Friedensnobelpreis: Das sind Nadia Murad und Denis Mukwege | Welt | DW | 05.10.2018
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Friedensnobelpreis

Friedensnobelpreis: Das sind Nadia Murad und Denis Mukwege

Beide Träger des Friedensnobelpreises 2018 haben eines gemeinsam: Sie kämpfen gegen sexuelle Gewalt als Kriegswaffe. Die Lebenswege der beiden Preisträger könnten unterschiedlicher kaum sein.

Die #MeToo-Bewegung ging zwar leer aus, aber ihr Gedanke dürfte trotzdem großen Einfluss auf das Nobelpreiskomitee gehabt haben: Den Friedensnobelpreis 2018 erhalten zwei Menschen, die in ganz unterschiedlicher Art und Weise gegen sexuelle Gewalt kämpfen. Der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege und die jesidische Aktivisten Nadia Murad werden laut der Komiteechefin Berit Reiss-Andersen geehrt "für ihre Anstrengungen, der sexuellen Gewalt als Kriegswaffe ein Ende zu bereiten".

Beide werden eingeladen, den mit umgerechnet rund 874.000 Euro dotierten Preis am 10. Dezember in Oslo entgegenzunehmen.

Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, gratulierte ihnen im Namen der Kanzlerin und ihres Kabinetts und sagte: "Es sind zwei großartige Preisträger, die beide für sich für den Schrei nach Menschlichkeit stehen, inmitten unvorstellbarer Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen antun."

Kämpfer für Frauenrechte: Denis Mukwege

Den Opfern sexueller Gewalt zu helfen - für den kongolesischen Arzt Denis Mukwege ist das zur Lebensaufgabe geworden. Seine Inspirationsquelle war sein Vater, ein Pfarrer: "Er hat mir die Gabe vermittelt, für andere da zu sein", sagte Mukwege 2009 in einem Interview mit der Deutschen Welle.

Als verschiedene Rebellengruppen und Soldaten während der Kongo-Kriege Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre Zehntausende Frauen im Kongo vergewaltigten und misshandelten, gründete der studierte Frauenarzt das Parzi-Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Bukavu. Bis heute behandeln er und seine Kollegen dort Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Neben medizinischer Hilfe rief Mukwege auch Programme zur juristischen und psychologischen Betreuung von Vergewaltigungsopfern ins Leben.

Kongo Kinshasa - Krankenhaus: Panzi Hospital (picture-alliance/Yonhap/YNA)

Denis Mukwege auf einer Station seines Krankenhauses (Archiv)

Seit Jahren ist der 63-Jährige nicht nur Arzt, sondern auch ein rastloser Kämpfer für Frauenrechte. 2012 sprach er vor dem UN-Sicherheitsrat, auch die Verleihung des Sacharow-Preises des europäischen Parlaments 2014 oder des alternativen Nobelpreises nutzte er, um auf die Verbrechen aufmerksam zu machen, die im Kongo auch weiterhin verübt werden.

"In Bukavu kommen immer mehr Kinder zu Welt, weil die Mütter vergewaltigt worden sind. Sie sind nicht getötet worden, aber ihre Genitalien sind komplett zerstört. Das ist eine Form der Gewalt, die das Ziel hat, eine ganze Gesellschaft zu traumatisieren. Wenn so etwas straffrei passiert, wie kann man von Frieden sprechen?", sagte er der Deutschen Welle 2014. 

In seiner Arbeit lässt sich Mukwege auch nicht durch Gewalt oder Bedrohungen beirren: 2012 drangen Bewaffnete in sein Haus ein und töteten einen Angestellten, der den Arzt zu warnen versuchte. Mukwege floh mit seiner Frau und seinen Kindern nach Europa. Doch das Schicksal der Frauen ließ ihm keine Ruhe: Keine drei Monate später war er zurück - und lebte vorübergehend rund um die Uhr bewacht auf dem Gelände seines Krankenhauses.

Kämpferin für ein fast vergessenes Volk: Nadia Murad

In den schlimmsten drei Monaten ihres Lebens wurde Nadia Murad gefoltert, geschlagen und vergewaltigt. Heute setzt sich die 25-Jährige dafür ein, dass niemand mehr solch ein Martyrium erdulden muss: Sie ist Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel bei den Vereinten Nationen. Bei ihrer Ernennung 2016 sagte sie: "Ich bin hier, um diejenigen zu repräsentieren, die von uns gegangen sind. Wir können sie nicht zurückholen. Mit ihnen in Gedanken werden wir immer weiterkämpfen."

Vor dem 15. August 2014 führte Murad ein Leben wie viele andere Jesiden im Sindschar-Gebirge im nördlichen Irak. Sie ging im 2000-Einwohner-Dorf Kocho zur Schule und schmiedete Pläne, welchen Beruf sie danach ergreifen würde; sie wollte Geschichte unterrichten oder einen Schönheitssalon aufmachen.

Dann stürmten Terroristen des sogenannten IS ihr Dorf, richteten ein Blutbad an, ermordeten vor ihren Augen sechs ihrer Brüder, weil sie sich weigerten, zum Islam zu konvertieren, und ihre Mutter. Die Überlebenden, darunter auch Murad, werden nach Mossul gebracht. Sie wird einem IS-Kämpfer als "Geschenk" übergeben", er erniedrigt sie, foltert sie täglich.

Als sie fliehen will, wird sie in einen Raum gesteckt und gezwungen, sich auszuziehen. Die Wächter vergreifen sich an ihr, bis sie irgendwann in Ohnmacht fällt. Später sagt sie im Magazin "Time" über ihre Zeit als Sexsklavin des IS: "Ich wollte mich nicht umbringen, aber ich wollte, dass sie mich töten." Nach drei Monaten gelingt ihr die Flucht.

Friedensnobelpreis Nadia Murad (Getty Images/AFP/K. Betancur)

Nadia Murad bei einer Rede im UN-Hauptquartier in New York (Archiv)

Zuflucht fand Nadia Murad in Baden-Württemberg, wo sie beginnt, ihre Erinnerungen aufzuarbeiten. Als das Schicksal der Jesiden zunehmend aus den Schlagzeilen verschwand, begann Murad, unermüdlich über die Gräueltaten gegen ihr Volk zu reden. Nach und nach wird sie zur Botschafterin für die Jesiden. Der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte bei ihrer Ernennung zur UN-Sonderbotschafterin, er sei "zu Tränen gerührt" vom Schicksal der jungen Frau, aber auch von "ihrer Kraft, ihrem Mut und ihrer Würde". Für ihr Engagement erhielt sie bereits wichtige Preise, darunter den Vaclav-Havel-Preis des Europarats und den Sacharow-Preis des Europaparlaments. Nun erhält sie mit dem Friedensnobelpreis die wohl renommierteste Auszeichnung für ihre Arbeit.

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