Wie die russisch-orthodoxe Kirche in Afrika Einfluss nimmt
18. März 2026
Seit drei Jahren finden sich Gläubige in Saint-André de Bimbo zum russisch-orthodoxen Gottesdienst zusammen. Die kleine Gemeinde liegt in der Stadt Bimbo ganz in der Nähe von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik.
Einer der Kirchgänger hier ist der 38-jährige Patrick. Er war Mitglied der römisch-katholischen Kirche, bevor er zur russisch-orthodoxen Kirche konvertierte. "Ich bin dieser Kirche beigetreten, weil mir die Lehren der Bibel gefallen, die Art und Weise, wie man mit uns spricht, und wie man uns durch das Gebet spirituell begleitet", sagt Patrick zur DW.
"Durch diesen Übertritt spüre ich, dass sich in meinem Leben eine positive Veränderung vollzieht. Ich fühle mich wohl in meiner neuen Kirche, meinem neuen Glauben, und ich werde diesen Weg weitergehen."
Liturgie auf Russisch? Kein Problem!
Auch die 35-jährige Olive ist glücklich, zur neuen Kirchengemeinde zu gehören. Berührungsängste zur russisch-orthodoxen Tradition hat sie nicht: "Der Glaube hat nichts zu tun mit der Nationalität. Wir alle verehren denselben Gott", sagt sie.
Sie fühle sich wohl - und das, obwohl die Liturgie auf Russisch gestaltet wird: "Das ist kein Problem, denn es gibt Dolmetscher, die uns verständlich machen, was auf Russisch gesagt wird."
Saint-André de Bimbo wird von Pater Marcel Voyémawa geleitet. Auch er ist übergetreten, war früher Priester der griechisch-orthodoxen Kirche. Die orthodoxen Kirchen sind geographisch in Patriarchaten organisiert, Afrika galt dem Patriarchat von Alexandria und damit der griechisch-orthodoxen Kirche zugehörig. Doch Voyémawa verteidigt die theologische Authentizität seiner neuen Kirche im kircheneigenen Radiosender Lengo Songo - dafür braucht es auch den einen oder anderen Fachbegriff:
"Hier haben wir die wahre dogmatische Theologie. Die orthodoxe Kirche besteht aus autokephalen (eigenständigen) Kirchen, von denen jede ihre eigene lokale Tradition hat. Was sie unterscheidet, ist vor allem die Sprache des Gottesdienstes."
Seiner Meinung nach basiert die russisch-orthodoxe Kirche auf universellen apostolischen Werten, ist also im Einklang mit der Lehre der Jünger Jesu. "Überall hinzugehen, das ist die Universalität der Kirche, das Apostolat. Das macht den orthodoxen Glauben und das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel aus, die die Kirche und die Kirchenväter treu bewahrt haben."
Saint-André de Bimbo ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie die russisch-orthodoxe Kirche Fuß gefasst hat. Sie baut ihre Präsenz in Afrika stetig aus: Laut Angaben des Patriarchats in Moskau sollen bereits 350 Gemeinden in über 30 afrikanischen Ländern existieren.
In Ländern wie Südafrika, Tansania, Uganda oder Kenia werden Gotteshäuser gebaut, deren Einrichtungen den Kirchen in Sankt Petersburg ähneln und mit den lokalen religiösen Traditionen wenig gemein haben.
Kirche als Soft Power in Afrika
Doch Experten raten zur Vorsicht, was die veröffentlichten Zahlen der Kirche angeht. So auch Regina Elsner, katholische Theologin und Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik an der Universität Münster. Sie geht davon aus, dass in den vergangenen Jahren weniger neue Kirchen auf dem Kontinent entstanden sind, als von der russischen Nationalkirche dargestellt.
"Die russisch-orthodoxe Kirche muss ganz klar als Teil der russischen Soft Power bewertet werden", sagt Elsner im DW-Interview. "Das heißt sicher nicht, dass die gesamte Kirche immer nur staatliche Interessen vertritt." Aber seit den 1950-er Jahren habe die Kirche eine enge Zusammenarbeit mit dem Staat in vielen Bereichen.
Seither habe die Kirche eine weite internationale Präsenz aufgebaut sowohl durch Gemeinden, kirchliche Strukturen als auch durch Vertretungen bei internationalen Gremien wie den Vereinten Nationen und der Europäischen Union.
"In Afrika ist die russisch-orthodoxe Kirche seit vielen Jahren vor allem in den russischen diplomatischen Vertretungen präsent. Seit 2022 wurde diese Präsenz ausgebaut mit einer eigenen kirchlichen Struktur und dem Anspruch, die einzige, wahre orthodoxe Kirche für den afrikanischen Kontinent zu sein."
