Warum Frauen sich aus dem öffentlichen Raum zurückziehen
2. Dezember 2025
Ausgerechnet das als fortschrittlich geltende Schweden schlägt Alarm: Laut der Gleichstellungsbehörde des Landes nehmen Hass, Drohungen und Belästigungen gegen Politikerinnen dramatisch zu. Immer mehr Frauen ziehen sich aus dem öffentlichen Leben zurück oder üben Selbstzensur, um sich zu schützen, berichtet der britische "Guardian" unter Berufung auf die Behörde, laut der eine "große Gefahr für die Demokratie" bestehe.
Schon im Oktober stand die Sicherheit von Frauen in der Politik wieder einmal im Fokus des skandinavischen Landes: Anna-Karin Hatt war nach nur fünf Monaten als Vorsitzende der Zentrumspartei zurück getreten. Als Grund nannte sie Hass und Drohungen. Drei Jahre zuvor hatte ein politischer Mord Schweden tief erschüttert: Ein 33 Jahre alter Mann hatte die Koordinatorin für Psychiatrie der schwedischen Gemeinden und Regionen, Ing-Marie Wieselgren, auf einer politischen Veranstaltung erstochen. Die Ermittlungen ergaben, dass er auch die damalige Vorsitzende der Zentrumspartei, Annie Lööf, ermorden wollte. Er wurde wegen Mordes und Vorbereitung eines Terroraktes verurteilt.
In Deutschland sorgten jüngst die Rücktritte der Grünen-Politikerinnen Tessa Ganserer und der Vizepräsidentin des Bundestages Yvonne Magwas (CDU) für Schlagzeilen. Beide hatten ebenfalls wegen Anfeindungen und regelrechten Hetz-Kampagnen ihre Ämter niedergelegt.
Ein Viertel der Frauen überlegt aufzuhören
Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass auch in anderen europäischen Ländern Frauen in herausgehobenen Ämtern im besonderen Maße Hetze ausgeliefert sind. In den Niederlanden etwa zog sich die ehemalige Finanzministerin und Vize-Premierministerin Sigrid Kaag aus der nationalen Politik zurück, nachdem ihr und ihrer Familie wiederholte Gewalt angedroht worden war.
Zwar trifft der Hass auch männliche Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, doch Form und Ausmaß scheinen sich zu unterscheiden. Die gemeinnützige Beratungsstelle HateAid mit Sitz in Berlin hatte vergangenes Jahr gemeinsam mit der TU München 1114 Menschen befragt, die zum Beispiel in Politik, Wissenschaft oder Medien aktiv sind. Die Ergebnisse sind laut Angaben von HateAid nicht repräsentativ, aber sie können ein Lagebild zeichnen.
Nächtliche Anrufe und Stalking
Demnach gab fast ein Viertel der Frauen an, Androhungen sexueller Gewalt wie Vergewaltigung erhalten zu haben - und damit fast achtmal so häufig wie ihre männlichen Kollegen (drei Prozent). Außerdem berichteten mehr als zwei Drittel der betroffenen Frauen von geschlechtsspezifischer Gewalt wie Sexismus und Frauenhass.
Ein paar Beispiele aus der Studie, deren Zitatgeberinnen anonym bleiben wollten, vermitteln einen Eindruck: "Ich bekomme nachts Anrufe mit unterdrückter Nummer" (Kommunalpolitikerin); "Am häufigsten zielt es auf mein Aussehen ab: mein Gewicht, meine Frisur" ( Landespolitikerin); "Fotos von mir von Veranstaltungen wurden veröffentlicht mit dem Aufruf, mich umzubringen" (Journalistin). Andere wiederum berichten von Stalkern, also Menschen, die sie wiederholt verfolgen und belästigen.
Laut HateAid schränkten wesentlich mehr betroffene Frauen (66 Prozent) ihre Social-Media-Nutzung ein, nachdem sie digitale Gewalt erlebt hatten. Bei den Männern waren es 53 Prozent. Sie passten ihren Ton und ihre Inhalte an, dachten darüber nach, öffentliche Auftritte zu reduzieren oder sogar eine Auszeit von ihrer politischen Arbeit zu nehmen, heißt es in dem Bericht.
Auch auf EU-Ebene kommt man zu einem ähnlichen Schluss. Das Europäische Parlament schreibt in einem Briefing Ende November 2025, dass Frauen in den EU-Ländern nach wie vor auf allen Ebenen der politischen Entscheidungsfindung sowie in politischen Parteien unterrepräsentiert seien. Die Ursachen für diese Situation sei komplex, aber ein Grund steche besonders hervor: Gewalt gegen politisch aktive Frauen halte viele davon ab, überhaupt in die Politik zu gehen.
Frauen mit Migrationsgeschichte besonders betroffen
Die gemeinnützige Organisation EAF Berlin hat diesem Thema ebenfalls eine Analyse gewidmet - und nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Tschechien, Ungarn, Irland und die Slowakei geschaut. "Vor allem jüngere Frauen unter 40, Frauen of Color oder Frauen mit Migrationsgeschichte sind besonders betroffen, da sie oft nicht nur sexistisch, sondern zusätzlich auch rassistisch oder aufgrund ihres Alters und ihrer (angenommenen) Erfahrung/Kompetenzen angefeindet werden", teilte Sarah Robinson, die bei EAF Berlin als Senior Expert Gender & Politics tätig ist, der DW mit.
Ein Problem aus ihrer Sicht: Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Politikerinnen wird nicht eigenständig von den jeweils untersuchten Rechtssystemen anerkannt. Eine EU-Richtlinie verlange jedoch bis 2027 eine "konsequente Umsetzung von Präventions- und Schutzmaßnahmen für Frauen im öffentlichen Leben - wie Politikerinnen, Journalistinnen und Menschenrechtsverteidigerinnen -, da sie besonders gefährdet sind."
So sollten beispielsweise die Privatadressen besser geschützt werden. Auch Beratungsstellen fehlten mancherorts, gerade auf kommunaler Ebene. Hass und Gewalt dürften nicht als "Teil des Jobs 'Politik' hingenommen werden", sagt Robinson. "Wir alle sollten es nicht als Normalität akzeptieren, für den Einsatz für die Gesellschaft angegriffen zu werden."