Wie umgehen mit Nazi-Devotionalien? | Kultur | DW | 25.01.2022
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Geschichte

Wie umgehen mit Nazi-Devotionalien?

Auf Flohmärkten und Verkaufsportalen ist der Handel mit NS-Relikten gefragt. Wie man mit solchen Devotionalien umgehen kann, zeigt das Haus der Geschichte Österreich.

Haus der Geschichte Österreich | Ausstellung Hitler entsorgen - Vom Keller ins Museum

Eine Möglichkeit, mit NS-Devotionalien umzugehen. Aus der Ausstellung "Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum".

Ein Abzeichen "Eisernes Kreuz" aus dem Jahr 1939 für 1200 Euro, ein Waffen-SS Fingerring aus Silber für 300 Euro, ein Ärmelband der Wehrmacht mit dem Schriftzug "Großdeutschland" für 1100 Euro. Auf der Internetseite eines Auktionshauses findet man sämtliche Relikte aus der Zeit von 1933 - 1945. Ein separater Reiter mit dem Namen "Drittes Reich" erleichtert die Suche und führt den interessierten Käufer direkt zum vielfältigen Angebot.

"Nach § 86 StGB ist es verboten, Propagandamittel von verfassungswidrigen Organisationen in Deutschland zu verbreiten, herzustellen, Handel zu treiben oder auf Datenträgern öffentlich zugänglich zu machen", sagt Michael Terhaag, Rechtsanwalt und Fachanwalt für IT-Recht. Zu den verfassungswidrigen Organisationen gehören sowohl links- als auch rechtsextreme und terroristische Organisationen, die durch das Bundesverfassungsgericht verboten wurden. Außerdem seien auch Propagandamittel verboten, "die nach ihrem Inhalt dazu bestimmt sind, Bestrebungen einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation fortzusetzen."

Verkauf von NS-Devotionalien nicht immer strafbar

Ist also der Verkauf dieser Überbleibsel strafbar? Nicht grundsätzlich. Wenn es sich um Altbestand handelt und Erkennungszeichen der Nationalsozialisten wie die Hakenkreuze und SS-/SA Runen abgeklebt sind, ist der Verkauf grundsätzlich zulässig. Anders ist das im Nachbarland Österreich. Dort reicht es nicht aus, die Symbole abzukleben. Sie müssen dauerhaft entfernt werden.

Der Besitz der Devotionalien ist in Deutschland als solcher ist nicht strafbar. "Wenn die Oma noch ein altes Exemplar von 'Mein Kampf' im Wohnzimmerschrank stehen hat, macht sie sich nicht strafbar. Wenn die Großmutter davon aber noch zwanzig im Keller lagert und diese dann bei eBay einstellen würde, so könnte das unter Umständen ein strafwürdiges Verhalten darstellen", sagt Rechtsanwalt Michael Terhaag. Denn verboten sei die "Verbreitung, die Herstellung, Ein- und Ausführung sowie die Vorratshaltung zum Zweck der Verbreitung bzw. das öffentliche Zugänglichmachen von Propagandamitteln auf Datenspeichern" - der einfache Besitz aber eben nicht.

80 Jahre Wannseekonferenz

Doch was tun, wenn man auf dem Dachboden ein NSDAP Dienstabzeichen findet? Schnell in die Kiste zurücklegen und sich nicht damit auseinandersetzen, entsorgen, verkaufen oder einem Museum schenken?

Diese Frage stellt das Haus der Geschichte Österreich in der aktuellen Ausstellung "Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum" jedem einzelnen Besucher. Mit dem Kauf der Eintrittskarte bekommt der Besucher einen Zettel, worauf ein Objekt aus der NS-Zeit beschrieben ist mit der klaren Frage: Würden Sie das Objekt zerstören, verkaufen oder aufbewahren?

Österreich hat ähnliche Gesetzte und auch ähnliche Probleme wie Deutschland, was den Verkauf und die Verbreitung solcher Devotionalien angeht. Ausgestellt werden dürfen solche Objekte in Österreich nur, wenn eine aufklärende Absicht über die Verbrechen des NS-Systems deutlich wird.

Es ist also im Haus der Geschichte kein leichter Museumsbesuch, bei dem die Leute lediglich durch die Gänge streifen und die Ausstellungsstücke ungestört beobachten können. Nein, sie werden mit der Vergangenheit direkt konfrontiert: "Wir können diese Entscheidung, wie wir als Gesellschaft mit den Relikten aus dieser Zeit (Anmerkung der Redaktion: gemeint sind die Jahre zwischen 1938 und 1945) umgehen sollen, nicht für alle übernehmen. Jeder muss diese Entscheidung für sich selber treffen. Geschichte geht uns alle an, vor allem Zeitgeschichte", sagt Monika Sommer, Direktorin des Museums, die gemeinsam mit Stefan Benedik und Laura Langeder die Ausstellung "Hitler entsorgen" kuratiert hat.

Ausstellungshalle des Hauses der Geschichte in Wien

Gehören die Überbleibsel des Nationalsozialismus ins Museum?

Entsorgen, verkaufen, bewahren?

Egal welche Entscheidung man trifft, die Fragen, die daraus resultieren, bleiben: Bedeutet das Aufbewahren eine Huldigung des NS-Regimes? Ist das Wegwerfen ein Eingeständnis von Scham und Verdrängung? Werden beim Zerstören Beweise vernichtet? Oder ist die Zeit reif, die vielen NS-Überbleibsel loszuwerden?

