Netflix-Serie ″Bridgerton″ - Erfolg dank Colorblind Casting? | Kultur | DW | 05.01.2021
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Kultur

Netflix-Serie "Bridgerton" - Erfolg dank Colorblind Casting?

Eine schwarze Queen, opulente Kostüme und Sexszenen à la "Fifty Shades of Grey": "Bridgerton" begeistert - und sorgt für Kontroversen gleichermaßen.

Netflix-Serie Bridgerton | Szene aus der Serie Bridgertonmit mit Golda Rosheuvel als britische Königin Queen Charlotte

Golda Rosheuvel als Queen Charlotte in der Bridgerton-Episode "Shock and Delight" (Staffel 1)

Es geht um Liebe, Intrigen und Sex, um Standesvorstellungen und die Rebellion dagegen - so weit klingt alles nach einer typischen Historienromanze frei nach Jane Austen. Nur, dass im Fall der neuen Netflix-Serie "Bridgerton", verortet am britischen Hof des Jahres 1813, einige der Hauptfiguren People of Color sind. Und das passt im ersten Moment so gar nicht zur Optik der sonst schneeweißen Historienfilme à la "Stolz und Vorurteil".

Rollen mit Schauspielern zu besetzen, die in der literarischen Vorlage eine andere Hautfarbe haben oder sie gar historische Persönlichkeiten verkörpern zu lassen, denen sie aufgrund ihrer Herkunft nicht ähneln, wird als "colorblind casting" bezeichnet.

"Bewusste Entscheidung, um Geschichte neu zu deuten"

"Die Actors Equity in den USA spricht lieber von einem 'nicht-traditionellen' Casting", sagt Ellen Harrington. "Der traditionelle Weg war es lange, Filmsets bis hin zu den Crewmitgliedern und den kleinsten Rollen mit weißen Menschen zu besetzen", so die Direktorin des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums (DFF) in Frankfurt am Main. Auf "Bridgerton" treffe das aber nicht zu: Die Besetzung des Hofstaates mit People of Color sei eine ganz bewusste Entscheidung gewesen, um Geschichte neu zu deuten und zu erzählen.

Die neue Netflix-Serie basiert auf dem fiktiven, achtbändigen Roman von Julia Quinn über die weit verzweigte Familie Bridgerton. Anders als in der Serie kommt die britische Queen Charlotte im Roman nicht vor. Durch die Besetzung der Queen mit Theaterschauspielerin Golda Rosheuvel (Artikelbild) greifen die Serienmacher Shonda Rhimes und Chris van Dusen eine historische Debatte auf, der zufolge die 1744 geborene Sophie Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz afrikanische Ahnen gehabt haben soll. Damit könnte sie in der Tat die erste schwarze britische Königin gewesen sein. 

Historische Persönlichkeit in einer sonst fiktiven Erzählung

Basierend auf diesen Fakten drehe die Serie die Idee weiter, sagt Skadi Loist, Juniorprofessor*in an der Filmuniversität Babelsberg: "Denken wir die Zeit doch mal anders: Was passiert, wenn Figuren nicht einfach schneeweiß gedacht werden, weil wir eurozentrisch-schön unsere Geschichte als homogen-hermetisch weiß imaginieren?" Warum habe man die Illusion, dass eine fiktionale Serie nicht eine etwas andere Geschichte erzählen könne? Zumal der Hintergrund der Figuren durchaus in die Narration eingebettet werde?

Netflix-Serie Bridgerton | Produzentin Shonda Rhimes

Produzentin Shonda Rhimes wurde unter anderem mit der Serie "Grey's Anatomy" berühmt.

Die Gefahr bestehe darin, dass der Zuschauer das Gezeigte für bare Münze nehmen, also als historische Realität wahrnehmen könnte, sagt hingegen Matthew Hughey. "Neben Rom war das britische Empire die größte Kolonialmacht der Welt", führt der US-amerikanische Soziologe im Gespräch mit der DW weiter aus. "Die Queen wird zwar von einer 'Woman of Color' gespielt, doch wie das Leben der meisten schwarzen Frauen zu dieser Zeit wirklich aussah, wird nicht hinreichend thematisiert." Es sei immer sehr schwierig, eine progressive Geschichte zu erzählen, die zugleich alle Seiten ausreichend beleuchte - und auch alle Zuschauer gleichermaßen mitnehme.

Der "weiße Retter"

Wie unterschiedlich Filme wahrgenommen werden, behandelt Hughey unter anderem in seinem Buch "The White Savior Film". Darin greift er auf, dass in Hollywood Geschichten über People of Color in den meisten Fällen immer noch aus Sicht eines weißen Protagonisten erzählt werden. Allzu oft eile der weiße Protagonist dann auch noch seinem schwarzen Gegenpart zur Hilfe - fungiere also als "White Savior", als weißer Retter.

Netflix-Serie Bridgerton | Phoebe Dynevor (links) und Rege-Jean Page in der Bridgerton-Episode Diamond of the First Water

Phoebe Dynevor (links) und Rege-Jean Page in der Bridgerton-Episode "Diamond of the First Water" (Staffel 1)

Als prominentes Beispiel nennt Hughey "Green Book", der 2019 den Oscar als Bester Film gewann. "Im Grunde sind das schreckliche Filme, da sie People of Color als Stereotypen zeigen, die von Weißen, die das nötige Wissen und die nötigen Fähigkeiten haben, errettet werden müssen."

Forderung nach mehr Diversität im Film

Spätestens seit den Diskussionen von 2016, die unter dem Hashtag #OscarsSoWhite geführt wurden, gibt es in Hollywood Bestrebungen, mehr Diversität in die Filmindustrie zu bringen und auch People of Color aus ihrer Perspektive erzählen zu lassen. "Black Panther", mit dem 2020 verstorbenen Chadwick Boseman in der Hauptrolle, ist ein sehr prominentes Beispiel dafür. Oder auch "Ma Rainey's Black Bottom", in der Boseman in seiner letzten Rolle zu sehen ist.

Filmszene aus Black Panther mit dem Schauspieler Chadwick Boseman

Chadwick Boseman in seiner bekanntesten Rolle als "Black Panther" (2018)

Filme wie diese lassen die Kassen klingeln: "Wenn man sich etwa die Einspielergebnisse in Hollywood anschaut, dann gibt es einen direkten Zusammenhang von höherem Profit und einem diversen Cast bzw. einem Film, der eine facettenreichere Welt zeigt", sagt DFF-Direktorin Ellen Harrington. 

Auch bei "Bridgerton" lässt sich dieser Zusammenhang schwer abstreiten. Die am 25. Dezember 2020 auf Netflix gestartete Serie gehört derzeit in vielen Ländern zu den am häufigsten geschauten Inhalten - auch in Deutschland. 

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