Wilder Schafsjäger: Haruki Murakami zum 70. | Bücher | DW | 11.01.2019
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Japans Literaturstar

Wilder Schafsjäger: Haruki Murakami zum 70.

Mehrfach wurde der Japaner Haruki Murakami als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt. Seine Romane haben surrealistische Züge und handeln vom Verlust geliebter Menschen. Unsere Autorin zog er damit in den Bann.

Auf einmal war er da, der Roman, den man gelesen haben musste. Anfang der 1990er Jahre drückte mir eine Freundin "Wilde Schafsjagd" in die Hand mit einer dringenden Leseempfehlung. Dieses Buch schien meine damalige Stimmung der persönlichen Desorientiertheit und Stagnation am Anfang meines Studiums genau einzufangen, und so verschlang ich es. Es erzählt von einem 29-jährigen Werbefachmann, frisch von seiner Frau geschieden, der zusammen mit seiner Katze in einem kleinen Apartment im modernen Tokio lebt. Murakami beschreibt die Banalität des Alltags in einer klaren, schnörkellosen Sprache, die sich dennoch fernab aller Sicherheiten bewegt.

Rauchen, Trinken, Essen und Sex

Der namenlose Protagonist raucht, trinkt Bier, hat eine Schwäche für Musik und Frauen mit besonderen Merkmalen wie den schönsten Ohren der Welt. Das Leben in Verlorenheit und Einsamkeit, das Getriebensein und die Suche nach einem Jugendfreund, der eigentlich schon tot ist und in einem Schafskostüm herumläuft, entwickelt sich zu einer Irrfahrt, die gar nichts mit einer gezielten Jagd, wie sie der Titel andeutet, zu tun hat.

Porträt Haruki Murakami (Imago)

Haruki Murakami

Das Nichterwachsenwerdenwollen und die diffuse Suche nach etwas, das fehlt, zog mich in den Bann. Murakamis liebevolle Distanziertheit, mit der er seine Figuren beschreibt, gefiel mir damals so sehr, dass ich mir vornahm, mehr lesen zu wollen von diesem hierzulande damals noch recht unbekannten japanischen Autor. Mit gleicher Begeisterung las ich in der Folge "Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt", "Gefährliche Geliebte" und "Mister Aufziehvogel". 

Ein Skandal machte Murakami zum Shootingstar

Breitenwirkung fand der magische Realismus des Japaners erst einige Jahre später, als ich schon beinahe meine Murakami-Phase hinter mir hatte. Die große Aufmerksamkeit wurde ausgelöst durch eine bizarre Diskussion im Juni des Jahres 2000 in der Fernsehsendung "Literarisches Quartett". Ein Format, das damals sehr gute Einschaltquoten hatte und für seinen hohen Unterhaltungswert geschätzt wurde. Die graue Eminenz dieser Sendung, der Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki, stritt mit einer Kollegin, Sigrid Löffler, über das Buch "Gefährliche Geliebte" und löste damit einen waschechten Skandal aus. Die Sexszenen des Romans standen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Sigrid Löffler nannte sie "sprachloses, lustloses Gestammel" und bezeichnete das Buch als "literarisches Fastfood".  Woraufhin ihr Gegenüber Marcel Reich-Ranicki sie als lustfeindlich beschimpfte.

Modernes Japanbild

Auch schlechte Werbung ist bekanntlich gute Reklame - "Gefährliche Geliebte" entwickelte sich quasi über Nacht zum Bestseller. Haruki Murakami, der wie kein anderer ein neues Bild vom normalen Leben im modernen Japan entwarf, in dem viel Wert auf die Zubereitung von Essen, auf Musik und nächtliche Ausgehkultur gelegt wird, wurde zum Kultautor. Inzwischen mit vielen Auszeichnungen dekoriert, wird er seit Jahren von vielen Menschen als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt.