Das Haus der Geschichte in Wien hat vierzehn Tische mit NS-Devotionalien ausgestellt - sachlich und nüchtern: "Wir möchten nicht, dass diese Objekte als Propagandamaterial interpretiert werden. Wir haben sie einfach auf den Tisch gelegt. Es gibt keine weiteren Mittel, die eine Aura des Objektes erzeugen können. Wenn ich ein Objekt auf ein Stück Samt stelle, dann kriegt das eine andere Bedeutung, als wenn ich es einfach lapidar auf den Tisch lege."

Zettel mit Fragen Würden Sie das Objekt auf der Karte zerstören.

Würden Sie das Objekt auf Ihrer Karte zerstören? Jeder Besucher ist gefragt, sich in die Diskussion einzubringen.

Scham, Wut oder Verdrängung

Die NS-Devotionalien erreichen das Haus der Geschichte auf unterschiedlichsten Wegen: Manchmal werden sie einfach am Eingangsbereich schnell abgegeben - ohne weitere Angaben, andere werden anonym verschickt. Eins ist sicher: Die Objekte werden vom Museum nicht käuflich erworben, um den Markt nicht weiter zu befeuern. Es sind Schenkungen vor allem von Privatpersonen, aber auch von Institutionen. Die Gründe sind unterschiedlich: "Viele von unseren Schenkern und Schenkerinnen wollen sich davon distanzieren. Wir sprechen von dem Motiv des Ballast-Abwerfens - vielleicht auch innerhalb der eigenen Familiengeschichte", erläutert Monika Sommer. Es gehe aber auch darum, diese Objekte "produktiv" zu machen, sie also für die Demokratiebildung zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres Motiv, das häufig genannt werde, sei der Wunsch, die Dinge dem Markt zu entziehen. "Wir haben aber auch mit der Tatsache zu tun, dass manche Menschen denken, dass es illegal ist, diese Objekte zu Hause zu haben. Da ist die Sorge, sich strafbar zu machen", sagt Direktorin Monika Sommer.

So steht in der Ausstellung auch ein Puppenwagen, den ein Wehrmachtsoldat nach dem Überfall auf Frankreich mit dort geraubten Materialien angefertigt und seinen Töchtern nach Deutschland geschickt hat. Es finden sich viele solcher Erinnerungsstücke, doch oft geht es nicht um die Objekte selbst, sondern um die Geschichte dahinter.

Ein Puppenwagen, den ein Soldat der Wehrmacht für seine Töchter gemacht hat.

Ein ehemaliger Soldat der Wehrmacht stellte diesen Puppenwagen 1947 her - aus geklauten Materialen im besetzten Frankreich

Ein Beispiel stellt ein Mikrofon dar, das Hitler bei seiner ersten Rede in Linz zum "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland mutmaßlich verwendet hat. Es befand sich bis 1990 auf dem Schreibtisch des jeweiligen technischen Leiters eines Landesstudios des Österreichischen Rundfunks (ORF). "Dieses Objekt haben wir anhand von historischen Fotos geprüft. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Mikrofon tatsächlich zu dem Anlass benutzt wurde. Aber das war für uns nicht entscheidend", erläutert Monika Sommer. Interessant sei gewesen, dass der damalige technische Verantwortliche dieses Objekt aufbewahrt und über politische Systeme und Jahrzehnte hinweg weitergereicht habe. "Das Mikrofon wurde irgendwann aus dem Bestand ausgeschieden, weil es nicht mehr den technischen Anforderungen entsprach, aber man hat es eben nicht vernichtet. Der Schenker hatte aber ein Unbehagen, für ihn fühlte es sich nicht korrekt an, dieses Objekt zu Hause zu haben, und er hat es uns angeboten."

Mikrofon durch das Hitler gesprochen haben soll.

Ballast abwerfen: Der Besitzer wollte das Mikrofon, in das Hitler einmal gesprochen haben soll, nicht länger aufbewahren.

Neben Objekten, die offensichtlich aus der Zeit der Nazi-Diktatur stammen, gibt es auch solche, die man auf Anhieb nicht als NS-Devotionalien erkennt. Wie etwa die kleinen Blumen-Abzeichen des sogenannten Winterhilfswerks, die man damals bekam, wenn man etwas gespendet hatte. "Diese Abzeichen wirken unschuldig, wenn man ein Röslein oder einen Enzian sieht", sagt Sommer. In Wirklichkeit habe dieses System der NS-Wohlfahrt dazu gedient, eine Volksgemeinschaft zu schaffen, die der Ideologie der Nationalsozialisten folgt. "Es war ganz klar rassistisch motiviert, denn es war sehr genau reglementiert, wer vom Hilfswerk eine Unterstützung bekommt und wer nicht, nämlich nur sogenannte arische Familien", sagt Monika Sommer.

NS-Anstecker und Abzeichen sortiert in zwei Kisten

"Harmlose" Objekte auf den ersten Blick: Rosen und Edelweiße für das Kriegswinterhilfswerk

Die Entscheidungskärtchen der Besucher, mit der Frage, wie sie mit den Gegenständen aus der NS-Zeit umgehen würden, werden sichtbar aufgehängt und sind Teil der Ausstellung. Die dafür vorgesehenen Freiflächen seien bereits voll, sagt Kurator Stefan Benedikt. Auch eine Tendenz ist schon abzusehen. Die meisten Besucher würden sich aus unterschiedlichsten Gründen für "Aufbewahren" entscheiden. Allein daraus, so Benedikt, könne man schon eine ganze Dissertationsarbeit schreiben.

Die Ausstellung "Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum" ist noch bis zum 9. Oktober im Haus der Geschichte Österreichs zu sehen.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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