Subtiles Werben für russische Interessen
Der Einfluss der russischen Kirche sei dabei weniger eine direkte russische Propaganda, sondern eher ein subtiles Werben für die russischen Interessen, betont die Theologin. Dabei seien zwei Themen zentral: "Zum Einen sind Russland und die russisch-orthodoxe Kirche seit vielen Jahren aktive Verteidiger der verfolgten Christen in vielen afrikanischen Ländern", sagt Elsner. Kaum ein anderes Land habe sich international so stark für diese Thematik eingesetzt, was der russischen Seite große Sympathien unter den verfolgten Christen eingebracht habe.
Damit verbunden sei das Auftreten dieser Kirche gegen den sogenannten liberalen westlichen Kolonialismus: "Die russische Kirche nutzt und festigt hier weit verbreitete Vorbehalte gegen die Demokratie und Menschenrechtspolitik westlicher Länder, besonders unter der religiösen Bevölkerung und unter den schon existierenden afrikanischen Kirchen - und so kann sie Unterstützung für russische Präsenz legitimieren", betont Elsner.
Auch wenn sie die Gemeindezahl eher gering einschätzt, sieht Elsner "durchaus geopolitische Relevanz in ihrer Präsenz" - und sie könne im internationalen Kontext eben auch Stimmenverhältnisse sehr stark beeinflussen.
Moskau gegen Alexandria
Kirchenpolitisch ist die russische Orthodoxie in Afrika ein Affront gegenüber dem Patriarchat von Alexandria. Das hat eine lange Geschichte: Laut Elsner geht es bis ins dritte Jahrhundert zurück und ist nach der Aufgabenteilung der orthodoxen Kirchen für das gesamte Afrika zuständig.
Bis 2019 hätten das Exarchat von Alexandria und die russisch-orthodoxe Kirche ein gutes Verhältnis gehabt, es habe eine strikte Trennung in der orthodoxen Welt gegeben. Die kleinen Kirchengemeinden seien hauptsächlich in Nordafrika und auch Kenia etabliert und über Jahrhunderte unangetastet gewesen.
Das sollte sich 2019 ändern: Damals erkannte Patriarch Theodor II. von Alexandria die unabhängige orthodoxe Kirche der Ukraine an – woraufhin der Synod der russisch-orthodoxen Kirche die eucharistische Gemeinschaft mit dem Bischofsamt der Kirche von Alexandria aufbrach. "Für Moskau kam das einer Annexion gleich", sagt Theologin Elsner.
Die russisch-orthodoxe Kirche, geleitet von Kyrill I., vertrete die russische Ideologie im Ausland, die Ministerien seien eng mit der Kirche vernetzt und Wladimir Putins Regierung profitiere strategisch davon.
Kirche und Militär als Teile russischer Strategie
Nach Einschätzung von Natallia Vasilevich ist die Ausweitung des Einflusses vor allem auf Leonid Gorbatschow zurückzuführen, dem das russisch-orthodoxe Exarchat in Afrika von 2021 bis 2023 unterstand.
"Sein Aufstieg stand in engem Zusammenhang mit der allgemeinen russischen Präsenz auf dem Kontinent, einschließlich der Netzwerke um den verstorbenen Wagner-Gründer Jewgeni Prigoschin und der privaten Militärstruktur Wagner", sagt die belarussische Theologin und Politikwissenschaftlerin gegenüber der DW.
"Vor diesem Hintergrund versuchte er, unter dem Deckmantel der kirchlichen Mission den Einfluss des Moskauer Patriarchats in Afrika sowie seinen eigenen Einfluss in Afrika auszuweiten", fügt sie an.
Der formelle Vorwand für diese Intervention sei die Entscheidung des Patriarchats von Alexandria gewesen, die orthodoxe Kirche in der Ukraine anzuerkennen.
Die Vertreter der russisch-orthodxoen Kirche hätten den einfacheren und aggressiveren Weg gegen die Kirche von Alexandria gewählt; sie richteten ihre Bemühungen gegen die Kirche von Alexandria selbst und nahmen deren Klerus, deren Gemeinden und deren Infrastruktur ins Visier, so Vasilevich.
"In der Praxis bedeutete dies, bereits bestehende orthodoxe Priester und Gemeinden von der Kirche von Alexandria wegzulocken, anstatt etwas Neues aufzubauen." Dies bedeutete zum Beispiel, Geistlichen, die im Konflikt mit ihren Bischöfen stehen, Zuflucht zu gewähren. Es handle sich nicht um echte Missionsarbeit, sondern um eine Strategie des Opportunismus.
Für Vasilevich steht fest: "Diese Aktivitäten der russisch-orthodoxen Kirche auf dem Kontinent sind zutiefst destruktiv für die afrikanische Orthodoxie; sie nutzen die finanzielle Schwäche afrikanischer Gemeinden aus und locken Geistliche und Gemeinden durch materielle Anreize ab, was tatsächlich zu Spannungen in den Gemeinden führt."
Mitarbeit: Jean-Fernand Koena, Bangui