Rückkehr ins Kino: ″Schindlers Liste″ | Filme | DW | 26.01.2019
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Wiederaufführung

Rückkehr ins Kino: "Schindlers Liste"

25 Jahre nach dem Kinostart kommt Steven Spielbergs Film über Oskar Schindler und die Rettung von über 1100 Juden wieder in die Lichtspielhäuser. Der vielfach ausgezeichnete Film ist bis heute nicht unumstritten.

In den USA lief "Schindler's List" im Dezember für eine Woche in mehr als 1000 Kinos. In Deutschland kommt Spielbergs Epos am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, in die Kinos. Dass ein Film ein Vierteljahrhundert nach seiner Premiere in einigen Ländern der Erde noch einmal mit großem Werbeaufwand in die Lichtspielhäuser kommt, ist sicher etwas Besonderes. Doch "Schindlers Liste" war und ist auch ein besonderer Film. 

Spielberg: "Wahre Geschichten über die Tragödie des Holocaust dürfen nicht vergessen werden"

"Es ist schwer zu glauben, dass es 25 Jahre her ist, seit 'Schindlers Liste' in die Kinos kam", kommentierte der Regisseur selbst die Wiederaufführung seines Werks: "Die wahren Geschichten über das Ausmaß und die Tragödie des Holocaust dürfen nie vergessen werden, und die Lehren des Films über die entscheidende Bedeutung der Bekämpfung des Hasses hallen auch heute noch nach." Er fühle sich geehrt, dass das Publikum "die Reise noch einmal auf der großen Leinwand erleben kann".

Filmstill Schindlers Liste (UPI)

Abbild des Sadismus: SS-Offizier Amon Göth (Ralph Fiennes)

Rückblick: Spielberg war 45 Jahre alt, als er 1993 "Schindlers Liste" inszenierte. Der Regisseur galt damals als einer der erfolgreichsten Filmemacher des modernen Hollywood- und Blockbuster-Kinos, hatte mit Werken wie "Der weiße Hai" und "E.T." Filmgeschichte geschrieben und Kassen-Rekorde gebrochen. Einen Film wie "Schindlers Liste" hatten damals die wenigsten Filmkenner und auch nicht das große Publikum von ihm erwartet.

Viele Experten trauten Spielberg keinen ernsthaften Holocaust-Film zu

Doch Spielberg, Kind jüdischer Eltern, hatte zu Beginn der 1990er Jahre offenbar noch andere Geschichten zu erzählen als die von mörderischen Riesenhaien und sympathischen Außerirdischen. Im Alter von 17 Jahren habe er erfahren, dass zahlreiche Mitglieder seiner Familie in deutschen Konzentrationslagern in der Ukraine umgekommen waren, sagte Spielberg später über seine Motivation, den Film zu drehen.

Filmstill Schindlers Liste (UPI)

Wandelt sich vom Profiteur zum Retter: Oskar Schindler (Liam Neeson)

Die Skepsis war 1993 groß. Nur wenige Experten trauten dem Regisseur, von dem auch Kassenhits wie die "Indiana Jones"-Filme stammten, eine ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit dem Holocaust zu. Mit "Schindlers Liste" überraschte Spielberg dann die Kinowelt - zumindest einen großen Teil.

Der Film erzählte die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte des aus dem Sudentenland stammenden deutschen Unternehmers Oskar Schindler, der während des Zweiten Weltkriegs über 1100 Juden das Leben rettete.

Schindler war zunächst alles andere als ein Held

Der Film beruhte auf dem Bestseller-Roman des australischen Schriftstellers Thomas Keneally von 1982: ("Schindler's Ark") und schildert Geschehnisse im von Nationalsozialisten besetzten Polen kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: Schindler (1908-1974), ein bis dahin mäßig erfolgreicher Unternehmer, kommt ins polnische Krakau und baut dort eine Emaille- und Munitionsfabrik auf, die sich schnell entwickelt. Für ihn arbeiten auch viele jüdische Zwangsarbeiter.

