Venezuela: Hat Donald Trump genug von María Corina Machado?
7. Juli 2026
Seit Monaten plant die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado ihre Rückkehr aus den USA nach Venezuela. Den richtigen Moment sah sie nach dem verheerenden Doppelbeben in der Küstenregion La Guaira gekommen. In einer Videobotschaft warf die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2025 der venezolanischen Interimsregierung von Delcy Rodríguez vor, die Katastrophenhilfe regelrecht zu behindern - ein Vorwurf, den auch vom Erdbeben Betroffene und einige Hilfsorganisationen äußern.
Aufgenommen hat Machado das Video nach eigener Aussage in Panama-Stadt. Von dort aus habe sie nach Venezuela fliegen wollen, um ihren Landsleuten beizustehen. Doch die Regierung in Caracas soll der Fluggesellschaft mit einem Landeverbot gedroht haben, sollte Machado an Bord sein, hieß es aus ihrem Umfeld. Bestätigt haben das weder Copa Airlines, noch die venezolanische Regierung - aber auch nicht dementiert.
Weder Washington noch Caracas wollen Machado in Venezuela
Was Machado in dem Video nicht erwähnt, ist ein Vorgang, über den Anfang Juli das "Wall Street Journal" (WSJ) berichtete. Demnach hatte die Oppositionsführerin bereits einige Tage zuvor versucht, von den USA auf die niederländische Karibikinsel Curaçao zu fliegen, um dann per Boot nach Venezuela einzureisen. Auf die umgekehrte Weise war sie im Dezember heimlich ausgereist, um zur Nobelpreisverleihung nach Oslo fliegen zu können.
Der für Machado bereitgestellte Privatjet, so berichtet es das WSJ unter Berufung auf interne Quellen, habe sich bereits über North Carolina befunden, als er aus Washington zurückbeordert wurde. Das US-Außenministerium haben den Befehl zur Umkehr mit der Sorge begründet, politische Auseinandersetzungen könnten die Hilfsmaßnahmen nach dem Erdbeben zusätzlich erschweren.
Bemerkenswert ist der Vorfall vor allem, weil die konservative Politikerin jahrelang als Washingtons wichtigste Verbündete in der venezolanischen Opposition galt - insbesondere unter US-Präsident Donald Trump. Die links-liberale "New York Times" spricht von einem offenen Bruch zwischen Machado und der Trump-Regierung.
Machado setzt auf den Moment
Ganz so weit geht Phil Gunson von der International Crisis Group in Venezuela nicht. Doch auch für ihn ist es offensichtlich, dass Washington Machado nicht als Übergangspolitikerin sieht. Und er sieht zumindest einen guten Grund dafür: "Sie war wirklich unverzichtbar für den Sieg der Opposition im Jahr 2024", sagt Gunson der DW. "Aber sie ist keine Verhandlungsführerin. Sie hat schon große Schwierigkeiten, sich mit Leuten aus den eigenen Reihen zu einigen."
Bei der Präsidentschaftswahl 2024 hatte das Wahlkomitee zwar Präsident Nicolás Maduro kurzerhand zum Wahlsieger erklärt, nach Einschätzung internationaler Beobachter hatte aber der Oppositionskandidat Edmundo Gonzalez die Wahl deutlich gewonnen. Machado hatte ihn im Wahlkampf tatkräftig - und vielen Analysten zufolge entscheidend - unterstützt, da sie selbst aufgrund eines fragwürdigen Gerichtsurteils von der Kandidatur ausgeschlossen war.
Zweifel an Machados eigenen Präsidentschaftsambitionen waren darüber jedoch nie aufgekommen. Doch je länger sie sich im Ausland aufhält, umso mehr muss sie um ihre - noch - große Popularität in Venezuela fürchten.
Die Erdbebenkatastrophe scheint für sie der richtige Moment zu sein, dieses Ziel anzugehen. So sehr, dass sie offenbar einen Bruch mit Washington in Kauf nimmt: "Sie haben es ihr immer wieder gesagt: 'Deine Zeit ist noch nicht gekommen'", sagt Gunson. "Aber sie hat sich im Grunde geweigert, den Wink zu verstehen. Und sie verfolgt weiterhin ihren eigenen Plan. Sie will unbedingt zurückkehren."
Washington setzt auf Stabilität
Dem Weißen Haus dagegen geht es offenkundig nicht darum, María Corina Machado so schnell wie möglich zur nächsten Präsidentin Venezuelas zu machen. Donald Trump hat auch mit Blick auf den Iran mehrfach erkennen lassen, dass für ihn die Demokratisierung anderer Länder hinter den Interessen der USA zurücksteht. Folgerichtig stehen demokratische Wahlen im Dreipunkteplan der US-Regierung für Venezuela ganz am Ende: Stabilisierung, Wiederaufbau und Versöhnung, demokratischer Übergang.
"Demokratie hat für ihn keinen hohen Stellenwert. Autoritäre Herrscher hält er für viel unkomplizierter und effizienter", sagt Gunson. "Der derzeitige Plan ist im Wesentlichen ein Wirtschafts- und Investitionsplan, der zudem darauf abzielt, Venezuela auf geopolitischer Ebene zu einem - wenn auch eher widerwilligen - Verbündeten der USA zu machen." Mit anderen Worten: Es geht um venezolanische Rohstoffe, Investitionsmöglichkeiten für US-Unternehmen und die Schwächung des chinesischen Einflusses auf dem amerikanischen Kontinent.
"Bruchlinien in der US-Politik"
Doch die Vorgänge der letzten Tage werfen nicht nur ein Schlaglicht auf die unterschiedlichen Interessen zwischen der venezolanischen Oppositionsikone und der US-Regierung, sondern auch auf Reibungen innerhalb der Regierung in Washington. "Die Erdbeben in Venezuela legen die Bruchlinien in der US-Politik offen", erklärt der Politologe Benigno Alarcón Deza von der Universidad Católica Andrés Bello in Caracas im "Americas Quarterly". Einerseits beschreibt Alarcón einen historischen Bruch mit jener US-Außenpolitik, die sich seit dem Kalten Krieg der Schwächung kommunistischer Regime verschrieben hatte, da Trump nun offenbar die "Überreste des Chavismus bewusst unangetastet lassen und schützen" wolle.
Er schlägt aber auch einen Bogen zu Reibungen innerhalb der US-Regierung: Während Vertreter des engeren Trump-Zirkels Machado Opportunismus vorwerfen, hat Außenminister Marco Rubio laut WSJ mehrfach Verständnis für ihren Wunsch nach baldiger Rückkehr geäußert.
Das überrascht insofern nicht, als Rubio bekannt für sein Anliegen ist, Venezuela und Kuba (die Heimat seiner Eltern) durch Demokratisierung zu einem Partner der USA aufzubauen. Wohl auch mit Blick auf eine mögliche Präsidentschaftskandidatur 2028, pflege er sein Image als Mann des Rechtsstaats, soweit ihm sein Amt als Außenminister dies erlaube, sagt Tom Bateman, BBC-Korrespondent für das US-Außenministerium, in einem Podcast. Deshalb distanziere er sich immer wieder von besonders kontroversen Elementen von Trumps Außenpolitik wie dessen Äußerungen bezüglich Grönlands und den Schlägen gegen Drogenboote in der Karibik: "Was er in der Regel tut, ist, im Grunde alles auf Trump abzuwälzen, und ihm ganz klar die Verantwortung dafür zu übertragen."
Was bedeutet das für Venezuela?
Machado gehört nach wie vor zu den profiliertesten und beliebtesten Oppositionspolitikern Venezuelas. Und womöglich könnte ihre Rückkehr zu diesem Zeitpunkt das Land tatsächlich politisch stärker destabilisieren, meint Crisis-Group-Analyst Gunson. In dieser Hinsicht könne Trumps Entscheidung, Machado nicht nach Venezuela zu lassen, tatsächlich die richtige gewesen sein, sei es aus Eigeninteresse oder nicht. "Es liegt auf der Hand, dass dies nicht wirklich der richtige Zeitpunkt ist, um über etwas so Kompliziertes wie einen politischen Wandel zu diskutieren, wenn es im Moment doch vor allem darum geht, so viele Menschen wie möglich zu retten."