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Wird Russland demnächst Plutonium-Brennelemente auf dem internationalen Markt verkaufen?

28. Mai 2003

– Über die Folgen der Einfuhr von radioaktivem Müll und den Zustand der russischen Atomkraftwerke

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Moskau, 27.5.2003, MOSKOWSKIJ KOMSOMOLEZ, russ., S. Metelewa

(...) Allein im letzten Monat haben sich die Beamten des russischen Atomministeriums geweigert, 15 Atomreaktoren stillzulegen, die nicht weniger gefährlich sind als das AKW Tschernobyl und seit langem am Rande des Abgrunds stehen, die Einfuhr von 20 Tonnen Atommüll aus Bulgarien genehmigt und vorgeschlagen, Waffenplutonium, die gefährlichste atomare Füllung, auf dem internationalen Markt zu verkaufen.

"Wir lagern Atommüll. Preiswert"

Mit Beginn des Sommers wird Russland reicher. Um 20 Tonnen abgebrannter Brennstäbe aus Bulgarien. Vertreter des Atomministeriums rechnen damit, bereits Ende Mai eine Genehmigung zu erhalten. In der ersten Junihälfte soll der bulgarische radioaktive Müll in der Anlage "Majak", Gebiet Tscheljabinsk, eintreffen. Der Zug mit dem Atommüll wird auf seinem Weg nach Tscheljabinsk Moldova, Transnistrien und die Ukraine passieren.

Die Gesamtsumme des Geschäftes beträgt etwa 12,5 Millionen Dollar. Der Import der abgebrannten Brennstäbe ist nicht nur für Tausende Einwohner Russlands gefährlich, sondern auch wirtschaftlich unvorteilhaft.

"Majak", die einzige Anlage zur Wiederaufbereitung von Atommüll in Russland, nimmt den radioaktiven Müll zu Dumpingpreisen an: von 300 bis 620 Dollar je Kilo. Die europäischen Betriebe kassieren dafür 1200 bis 1500 Dollar. Noch im Jahr 1998 hat einer der wichtigsten Befürworter der Einfuhr von Atommüll, der ehemalige Chef des Atomministeriums, Jewgenij Adamow, behauptet, dass es erst bei mindestens 1000 Dollar je Kilo wirtschaftlich zweckmäßig ist, radioaktiven Müll einzuführen. Das bedeutet, dass wir zum Nachteil für uns selbst unser Land in einen Friedhof radioaktiver Abfälle verwandeln. Dem Direktor von "Majak", Witalij Sadownikow, zufolge hat die Wiederaufbereitung der Atomabfälle im Jahr 2002 nicht einmal die Betriebsausgaben gedeckt.

Außerdem widersprechen die "rituellen Dienste" des Atomministeriums den russischen Gesetzen. Gemäß drei Gesetzen, die die Einfuhr von Atommüll nach Russland erlauben (angenommen im Sommer 2001), muss ein jedes Geschäft mit der Einfuhr von Atommüll ökologisch begutachtet, sowie einer Expertise einer Sonderkommission unterzogen werden, die der Präsident durch einen Sondererlass am 10. Juli 2001 ins Leben gerufen hat. Die Genehmigung dieser Kommission kann jedoch nicht eingeholt werden – ihre Zusammensetzung wurde immer noch nicht bestätigt.

Am meisten besorgt jedoch die Fachleute aller Länder der Transport der radioaktiven Abfälle. Ein unabhängiges Institut hat kürzlich zum ersten Mal untersucht, wie sicher der Atommülltransport in Russland ist. "Beim Transport von radioaktivem Material in Russland", heißt es im Bericht des Instituts, "kommt es zwei bis drei Mal häufiger zu Havarien und Katastrophen als in anderen Industriestaaten."

In Russland gibt es derzeit etwa 16 000 Tonnen abgebrannter Brennstäbe, deren Schicksal noch nicht entschieden ist. Allein in der "Majak"-Anlage wurden radioaktive Abfälle von einer Gesamtaktivität von 1 Milliarde Curie angehäuft. 20 Mal mehr, als in Tschernobyl freigesetzt wurde.

Ein Tschernobyl mehr...

Im Juli letzten Jahren gab Finnland bekannt, dass es 10 Millionen Euro für ein Programm zur Erhöhung der radioaktiven Sicherheit des Nordwestens Russlands bereitstellt. Die Vereinbarungen mit der finnischen Seite sahen nicht nur die Bereitstellung der Gelder, sondern auch die gemeinsame Modernisierung der alten Reaktoren mit den Finnen voraus. Heute versucht unsere Regierung mit aller Kraft, die Arbeit zu stoppen. Dem Leiter der finnischen Behörde für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit, Jukka Laaksonen, zufolge, behindern die russischen Machtorgane die finnischen Fachleute in allem, sogar durch die Verzögerung von Visa.

"Russland braucht Gelder für die nukleare Sicherheit", sagte Wladimir Sliwjak, Kovorsitzender der Umweltgruppe "Ekosaschtschita" (Umweltschutz – MD). "Die ausländischen Fachleute halten die Reaktoren der ersten Generation für sehr gefährlich und fordern deren Schließung. Das Atomministerium versucht jedoch auf jegliche Art und Weise, diese möglichst lange in Betrieb zu behalten."

Finnland hat bereits mehrere Millionen Euro in die Erhöhung der Sicherheit der ältesten und gefährlichsten AKW Russlands, die AKW Leningrad und Kola, investiert. In diesen Kraftwerken sind sowjetische Reaktoren der ersten Generation in Betrieb: RBMK-Reaktoren (Druckröhren–Siedewasserreaktoren wie im AKW Tschernobyl - MD) im AKW Leningrad, WWER-440/230-Reaktoren im AKW Kola. Fachleute sind der Ansicht, dass diese wegen ihrer besonderen Konstruktion nicht so modernisiert werden können, dass sie den modernen Sicherheitsstandards entsprechen. Außerhalb Russlands wurden bereits alle RBMK-Reaktoren entweder stillgelegt (AKW Tschernobyl in der Ukraine), oder man bereitet sich darauf vor, sie stillzulegen (AKW Ignalina, Litauen). Nur in Russland sind weiterhin 15 äußerst gefährliche Reaktoren in Betrieb, deren "Dienstzeit" demnächst ausläuft. Es gibt jedoch immer noch keine Pläne für deren Stillegung.

Die G-7-Staaten haben außerdem im Jahr 1993 ein Sonderkonto für die nukleare Sicherheit eröffnet, aus dem die Schließung der Reaktoren der ersten Generation finanziert werden sollte. Russland hat die Mittel bekommen, sich jedoch geweigert, die Reaktoren stillzulegen. So ist der erste Block des AKW Kursk, der völlig dem Reaktor von Tschernobyl entspricht, immer noch in Betrieb. (...)

Plutonium für den internationalen Terrorismus

Am 7. April 2003 wurde beim Atomministerium die Verordnung Nr.150 unterzeichnet. Eine Verordnung über den Bau in der Stadt Sewersk, Gebiet Tomsk, eines Betriebes zur Herstellung von nuklearen Brennstäben unter Anwendung von Waffenplutonium. Plutonium ist der gefährlichste und giftigste Stoff, den der Mensch kennt. Seine Halbwertzeit beträgt 24 000 Jahre. (...)

Pläne unserer Beamten sehen vor, dass die Anlage im Rahmen des russisch-amerikanischen Programms zur Liquidierung von Waffenplutonium errichtet wird. Im Jahr 2000 haben die Regierungen Russlands und der USA tatsächlich einen Vertrag über die Liquidierung von 68 Tonnen Waffenplutonium (je 34 Tonnen) unterzeichnet. Die Kosten des russischen Teils des Programms belaufen sich auf über 1 Milliarde Dollar, die der amerikanischen auf 4,6 Milliarden Dollar. Es wird davon ausgegangen, dass das Plutonium jetzt zu friedlichen Zwecken verwendet wird, für die Herstellung von sogenannten MOX-Brennelementen, die in AKW eingesetzt werden sollen.

Das Problem ist jedoch, dass in Russland lediglich ein Reaktor so geplant wurde, dass er mit Plutonium arbeiten kann. Der BN-600-Reaktor im AKW Belojarsk. Dessen Kapazitäten sind jedoch zu gering, um 34 Tonnen Plutonium bis 2024 zu beseitigen, wie das das russisch-amerikanische Programm vorsieht. Die russischen Beamten haben einen Ausweg gefunden: wir werden Plutonium in den Reaktoren verbrennen, die dafür nicht geeignet sind, in den WWER-1000-Reaktoren. Da schlagen nicht nur die Umweltschützer, sondern auch die Atomphysiker Alarm und bezeichnen das Vorhaben des Atomministeriums als "äußerst riskantes Experiment".

Sogar vor den Forschungsergebnissen beim Verbrennen von MOX-Brennelementen in WWER-Reaktoren machen die Leiter der Ministerien nicht halt. Im Forschungsbericht heißt es: "Sollte es in einem mit Plutonium gefüllten Reaktor zu einer Havarie kommen, so wird die Umwelt zwei bis drei Mal stärker verseucht sein, als bei ‚gewöhnlichem‘ Uranbrennstoff."

Das Schlimmste ist jedoch, wie leicht wieder Waffenplutonium aus MOX-Brennelementen gewonnen werden kann. Muss man denn erklären, wozu z. B. Islamkrieger Waffenplutonium einsetzen könnten?... Es wird sehr einfach sein, an den Rohstoff heranzukommen: beim Transport stehlen oder aus der Anlage entwenden. Bei unserem Durcheinander ist das nur eine Frage des Geldes.

Die Fachleute sind überzeugt, dass das MOX-Programm auch das sonst schwache Hindernis beseitigen wird, das die zivile Atomindustrie von der militärischen trennt. "Die friedliche Nutzung von Plutonium ist teuer und für die Umwelt, die Bevölkerung und die Atomindustrie selbst schädlich", so Herr Sliwjak. "Unsere Beamten sind jedoch bestrebt, dieses gefährliche Material um jeden Preis beizubehalten. Und das ungeachtet der Tatsache, dass sich praktisch alle internationalen Umweltorganisationen gegen dieses Programm ausgesprochen haben."

Und noch etwas. Uns vorliegenden Angaben zufolge wird beim Atomministerium ein neuer Plan erörtert. Jetzt wollen wir Plutonium-Brennelemente auf dem internationalen Markt verkaufen.

Sollte dieser Unsinn Wirklichkeit werden, so wird zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Waffenmaterial in den Verkauf gelangen, das bei der Herstellung von Atombomben benötigt wird. (...) (lr)