Erschütterndes DDR-Schicksal: ″Und der Zukunft zugewandt″ | Filme | DW | 02.09.2019
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DDR-Vergangenheit im Film

Erschütterndes DDR-Schicksal: "Und der Zukunft zugewandt"

Bernd Böhlich blickt auf ein Kapitel DDR-Geschichte, das vielen unbekannt ist. "Und der Zukunft zugewandt" fußt auf einer wahren Geschichte. Ein Film über Hoffnungen in der DDR - und staatlich verordnetes Schweigen.

Zehn Jahre war Antonia Berger, Kommunistin aus Deutschland, mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in einem Lager in Sibirien interniert. Ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war sie in die Sowjetunion gereist, voller Hoffnung, hier für die Weltrevolution kämpfen zu können. Doch sie und ihre Familie wurden verhaftet. In der Sowjetunion unter Stalin wurden sie Opfer einer der vielen "Säuberungswellen".

Eine Kommunistin darf nicht über den Gulag sprechen

Nun, nach zehn Jahren Lagerhaft, während der ihr Mann erschossen wurde, kommt Antonia Berger frei. Sie wird mit ihrer Tochter abgeschoben, zurück nach Deutschland - in die DDR: Dort erwartet sie ein Leben mit vielen offenen Fragen. Doch sie hat sich fest vorgenommen, der Zukunft zugewandt zu bleiben. Schließlich glaubt sie an den Kommunismus, trotz aller Leiden im sowjetischen Gulag. Wenn da nicht das Beharren der DDR-Behörden wäre, über das Vergangene nicht sprechen zu dürfen.

Filmstill Und der Zukunft zugewandt Szene mit Mann und Frau vor Krankenhaus (Neue Visionen Filmverleih)

Der Arzt Konrad Zeidler (Robert Stadlober) findet Zugang zu Antonia Berger (Alexandra Maria Lara)

"Und der Zukunft zugewandt", der nach mehreren Aufführungen bei Filmfestivals rund um den Globus nun auch beim Festival "Film ohne Grenzen" im ostdeutschen Bad Saarow Premiere feiert und demnächst in die Kinos kommt, wurde von dem 1957 in Löbau geborenen Bernd Böhlich in Szene gesetzt. Löbau liegt an der Grenze zu Polen, in der Nähe des Städtchens Görlitz - in den letzten Jahren in der Filmszene bekannt geworden, weil dort viele Hollywood-Produktionen entstanden.

Regisseur Bernd Böhlich wurde in der DDR sozialisiert

Böhlich studierte an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg, schloss dort 1982 sein Studium ab und arbeitete als Drehbuchautor und Regisseur für das DDR-Fernsehen. Mit der Geschichte des sozialistischen Teils Deutschlands und dem Verhältnis der DDR zum "Bruderstaat" Sowjetunion kennt sich Böhlich aus. Für den Regisseur, der nach der Wende vor allem viele Kriminalfilme fürs Fernsehen drehte, dürfte die Kinoproduktion "Und der Zukunft zugewandt" eine Herzensangelegenheit gewesen sein.

Bernd Böhlich (picture-alliance/dpa/H. Schmidt)

Bernd Böhlich

Alexandra Maria Lara spielt in dem Film jene Antonia Berger, die Böhlich zur Hauptprotagonistin seines Drehbuchs auserkoren hat. Böhlich erinnert sich: "Ende der 80er Jahre erfuhr ich durch einen Zufall von der Schauspielerin Swetlana Schönfeld (im Film spielt sie die Mutter von Antonia), dass sie in einem sowjetischen Arbeitslager geboren wurde." Er habe damals zum ersten Mal von einem solchen Schicksal gehört und sei fassungslos gewesen.

Das Thema wurde in der DDR lange beiseite geschoben 

Das Thema habe er dann aber zunächst einmal wieder hintenangestellt, auch weil "es keinerlei Literatur dazu gab und die Betroffenen sich an ihr "Schweigegelübde" hielten. Es ist dieses "Schweigegelübde", dass zum Kernthema des Films wird. Antonia Berger darf, nachdem sie in der DDR angekommen ist, nicht über die Lagerhaft im Gulag sprechen. Das wird ihr von Parteifunktionär Leo Silberstein (Stefan Kurt, auf unserem Titelbild oben neben Lara) in aller Deutlichkeit gesagt.