Filmstill Schindlers Liste (UPI)

Oskar Schindler: ein Unternehmer, der sein Herz entdeckt

Schindler (im Film gespielt von Liam Neeson), gilt als Lebemann. Als Widerständler gegen die Nationalsozialisten ist er bisher nicht aufgefallen - im Gegenteil: er lebt von den Aufträgen der deutschen Wehrmacht. Doch der brutale Umgang der Deutschen mit den Juden stößt Schindler zunehmend ab. Er entschließt sich (mit Unterstützung seines im Film von Ben Kingsley gespielten - fiktiven - Buchhalters Itzhak Stern), möglichst viele seiner jüdischen Arbeiter zu retten. Zum großen Gegenspieler Schindlers in Spielbergs Film wird der SS-Offizier Amon Göth (Ralph Fiennes), Kommandant des Zwangsarbeiterlagers Płaszów.

Peter Reichel: "Glücklicher Ausgang, pathetische Rührseligkeit, Happy End"

Spielbergs an vielen Originalschauplätzen gedrehter Film erzählt die Geschichte von Oskar Schindler und dessen Einsatz für die Juden mit großer Geste, vielen melodramatischen Effekten und emotionaler Zuspitzung über drei Stunden Spielzeit. Der Historiker und Politikwissenschaftler Peter Reichel kommentierte den Film so: "Eine Geschichte aus dem Gesamtzusammenhang der Judenvernichtung, die sich gut und spannend erzählen lässt (…) Alle Figuren agieren in einem Handlungsablauf, der die Geschichte um den Titelhelden zu einem glücklichen Ausgang, einem in seiner pathetischen Rührseligkeit allerdings auch ganz und gar hollywoodgerechten Happy-End führt."

John Williams und Steven Spielberg (picture alliance/dpa)

Steven Spielberg und der Filmkomponist John Williams, der auch "Schindlers Liste" mit einem emotionalen Soundtrack versah (Aufnahme aus dem Jahr 2016)

Finanziell wurde "Schindlers Liste" ein großer Erfolg. Der Film wurde überwiegend gut besprochen, stieß aber auch auf barsche Kritik. Gelobt wurden Spielbergs handwerkliches Können und die Tatsache, dass er mit seinem emotionalen Zugang größere Publikumsschichten für das Thema interessiert habe.

Ruth Klüger verteidigte den Film

Umfragen in den USA zufolge konnten 1993 ein Drittel aller Amerikaner mit dem Begriff "Holocaust" nichts anfangen, ein Fünftel bezweifelte, ob es den Mord an den Juden durch die Nationalsozialisten überhaupt gegeben hatte.

Eine der prominentesten Befürworterinnen des Films war die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger. Die Germanistin lobte: "Abgesehen von Claude Lanzmanns großem Dokumentarfilm 'Shoah' ist dieser Spielfilm von Hollywoods größtem Entertainer das filmisch eindrucksvollste Werk zur jüdischen Katastrophe, das mir bekannt ist."

14 Jahre nach der US-Serie "Holocaust" wurde dem Regisseur Spielberg bescheinigt, mit "Schindlers Liste" einen bedeutenden Schritt in Sachen filmischer Aufarbeitung des Themas gegangen zu sein. Der damalige Präsident Bill Clinton empfahl "Schindlers Liste" mit eindringlichen Worten: "Go see it!".

Filmstill Schindlers Liste (UPI)

Die von Ben Kingsley gespielte fiktive Filmfigur des Buchhalters Itzhak Stern beruht auf mehreren authentischen Personen aus dem Umkreis von Oskar Schindler

Der Film gewann sieben Oscars sowie zahlreiche andere Auszeichnungen. Mit den Einnahmen baute der Regisseur die "Survivors of the Shoah Visual History Foundation" auf, die weltweit Interviews mit Holocaust-Überlebenden führte und diese für die Nachwelt konservierte.

