amtszeit ermordeten Journalisten benannt ist.

Kuciak hatte Verbindungen zwischen organisierten kriminellen Gruppen und Unternehmen in der Slowakei untersucht, die mit Mitgliedern von Ficos Regierungspartei in Verbindung standen. Kuciaks Ermordung führte zu einer Welle von Antikorruptionsprotesten, die 2018 zum Sturz von Ficos Regierung beitrugen. Und doch seien die Angriffe auf die Presse seit der Rückkehr des Ministerpräsidenten ins Amt eskaliert, sagt Diko: "Es gibt wirklich keinerlei Regeln mehr."

Diko zufolge habe die Angst, die durch den Mord an dem jungen Journalisten und die feindselige Rhetorik der Behörden ausgelöst wurde, viele davon abgehalten, eine Karriere als Journalist einzuschlagen. "Nicht mehr viele junge Menschen wollen Journalist werden", sagte er. "Der Mord an Kuciak ist nach wie vor ein Grund, warum sie davon Abstand nehmen; dass sie nicht Tag für Tag verbal angegriffen werden wollen, ein weiterer."

Angriffe auf die Presse als politische Strategie

Auch Argentinien ist im neuen Index stark zurückgefallen. Medienvertretern zufolge hätten gezielte Verleumdungskampagnen von Präsident Javier Milei, dessen rechtslibertäre Politik finanzielle Freiheiten über alles andere stellt, ein feindseliges Klima für Journalisten geschaffen. Milei nutzt häufig soziale Medien, um Kritiker anzugreifen und behauptet, Journalisten würden "nicht genug gehasst".

"Wenn Milei einen Journalisten beleidigt, tut er das nicht als Ökonom oder normaler Bürger", sagt Fernando Stanich, Präsident der FOPEA, einer Organisation, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt und qualitativ hochwertigen Journalismus in Argentinien fördert. "Er tut dies als oberster Vertreter des argentinischen Staates."

Stanich sagt, auch frühere argentinische Regierungen hätten sich der Presse gegenüber feindselig verhalten. So habe sich etwa die Peronistin Cristina Kirchner als Präsidentin von 2007 bis 2015 häufig mit den Medien angelegt. Doch das derzeitige Ausmaß an verbalen Angriffen auf Journalisten sei den Beobachtungen der FOPEA zufolge beispiellos.

Wie Milei in Argentinien und Fico in der Slowakei hat auch US-Präsident Donald Trump die Presse seit seinem ersten Wahlkampf im Jahr 2016 wiederholt beleidigt und bedroht. Auch die Vereinigten Staaten verzeichnen einen deutlichen Absturz im Weltpressefreiheitsranking, ebenso wie andere Länder, in denen die Staatschefs nach dem gleichen Muster vorgehen - wie beispielsweise El Salvador.

Flug von Japan nach Südkorea 2025 | Donald Trump spricht mit Reportern an Bord der Air Force One
Ist für seinen durchaus ruppigen Umgang mit JournalistInnen bekannt: US-Präsident Donald TrumpBild: Mark Schiefelbein/AP/picture alliance

Argentinien, die Slowakei und die Vereinigten Staaten zeigen, wie schnell Länder, die als relativ stabil und demokratisch gelten, journalistenfeindlich werden können. In Eritrea, China, Nordkorea und im Iran, die seit langem von autoritären Regimes regiert werden, die unabhängige Berichterstattung unterbinden, war die Presse noch nie frei.

Laut dem RSF-Bericht sind "bewaffnete Konflikte der Hauptgrund für den Rückgang der Pressefreiheit", beispielsweise im Irak, im Sudan, im Südsudan und im Jemen. Seit Beginn des Israel-Hamas-Krieges im Gazastreifen wurden laut dem Bericht mehr als 220 Journalisten von der israelischen Armee getötet, darunter mindestens 70 während ihrer Arbeit. Die radikalislamische Hamas wird von vielen westlichen Ländern und der EU als Terrororganisation eingestuft. 

Netzwerke werden wichtiger

Die Medienwissenschaftlerin Vera Slavtcheva-Petkova von der Universität Liverpool unterteilt die gesellschaftliche Bedrohungen der Pressefreiheit in drei Hauptkategorien. Der offensichtlichste Indikator sei der Einsatz politischer Strukturen zur Einschüchterung oder Schädigung von Journalisten - einschließlich verbaler Angriffe durch Amtsträger sowie Androhungen von Gewalt und Inhaftierung. Es gebe aber auch gesellschaftliche Faktoren wie die gezielte Verfolgung von Journalisten aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihrer sexuellen Orientierung, sowie den wirtschaftlichen Druck eines prekären Arbeitsmarktes in der Medienbranche, die die Pressefreiheit einschränken könnten.

Slavtcheva-Petkova erklärte, Journalisten könnten solchen Herausforderungen begegnen, indem sie sich zusammenschließen und mit Organisationen zusammenarbeiten, die ihre Werte teilen, darunter Wissenschaftler und Menschenrechtsaktivisten. Derartige Netzwerke dürften in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen - sowohl innerhalb der Länder als auch international.

Südafrika ist ein Beispiel für ein Land, in dem solche Strategien offenbar funktionieren. Im Weltpressefreiheitsindex von RSF hebt es sich deutlich von seinen Nachbarn in der Region ab. Das Land erhält seit 2013 durchgängig die Bewertung "zufriedenstellend", was zu einem stetigen Aufstieg in der Rangliste geführt hat, während andere Nationen zurückgefallen sind.

Die Journalistin und Medienwissenschaftlerin Glenda Daniels von der Witwatersrand-Universität in Johannesburg erklärt, eine starke Zivilgesellschaft habe Südafrika dabei geholfen, seinen Status zu bewahren, während die Pressefreiheit weltweit abnimmt. Trotz der Herausforderungen, mit denen Journalisten weltweit konfrontiert sind - darunter Vorurteile gegenüber und Bedrohungen für Frauen in den Medien sowie ein schrumpfender Arbeitsmarkt - sagte Daniels, starke Netzwerke hätten dazu beigetragen, die Pressefreiheit in Südafrika zu bewahren.

Daniels selbst ist Generalsekretärin des South African National Editors' Forum (SANEF), einer Organisation, die das Recht von Journalisten auf Ausübung ihrer Arbeit verteidigt. "SANEF ist laut und präsent", sagt sie. "Eine starke Zivilgesellschaft, eine starke Interessenvertretung und ein starker Aktivismus machen den Unterschied."

Bearbeitet von: Gianna Grün & Milan Gagnon

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