Filmstill Und der Zukunft zugewandt Szene mit verschiedenen Leuten an gedecktem Tisch (Neue Visionen Filmverleih)

Antonias Nachbar Alois Hoecker (Jürgen Tarrach) gibt sich zunächst freundlich, entpuppt sich aber als Opportunist

Das Reden über die dunklen Schatten der jüngeren sozialistischen Historie ist streng verboten. Man befindet sich im Kalten Krieg, das Kräftemessen von Ost und West ist auch eine Propagandaschlacht. Das Verhältnis zum Bruderstaat Sowjetunion darf nicht getrübt werden. Was wäre, wenn die Bürger in der DDR erfahren würden, dass doch nicht so alles gradlinig läuft beim Aufbau des Sozialismus in der DDR und in der Sowjetunion? Man steht ja schließlich für ein "besseres Deutschland".

Die eigenen Leute verordnen Antonia ein Schweigegelübde

Bestürzend (und für den Zuschauer eindrucksvoll gespielt) ist das Schicksal der Antonia Berger vor allem vor dem Hintergrund, dass es sich bei der jungen Frau eigentlich um eine überzeugte Sozialistin handelt. Das Sprechverbot über das Erlebte ausgerechnet von den "eigenen Leuten" verordnet zu bekommen und nicht vom Feind im Westen, wie kann das sein?

Filmstill Und der Zukunft zugewandt Szene mit Frau am Klavier (Neue Visionen Filmverleih)

Als Pianistin und Musiklehrerin versucht Antonia Berger, in der DDR Fuß zu fassen

Böhlichs Film zeigt aber auch andere Facetten der frühen DDR. In den Anfangsjahren waren viele überzeugt vom "anderen, besseren Weg" in Deutschland, der sich von dem im Westen unterschied. Auch das war dem Regisseur wichtig: "Weil es zu Wahrheit gehört. Viele Menschen sind an der DDR verzweifelt - und hatten trotzdem nicht ihre Abschaffung im Sinn, sondern ihre Veränderung." Auch er sei "nicht morgens mit dem Gedanken aufgewacht: Wie komme ich in den Westen?", erinnert sich Böhlich.

"Und der Zukunft zugewandt" stand auf der deutschen Shortlist für den Auslands-Oscar

Kernthema des Films bleibt jedoch das Beharren der SED, alles dem einen Ziel, eine "ideologisch, reine DDR" aufzubauen, unterzuordnen - auch die Wahrheit. Antonia Berger hat also zu schweigen.

"Und der Zukunft zugewandt", der auf der Shortlist für den Auslands-Oscar stand, beleuchtet ein Thema der DDR-Historie, das bisher in Film und Fernsehen nur selten aufgegriffen wurde. Das hat Böhlich vermisst: "Die Reduzierung der DDR auf Mauer, Stasi und Doping ist nicht nur unsäglich, sondern schlichtweg falsch. Daher rühren viele Verwerfungen und Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschen - und als trotzige Reaktion kommt manchmal eine Verklärung der DDR."

Vom Leid des Sozialismus sowjetischer Prägung

Die Anfänge der DDR seien auch von den Menschen im Westen anfangs mit Sympathie begleitet worden, sagt der Regisseur: "Eine Alternative zum Kapitalismus schien nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg notwendig und sinnvoll. Dass es ein Sozialismus sowjetischer Prägung wurde, gehört zur Tragik der Geschichte."

Uraufführung feierte der Film "Und der Zukunft zugewandt" im vergangenen November beim internationalen Filmfestival Indien in Goa, anschließend lief Böhlichs Film u.a. auf Festivals in Cleveland/USA, in Australien und in Europa. Der Film startet nach der Premiere in Bad Saarow am 5. September in den deutschen Kinos.

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