Prominente Kritiker Kertész und Lanzmann

Harsche Kritik äußerten diejenigen, für die der Holocaust in Spielfilmform aus  grundsätzlichen Überlegungen nicht zu akzeptierten war. Der ungarische Literatur-Nobelpreisträger und KZ-Überlebende Imre Kertész kritisierte das "positive Denken", das in Spielbergs Film zum Ausdruck kam, weil dieser seine Geschichte aus "dem Blick eines Siegers" erzählt habe.

Regisseur Claude Lanzmann (picture alliance/AP Images/V. Le Caer)

Er kritisierte "Schindlers Liste" und Steven Spielberg vehement und lautstark: Claude Lanzmann

Auch der französische Filmregisseur Claude Lanzmann ("Shoah") zeigte sich bestürzt über den Film, den er als "kitschiges Melodrama" beschrieb. Er warf Spielberg vor, durch seine Darstellung Geschichtsverfälschung betrieben zu haben, weil "die Geschichte in einem vollständig anderen Licht" erscheine.

Kritisiert wurde von mehreren Publizisten und Wissenschaftlern auch, dass der Held in dem Film ein Deutscher sei. Ein weiteres Argument der Skeptiker: "Schindlers Liste" sei kein Film über den Holocaust, bei dem Millionen ihr Leben verloren, sondern erzähle von einer glücklichen Ausnahme: nämlich der Rettung von Juden.

Auch die Debatte über den Film wurde debattiert 

Trotz und gerade wegen dieser heftigen Kritik, die den Film nach seiner Premiere in einigen Ländern begleitete, wurde "Schindlers Liste" zu einem der meistrezipierten Leinwandwerke der 1990er Jahre. Er wurde in den Kanon der Unterrichtsmaterialien in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zur Aufarbeitung des Holocaust integriert.

Auch heute noch, ein Vierteljahrhundert nach seiner Premiere, stößt man in vielen publizistischen Veröffentlichungen zum Thema auf Spielbergs Film. Die Diskussion über "Schindlers Liste" und die Reaktionen auf das Werk wurden inzwischen selbst Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. An der Debatte lässt sich heute auch sehr genau die Veränderung in der (filmischen) Holocaust-Rezeption ablesen.

Filmstill Schindlers Liste (UPI)

"Schindler's List" zeigt das Grauen in den von den Nazis errichteten Lagern

Wenn das amerikanische Studio Universal "Schindlers Liste" jetzt wieder in die Kinos bringt, dann lassen sich diese grundsätzlich unterschiedlichen Beurteilungen des Films noch einmal gut nachvollziehen. Auf der einen Seite beeindruckt der Film auch heute noch, seine handwerklichen Qualitäten ziehen einen in den Bann. Und es ist sicher auch richtig, wenn argumentiert wird, dass sich bestimmte, größere Publikumsschichten nur über "populäre" und starbesetzte Filme überhaupt mit dem Thema befassen.

Universal wirbt mit Superlativen und viel Melodramatik

Auf der anderen Seite lässt die Art und Weise, wie Universal den Film jetzt wieder bewirbt und ins Kino bringt, auch die Argumente der Kritiker nachvollziehbar erscheinen: Als "unglaubliche wahre Geschichte" wird der Film pathetisch beworben, die Presse-Statements strotzen nur so vor Superlativen und der neu produzierte Film-Trailer stößt in seiner auf Melodramatik und Effekt getrimmten Machart unangenehm ab.

Zum Weiterlesen: Peter Reichel: "Erfundene Erinnerung, Weltkrieg und Judenmord im Film", Hanser Verlag 2004; Sonja M. Schultz: "Der Nationalsozialismus im Film", Bertz + Fischer 2012; Sabine Moller: "Zeitgeschichte sehen - Die Aneignung von Vergangenheit durch Filme und ihre Zuschauer", Bertz + Fischer 2018.

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