Warum fehlt Hollywood diesmal in Cannes?
11. Mai 2026
Hollywood wird dieses Jahr nicht in Cannes vertreten sein.
Das weltweit bedeutendste Filmfestival beginnt am 12. Mai mit einer Reihe neuer Filme von einigen der renommiertesten Filmemacher des internationalen Arthouse-Kinos - Pedro Almodóvar, Asghar Farhadi, Paweł Pawlikowski, Cristian Mungiu -, jedoch ohne einen einzigen Film eines großen US-Studios. Es wird kein Spektakel auf dem roten Teppich geben, das mit der Premiere von "Mission: Impossible - The Final Reckoning" im vergangenen Jahr oder früheren Cannes-Premieren wie "Top Gun: Maverick" und "Mad Max: Fury Road" mithalten könnte.
Zeigt Cannes Hollywood die kalte Schulter? Nicht ganz.
Es sind US-Filme im Programm vertreten. Im Wettbewerb präsentiert Ira Sachs "The Man I Love" mit Rami Malek in der Hauptrolle, neben James Grays "Paper Tiger" mit Scarlett Johansson und Adam Driver. Außerhalb des Wettbewerbs gibt John Travolta sein Regiedebüt mit "Propeller One-Way Night Coach", einem Herzensprojekt rund um die Luftfahrt, und Andy Garcia führte Regie und spielt die Hauptrolle in dem Krimidrama "Diamond".
Was fehlt, sind die großbudgetierten Studio-Blockbuster - das publikumswirksame Gegengewicht zu Cannes' traditionellem Angebot an ernsthaftem Autorenkino. Der Popcorn-Snack zwischen den eher gehaltvollen Filmen.
Studios fürchten das Festival-Risiko
Das gilt allerdings nicht nur für Cannes. Auch bei der Berlinale im Februar fehlten die Studiofilme, sehr zur Enttäuschung der Promifans in der Stadt und der Boulevardpresse. Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle deutete an, dass die großen Hollywood-Studios zunehmend zögern, große Filme auf Festivals zu präsentieren, da sie befürchten, dass eine negative Resonanz oder eine unangenehme Berichterstattung in den Medien die Aussichten auf einen Kassenerfolg schon Monate vor dem Kinostart beeinträchtigen könnte.
Sie verweist unter anderem auf die Filmfestspiele von Venedig 2024, wo Warner Bros. "Joker: Folie à Deux" vorstellte, Todd Phillips' Musical-Fortsetzung seines Milliarden-Hits "Joker". Die Kritiken waren vernichtend. Der Film spielte weltweit rund 200 Millionen Dollar ein, was deutlich unter den Erwartungen und dem geschätzten Budget lag. Die verhaltenen Kritiken aus Cannes zu "Indiana Jones and the Dial of Destiny" könnten ebenfalls die Performance des Films beeinträchtigt haben, wodurch er inflationsbereinigt zum schwächsten Teil der Abenteuer-Reihe wurde.
Die Politik ist ein weiterer Faktor. Große Filmfestivals sind zu Brennpunkten für Proteste und Debatten geworden, wobei Pressekonferenzen regelmäßig in Fragen zu Gaza, Trump und dem Iran abgleiten. In Berlin überschatteten politische Spannungen in diesem Jahr zeitweise die Diskussion über die Filme selbst. Für Hollywood-Studios könnte das Risiko, dass Stars oder Projekte in polarisierende globale Debatten hineingezogen werden, die Vorteile einer hochkarätigen Festivalpremiere einfach überwiegen.
Autorenkino im Rampenlicht
Ohne die großen Filmstudios setzt Cannes in diesem Jahr verstärkt auf internationales Autorenkino. Farhadi - zweifacher Oscar-Preisträger für "Nader und Simin - Eine Trennung" und "The Salesman" - kehrt mit "Parallel Tales" zurück, einem in Paris spielenden Drama mit Isabelle Huppert, Catherine Deneuve und Vincent Cassel.
Almodóvar, der Meister des spanischen Melodramas, hofft mit "Bitter Christmas" - einem Drama über eine Frau, die in der Weihnachtszeit von ihrem Partner verlassen wird - weiterhin auf seine erste "Palme d'Or", den Hauptpreis von Cannes; es ist sein siebter Film, der im Hauptwettbewerb des Festivals läuft.
Der russische Regisseur Andrej Swjaginzew, der lange Zeit nicht an der Croisette zu sehen war, präsentiert "Minotaur" - der Geschichte eines Geschäftsmannes, dessen Welt zusammenbricht.
Pawlikowski präsentiert "Vaterland", sein Thomas-Mann-Biopic mit Hanns Zischler und Sandra Hüller in den Hauptrollen, und der belgische Autor Lukas Dhont legt nach seinem Oscar-nominierten Film "Close" nun mit "Coward" nach, der in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs spielt.
Der rumänische Filmemacher Cristian Mungiu, der 2007 mit seinem Debüt "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" die Goldene Palme gewann, gibt mit "Fjord" sein englischsprachiges Debüt. In diesem Drama über ein Paar, dessen neues Leben im ländlichen Norwegen einen bitteren Verlauf nimmt, spielen Sebastian Stan und Renate Reinsve die Hauptrollen.
Auch Deutschland ist wieder dabei. Nachdem Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" im vergangenen Jahr den Preis der Jury gewonnen hatte, nimmt nun eine weitere deutsche Filmemacherin, Valeska Grisebach, mit "Das geträumte Abenteuer" am Wettbewerb von Cannes teil - es ist ihr erster Spielfilm seit "Western" aus dem Jahr 2017, der in Cannes den Preis der Sektion "Un Certain Regard" gewann.
Außerhalb des Wettbewerbs ist der dänische Provokateur Nicolas Winding Refn mit "Her Private Hell" vertreten, während in der Sektion "Un Certain Regard" der queere US-Horrorfilm "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" von Jane Schoenbrun präsentiert wird, der schon jetzt als potenzieller Durchbruch für Aufsehen sorgt.
Ohne Hollywood an der Croisette wirkt Cannes in diesem Jahr weniger wie eine globale Marketingbühne, sondern eher wie das, was es schon immer sein sollte: ein Schaufenster für die herausragendsten Filmemacher der Welt.
Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel