Wahlen in Chile: Rechtsruck in Lateinamerika geht weiter
15. Dezember 2025
"Wäre Augusto Pinochet am Leben, würde er mich wählen", hat José Antonio Kast einmal gesagt – der künftige Staatschef Chiles wird somit der erste Präsident seit der Rückkehr zur Demokratie des Landes 1990 sein, der nie einen Hehl aus seiner Verehrung für den ehemaligen Diktator gemacht hat. Für mehr als 7,2 Millionen Wählerinnen und Wähler anscheinend kein Problem: Noch nie zuvor in der Geschichte des Landes ist ein Präsidentschaftskandidat mit mehr Stimmen gewählt worden. In Chile herrscht Wahlpflicht, 15,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger waren wahlberechtigt.
Ab dem 11. März 2026 wird Kast, Sohn eines ehemaligen Wehrmachtsoffiziers und NSDAP-Mitglieds, erzkatholischer Gegner von Abtreibung, Scheidung und Homo-Ehen sowie absoluter Hardliner beim Thema Migration, sein Amt antreten.
Für Cristóbal Roviro Kaltwasser keine wirkliche Überraschung. Der chilenische Politikwissenschaftler sagt der DW: "Die politische Agenda in Chile hat sich komplett geändert – standen vor sechs Jahren, zu den Zeiten der Massenproteste, noch die soziale Ungleichheit, Gesundheit und Bildung ganz oben, die zwei Jahre später zur Wahl des Linken Gabriel Boric führten, waren es jetzt die Themen Unsicherheit, Kriminalität und Einwanderung. Und da war die Wahl von Kast für viele attraktiv."
Rechter Backlash erreicht Lateinamerika
Mit Wahlversprechen wie dem Bau einer Mauer zum Nachbarland Peru, der Abschiebung von 300.000 Migranten ohne Papiere und dem Bau von neuen Gefängnissen punktete der "Messias der chilenischen Rechten", wie eine Biografie von Kast heißt, bei der Wählerschaft des Andenstaates. Roviro Kaltwasser nimmt Politiker wie José Antonio Kast seit Jahren genau unter die Lupe, er ist Direktor des Labors für die Erforschung der extremen Rechten in Santiago.
"Der weltweite Backlash begann in Europa, schwappte dann in die USA mit Präsident Trump und ist jetzt mit aller Kraft in Lateinamerika angekommen. Was alle diese ultrarechten Politiker vereint, ist ihre Radikalität und gleichzeitig ihr ambivalentes und problematisches Verhältnis zum demokratischen System." Der politische Rechtsruck werde aber nicht mehr nur von einzelnen Populisten vorangetrieben, so der Politikwissenschaftler: "Bolsonaro in Brasilien zum Beispiel kann zwar nicht mehr antreten, aber der Bolsonarismus ist gekommen, um zu bleiben."
Was Kast, Milei und Bukele eint und was sie trennt
So war es auch kein Zufall, dass Argentiniens rechtspopulistischer und ultralibertärer Präsident Javier Milei zu den ersten Gratulanten "seines Freundes" Kast zählte. "Ein weiterer Schritt unserer Region zur Verteidigung des Lebens, der Freiheit und des privaten Eigentums", freute sich Milei per X auf die Zusammenarbeit, "um uns vom unterdrückerischen Joch des Sozialismus des 21. Jahrhunderts befreien zu können".
Was ist das Erfolgsgeheimnis von rechten Politikern wie Kast, Milei oder dem "coolsten Diktator der Welt", wie sich El Salvadors autoritär regierender Präsident Nayib Bukele spöttisch selbst bezeichnet?
"Zwar sind alle extrem rechts, aber jeder von ihnen hat im Wahlkampf andere politische und wirtschaftliche Akzente gesetzt. Kast setzte ganz auf das Thema Migration, Bukele auf die Sicherheit und Milei hat die Inflation Stimmen eingebracht. Das heißt, die Gründe, warum sie gewählt werden, sind sehr unterschiedlich", sagt Pablo Semán der DW. Vor allem bei jungen Wählerinnen und Wählern könnten sie punkten. "Diese Generation ist sich sicher, dass ihr Leben schlechter sein wird als das ihrer Eltern. Und die Linke hat darauf keine Antworten."
"Rosarote Welle" der linken Regierungen ebbt ab
Der argentinische Soziologe hat den Aufstieg Mileis akribisch verfolgt und darüber auch ein Buch geschrieben. Seine These: Dass die "marea rosa", die "rosarote Welle", die mit Hugo Chávez Ende der 1990er Jahre in Venezuela begann und viele linke, progressive und anti-neoliberale Politiker in Lateinamerika in die Regierungen spülte, abgeebbt sei, habe durchaus auch mit eigenen Fehlern der linken Regierung zu tun: Sie hätten strukturelle Themen in Lateinamerika wie Korruptionsbekämpfung, Sicherheit und Wirtschaftswachstum zunehmend vernachlässigt.
"Aber der Hauptgrund für das Ende der 'rosaroten Welle' ist, dass sich Gesellschaft und Staat in den letzten Jahren immer mehr voneinander entfernt haben. Heute ist der Einfluss des Marktes in der Gesellschaft so groß wie noch nie, während der Einfluss des Staates so gering wie noch nie ist. Gleichzeitig wird vom Staat gefordert, Probleme zu lösen, die er gar nicht mehr lösen kann", so Semán. Mileis radikale These lautet daher auch: Der Staat kann keine Probleme lösen. Mit seiner Kettensäge und dem Versprechen, den Staat zu schreddern, stieg er zur weltweiten Symbolfigur auf.
Rechte triumphieren auch in Bolivien, Ecuador und Honduras
Und so kippt ganz Lateinamerika immer weiter nach rechts: In Bolivien beendete der Christdemokrat Rodrigo Paz die 20-jährige sozialistische Herrschaft, der der erste indigene Präsident Evo Morales seinen Stempel aufgedrückt hatte. In Ecuador versucht der Rechtspopulist Daniel Noboa, die Bürgerliche Revolution von Ex-Präsident Rafael Correa vergessen zu machen. Und auch in Honduras wurde die Linke massiv abgestraft: Bei der von Manipulationen überschatteten Präsidentschaftswahl liegt der von US-Präsident Trump unterstützte rechte Kandidat Nasry Asfura vorne.
Cristóbal Roviro Kaltwasser ist trotzdem davon überzeugt, dass das Pendel auch wieder in die andere Richtung ausschlagen kann, die neuen rechten Regierungen müssten genauso liefern. Wenn die Linke in Lateinamerika wieder an die Macht kommen wolle, müsse sie sich einfach am größten Land Brasilien orientieren. Das Land habe der ganzen Welt bezüglich der Stärke seiner Institutionen ein leuchtendes Beispiel gegeben.
"Diese Institutionen haben funktioniert, als Ex-Präsident Bolsonaro das Wahlergebnis nicht akzeptierte und einen Staatstreich anzettelte, für den ihn die Justiz zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt hat. Und hier sieht man auch den Unterschied zu den USA, wo es mit Donald Trump eine ähnliche Entwicklung gab. Brasilien hat seine institutionelle Stärke gezeigt, die Vereinigten Staaten dagegen ihre Schwäche."