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PolitikEuropa

Grönland-Krise und Trump: Welche Optionen hat die EU?

Jack Parrock
21. Januar 2026

Die Grönland-Forderung von Donald Trump setzt Europa unter Zugzwang. In Davos verlangte der US-Präsident erneut die vollständige Kontrolle über die Arktisinsel. Am Donnerstag beraten die EU-Staaten über Gegenmaßnahmen.

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US-Präsident Donald Trump spricht beim Weltwirtschaftsforum in Davos
Setzt die Europäer unter Druck: US-Präsident Trump in DavosBild: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

US-Präsident Donald Trump hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erneut die vollständige Kontrolle über Grönland gefordert und die strategische Bedeutung der Insel betont. In seiner Rede erklärte Trump: "Grönland ist für die nationale und internationale Sicherheit unverzichtbar und nur die Vereinigten Staaten können es wirklich schützen." 

US Präsident Donald Trump mit WEF Chef Borge Brende in Davos
Welche Pläne hat Trump mit Grönland? Der US-Präsident wurde in Davos von WEF-Chef Borge Brende befragtBild: Jonathan Ernst/REUTERS

Trump bezeichnete die zum Königreich Dänemark gehörende Insel als "ein Stück Eis zum Schutz der Welt" und forderte "sofortige Verhandlungen" über einen Erwerb. Gleichzeitig erklärte Trump, er wolle keine Gewalt anwenden. Europa warnte er gleichwohl, die USA würden sich "an Entscheidungen erinnern", sollte es Widerstand geben.

Trumps Druckmittel

Schon vor seiner Reise nach Davos hatte der US-Präsident Strafmaßnahmen angekündigt, wenn die Europäer sich seinem Vorhaben widersetzen. Ab dem 1. Februar 2026 sollen Strafzölle von zehn Prozent auf Importe aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und Finnland in Kraft treten. Die Maßnahme ist ausdrücklich als politischer Hebel gedacht - also nicht als klassischer Handelsstreit, sondern als Druckmittel, um Europas Unterstützung für Dänemark und Grönland zu brechen.

Symbolbild zum Handel zwischen USA und der EU
Der transatlantische Handel würde unter einem Zollkrieg leidenBild: Ohde/Bildagentur-online/picture alliance

Zusätzlich stellte Trump eine weitere Eskalation in Aussicht: Sollte es "keinen Deal" geben, könnten die Zölle später auf bis zu 25 Prozent steigen. Er begründet seinen Kurs mit "nationaler Sicherheit" und koppelt wirtschaftliche Drohungen damit direkt an eine territoriale Forderung. In Brüssel wird das als Erpressungsversuch gegenüber Verbündeten verstanden und als Signal, dass die EU nun zu Gegenmaßnahmen greifen könnte. Dafür gibt es von Vergeltungszöllen bis hin zur Aktivierung des Anti-Coercion-Instruments mehrere Möglichkeiten.

Suche nach Geschlossenheit

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte Trumps Zollandrohung einen "Fehler" und kündigte eine Reaktion an, die "unerschrocken, geschlossen und angemessen" sein solle. Doch genau diese Geschlossenheit ist bislang nicht garantiert. Denn die europäischen Spitzenpolitiker haben drei Hauptoptionen, um auf die wirtschaftlichen Drohungen der Trump-Regierung zu reagieren. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wirbt vehement für den Einsatz der sogenannten "Handels-Bazooka", andere Regierungschefs wie Italiens Giorgia Meloni sind zurückhaltend.

Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz sucht eine mittlere Linie zwischen Macrons Forderung nach harten Gegenmaßnahmen und Staaten, die eine Eskalation um jeden Preis vermeiden wollen. Die "Bazooka" wäre ein bislang noch nie genutztes Instrument und würde in Washington vermutlich als massive Eskalation gewertet werden.

"Handels-Bazooka" wirkt erst spät

Das EU-Gesetzesinstrument, offiziell EU Anti-Coercion Instrument (ACI), auf Deutsch etwa: Anti-Zwangsmaßnahme, wurde erst 2023 überhaupt geschaffen. Eine Aktivierung würde es der Europäischen Kommission erlauben, weitreichende Handelsbarrieren gegen ein Land zu verhängen, das als Aggressor gilt. Das schließt potenziell auch Zugangsbeschränkungen zum Binnenmarkt oder Blockaden bei ausländischen Investitionen ein.

Blick in den Beratungsraum des EU-Gipfels in Brüssel
Auf einem Sondergipfel suchen die EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstag nach einer neuen Trump-StrategieBild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

"Das ACI enthält viele Werkzeuge, die bei Einsatz spürbare Wirkung entfalten könnten, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen oder Exportkontrollen für kritische Vorprodukte in US-Lieferketten", sagt Penny Naas, Senior Vice President beim German Marshall Fund, gegenüber der DW. "Das Instrument braucht allerdings Zeit, um umgesetzt zu werden." Die Aktivierung selbst kann mit einer qualifizierten Mehrheit im Rat relativ schnell gehen, die konkreten Maßnahmen benötigen jedoch Vorbereitungszeit. 

Tabubruch gegenüber Verbündeten

Das ACI wurde als Reaktion auf Chinas wirtschaftlichen Druck gegen Litauen geschaffen, als die Regierung dort Taiwans Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber Peking unterstützt hatte. Als Druckmittel gegen Verbündete war das ACI ursprünglich nicht gedacht. Zum Einsatz kommen könnte es gleichwohl.

Ignacio García Bercero war früher Chefunterhändler der EU beim umstrittenen Handelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA. Dieses scheiterte unter Präsident Barack Obama und wurde endgültig begraben, nachdem Trump 2016 erstmals ins Weiße Haus gewählt worden war. Bercero ist überzeugt, dass die Voraussetzungen für einen Einsatz des ACI bereits erfüllt seien. "Was jetzt mit Grönland passiert, ist der klarste denkbare Fall von Zwang", sagte Bercero in einem Interview mit der DW. "Es ist eine Bedrohung der territorialen Integrität eines EU-Mitgliedstaats."

EU droht USA mit Handels-Bazooka

Reichen 93 Milliarden Euro?

Die EU-Staats- und Regierungschefs könnten bei ihrem Gipfel am Donnerstag jedoch vor der ultimativen Waffe zurückschrecken. In den Hauptstädten herrscht die Sorge, Washington zu einer noch aggressiveren Politik zu provozieren. Ein mögliches Ergebnis des Treffens könnte daher sein, ein Paket von Gegenzöllen auf US-Produkte im Wert von 93 Milliarden Euro wiederzubeleben.

Dieses Paket war ursprünglich im vergangenen Jahr als Reaktion auf Zölle beschlossen worden, die Trump gegen Länder auf der ganzen Welt angekündigt hatte. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass diese Reaktion im Weißen Haus als zu weich interpretiert werden könnte.

US- und EU-Flagge im Wind an der Côte d’Azur
Der Streit um Grönland verschärft die transatlantische KriseBild: Jens Kalaene/dpa/picture alliance

Doch Heather Grabbe, Senior Fellow beim Thinktank Bruegel, glaubt, dass der Druck auf die US-Wirtschaft im Vorfeld der amerikanischen Zwischenwahlen erheblich sein könnte. "Diese Zölle wurden so ausgewählt, dass sie bestimmten Firmen besonders wehtun, die Trump beeinflussen können - etwa amerikanischen Zigarettenherstellern", sagte Grabbe in Brüssel gegenüber der DW. "Aber letztlich wird ein Handelskrieg, in dem es wechselseitig Zölle gibt, auch den Europäern schaden, weil wir stark exportorientiert sind." Viele Waren in den USA seien durch Trumps Zollpolitik bereits teurer geworden - das könne republikanische Kandidaten im Vorfeld der Zwischenwahlen belasten.

Handelsabkommen als Druckmittel

Als dritte Option könnte der EU-Gipfel einem Vorschlag folgen, der aktuell im Europäischen Parlament diskutiert wird. Dort fordern große politische Gruppen, das Handelsabkommen von 2025 mit den USA sofort zu verwerfen – als Reaktion auf die Zollandrohung im Zusammenhang mit Grönland. Aktuell hat das Parlament die Arbeit zur Umsetzung des im vergangenen Jahr geschlossenen Zolldeals bereits ausgesetzt.

Brüssel und Washington hatten im Sommer 2025 ein Abkommen unterzeichnet, in dem die EU akzeptierte, 15 Prozent Zölle im Handel mit den USA hinzunehmen - statt der ursprünglich von Trump angekündigten 20 Prozent, die er an einem Tag ausgerufen hatte, den er "Liberation Day" nannte. Als Gegenleistung für diese Reduzierung um fünf Prozentpunkte erklärte sich die EU bereit, keine Zölle gegen die USA zu erheben und von der Einführung des 93-Milliarden-Pakets Abstand zu nehmen.

Blick in den Datenraum eines KI-Rechenzentrums
Verschärfte IT-Regulierung? Blick in den Datenraum eines KI-RechenzentrumsBild: Noah Berger/AP Images/picture alliance

Damals bezeichnete Alberto Alemanno, Professor für Europarecht an der HEC Paris, das als "wirtschaftliche Kapitulation" der Europäischen Union. Er sagt, die EU könne die USA nun dort treffen, wo es wirklich weh tue.

"Europas tatsächlicher Hebel besteht nicht darin, Trumps Zölle einfach zu spiegeln", analysiert Alemanno. "Er liegt in dem, was die amerikanische Regierung am meisten stört: Europas hohe Standards, der Schutz unserer Menschen und Märkte. Das geht vom Datenschutz über KI-Regulierung bis hin zur weltweiten Unternehmensverantwortung." Europa müsse deshalb die Durchsetzung verschärfen und seine regulatorischen Standards noch stärker als bisher exportieren. Ob eine der Optionen Trump zu einem Kurswechsel zwingen würde, ist allerdings offen.

Aus dem Englischen adaptiert und aktualisiert von Andreas Noll.