Nach Polizeigewalt gegen Jacob Blake in Wisconsin: Boykottwelle im US-Sport | Sport | DW | 27.08.2020
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US-Sport

Nach Polizeigewalt gegen Jacob Blake in Wisconsin: Boykottwelle im US-Sport

Die NBA-Basketballer der Milwaukee Bucks setzen ein klares Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt: Sie verzichten auf ihr Playoff-Spiel gegen Orlando und lösen eine beispiellose Boykottwelle im US-Sport aus.

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USA: Boykott der Milwaukee Bucks findet zahlreiche Nachahmer

Seit sie die unterbrochene NBA-Saison abgeschottet in der "Bubble" von Disney World wieder aufgenommen haben, tragen alle Spieler stets T-Shirts mit dem Schriftzug "Black Lives Matter", wenn sie auf der Auswechselbank sitzen. Auf der Rückseite ihrer Trikots sind nicht nur ihre Namen zu lesen, sondern Statements wie "Enough", "I can't breath", "Equality" oder "I am a man".

Viele Profis der besten Basketball-Liga der Welt hatten schon in der Corona-Pause an öffentlichen Protestaktionen teilgenommen, die als Reaktion auf den Tod von George Floyd am 25. Mai in Minneapolis im ganzen Land veranstaltet wurden. Nach der Wiederaufnahme der Saison demonstrierten sie ihre Haltung auch während der Spiele, die in Sporthallen auf dem Gelände von Disney World in Orlando ausgetragen werden. Nun haben sie diesen Protest auf eine noch höhere Stufe gehoben.

Als Reaktion auf die jüngste Gewalttat von Polizisten gegen einen Afroamerikaner kamen die Spieler der Milwaukee Bucks um Star-Spieler Giannis Antetokounmpo am Mittwochabend gar nicht erst aufs Spielfeld. Am vergangenen Sonntag hatten Polizisten den Afroamerikaner Jacob Blake bei einer Kontrolle sieben Mal in den Rücken geschossen. Der Tatort Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin ist weniger als eine Stunde entfernt von Milwaukee. Das geplante fünfte Playoff-Duell mit den Orlando Magic fand nicht statt. Zwar waren die Magic-Spieler schon zum Aufwärmen auf dem Feld erschienen, zogen sich aber bald ebenfalls zurück.

USA Magic Bucks Basketball

Den Protest auf dem Rücken, den NBA-Titel im Blick: die Bucks mit Superstar Giannis Antetokounmpo (Nr. 34)

"Wir haben die Morde und die Ungerechtigkeit satt", wird Bucks-Spieler George Hill auf der Website "The Undefeated" zitiert. In der Folge des Bucks-Boykotts sagte die NBA auch die weiteren beiden Begegnungen des Tages ab - das der Los Angeles Lakers gegen die Portland Trail Blazers und die Partie Oklahoma City Thunder gegen die Houston Rockets. Die Partien sollen neu angesetzt werden, teilte die NBA mit.

Protestwelle im gesamten US-Sport

"Scheiß darauf, Mann. Wir verlangen Veränderung. Krank davon", schrieb Lakers-Superstar LeBron James in Großbuchstaben und mit vielen Ausrufezeichen versehen auf Twitter. "Wir verlangen Veränderung", twitterte Donovan Mitchell von den Utah Jazz, verbunden mit einer Respektsbekundung an die Bucks. Auch Profis der American-Football-Liga NFL äußerten sich in den sozialen Netzwerken mit Respekt und Zustimmung für die Haltung.

Tennis-Star Naomi Osaka folgte dem Beispiel der Basketballer und zog sich aus Protest gegen Polizeigewalt von den Southern & Western Open zurück. Die Japanerin hätte am Donnerstag im Halbfinale gegen die Belgierin Elise Mertens spielen sollen. "Als schwarze Frau habe ich das Gefühl, dass es viel wichtigere Dinge gibt, die sofortige Aufmerksamkeit erfordern, als mir beim Tennisspielen zuzuschauen", sagte Osaka: "Ich gehe nicht davon aus, dass etwas Drastisches passiert, wenn ich nicht spiele. Aber wenn ich in einem mehrheitlich weißen Sport eine Diskussion in Gang bringen kann, betrachte ich das als einen Schritt in die richtige Richtung." Später wurden alle für Donnerstag geplanten Partien bei der Generalprobe für die US Open abgesagt.

Japan Western Southern Open Tennis Naomi Osaka

Der Vater aus Haiti, die Mutter aus Japan: Naomi Osaka

Die Brewers, das Team der Major League Baseball (MLB) aus dem rund 55 Kilometer nördlich von Kenosha gelegenen Milwaukee, taten es den Bucks gleich und weigerten sich, gegen die Cincinnati Reds zu spielen. Danach wurden drei weitere Spiele verschoben. Auch die Profifußball-Liga MLS schloss sich an: Fünf der sechs angesetzten Partien wurden abgesagt. Die Frauen-Basketballiga WNBA setzte ebenfalls Spiele aus, lediglich die Eishockey-Liga NHL spielte weiter. 

Auch am Donnerstag könnten die Proteste weitere Auswirkungen auf den Playoff-Spielplan der NBA haben. Spieler der Boston Celtics um den deutschen Nationalspieler Daniel Theis und der Toronto Raptors hatten bereits öffentlich über einen zur Debatte stehenden Boykott ihres ersten Duells in der zweiten Playoff-Runde gesprochen. Raptors-Trainer Nick Nurse erklärte, dass seine Spieler mit den Spielern der Boston Celtics darüber diskutieren würden, nicht zum Viertelfinale gegeneinander anzutreten. "Es gibt die Idee", sagte Nurse, "es gibt aber auch noch einige andere." Schon am Dienstag hatte Raptors-Aufbauspieler Fred VanVleet von solchen Diskussionen berichtet. "Ich weiß, dass es nicht so einfach ist. Aber am Ende des Tages, wenn wir hier sitzen und über Veränderungen reden, müssen wir irgendwann Eier zeigen", sagte VanVleet.

Schüsse in den Rücken

Der 29 Jahre alte Familienvater Jacob Blake war am Sonntag durch Schüsse der Polizei in seinen Rücken schwer verletzt worden. Auf einem Video ist zu sehen, wie Blake zu seinem Auto geht, gefolgt von zwei Polizisten mit gezogenen Waffen. Eine der Waffen ist auf seinen Rücken gerichtet. Als Blake die Fahrertür öffnet und sich ins Auto beugt, fallen Schüsse. Nach Angaben des Anwalts der Familie, Ben Crump, saßen in dem Auto Blakes Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren. Nach Angaben von Blakes Vater und des Anwalts ist er infolge der Schüsse von der Hüfte abwärts gelähmt.

In der Stadt Kenosha kommt es seit dem Zwischenfall immer wieder zu gewaltsamen Protesten. Am Dienstagabend wurden bei einer Schießerei zwei Menschen getötet.

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