Zum Schreiben kam Murakami eher zufällig, wie er in seiner Autobiographie "Beruf Schriftsteller" erzählt. "Ich war in keiner Weise dazu ausgebildet, Romane zu schreiben. Ich war zwar für Film- und Theaterwissenschaften eingeschrieben, studierte aber - ganz zeitgemäß - so gut wie gar nicht, sondern ließ mir die Haare wachsen und einen Bart stehen und lief schmuddelig herum. Mit anderen Worten: "Ich gammelte."  Der erste Roman "Wenn der Wind singt" ist dem gammelnden Studenten 1979 gleich so gut gelungen, dass er dafür einen Nachwuchspreis der japanischen Literaturzeitschrift "Gunzo" erhielt. Das hatte Konsequenzen: "Ehe ich mich's versah, war ich Berufsschriftsteller. Ich muss mich selbst wundern, wie einfach das war. Viel zu einfach", schreibt er in seiner Autobiographie.

Vorliebe für englischsprachige Literatur

"Schreiben", so Murakami, der 1949 als Sohn eines buddhistischen Priesters in Kyoto geboren wurde, liege irgendwo zwischen "langsamem Radfahren und schnellem Gehen", und sei deshalb für richtig intelligente Menschen, die gerne Ideen auf den Punkt formulierten, nicht geeignet. Mit Büchern hatte Murakami schon über seine Eltern Kontakt. Beide unterrichteten japanische Literatur und führten ihren Sohn schon früh an die Literatur heran. Seine Kindheit verbrachte Haruki Murakami in Kobe, einer Hafenstadt, in der auch amerikanische Soldaten stationiert waren, was dem Autor früh Zugang zu westlichen Autoren ermöglichte. 1968 beginnt Murakami sein Studium der Theaterwissenschaften an der Tokioter Waseda Universität.

Dort lernte er auch seine Frau Yoko kennen, die er nach dem Studium 1971 heiratete. Parallel zum Studium arbeitete er in einem Plattenladen, in dem seine große Vorliebe zur westlichen Musik entsteht. Dieser Leidenschaft zur Musik treu geblieben, betrieb Murakami von 1974 bis 1982 seine eigene Jazz-Bar "Peter-Cat" in Tokio. Von 1991 bis 1995 arbeitete Murakami als Gastdozent in den USA, er übersetzte englischsprachige Romane z. B. von Raymond Chandler, John Irving, F. Scott Fitzgerald oder Truman Capote. 1995 kehrte er zurück nach Japan. Einige seiner Bücher erschienen zunächst als kostengünstigere Sekundärübersetzungen, wurden also erst ins Englische und dann ins Deutsche übersetzt, was natürlich die Frage aufwirft, wie viel vom Original noch erhalten bleibt. Das hatte zur Folge, dass viele seiner Romane noch einmal neu übersetzt werden mussten.

Garant für gute Verkaufszahlen

 "Als Schriftsteller zu überleben, ist ein fast unmögliches Unterfangen." Viele Shootingstars seien sang- und klanglos wieder verschwunden. Dieses Schicksal droht Haruki Murakami ganz sicher nicht, der in erstaunlich enger Taktung einen Roman nach dem anderen schreibt und dafür auch weiterhin eine große Leserschaft begeistert. Die Kritik an seinem Werk ist allerdings in den letzten Jahren lauter geworden. Einige Rezensenten werfen ihm vor, bestenfalls Unterhaltungsliteratur zu produzieren, andere ätzen, er greife in schöner Regelmäßigkeit auf die gleichen Stilelemente zurück. Sie attestieren ihm einen gewissen Mangel an Originalität, wenn er wiederholt seine Protagonisten über Äußerlichkeiten wie ihren Kleidungsstil, ihre Vorliebe für exotische Gerichte oder erotische Rituale charakterisiert. Mein Urteil über die letzten Bücher fiel ähnlich aus. Aber das ist wohl zum Teil Geschmackssache. Murakami sagt, ihm sei es egal, ob ein Werk, an dem er gerade arbeitet, in die Literaturgeschichte eingeht. Ihm sei nur wichtig, es zu Ende zu bringen. "Ich will nicht sterben, zumindest bis ich diesen Roman fertig habe, will ich auf keinen Fall sterben."

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