WHO lehnt geplante EU-Impfpässe ab | Aktuell Europa | DW | 05.03.2021
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Coronavirus

WHO lehnt geplante EU-Impfpässe ab

Der EU-Impfpass soll bei der Bewältigung der Corona-Pandemie helfen. Doch die Weltgesundheitsorganisation hat ernste Bedenken - und wagt eine Prognose.

Deutschland Corona-Pandemie | Impfpass

Bevor der EU-Impfpass kommt, können Bundesbürger den deutschen Impfpass nutzen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat erhebliche Einwände gegen den Plan der EU-Kommission für einen "digitalen grünen Impfpass". So sei unsicher, wie lang eine Immunität aufgrund einer Impfung gegen das Coronavirus anhalte, sagte der Regionaldirektor der WHO Europa, Hans Kluge, der Tageszeitung "Die Welt". Dementsprechend lehnt die WHO die angestrebten Impfpässe ab. "Wir verstehen, dass Regierungen mit der politischen Realität konfrontiert sind", betonte der belgische Mediziner und fügte hinzu, dass die für den Sommer angekündigte Einführung "wohl unvermeidlich" sei. "Aber es ist keine Empfehlung der WHO."

Die EU-Kommission will am 17. März den Gesetzentwurf für einen "digitalen grünen Pass" vorlegen, der Corona-Impfungen, COVID-19-Erkrankungen und negative Tests vermerken soll. Ziel ist, einen sicheren Weg zur Aufhebung von Beschränkungen und zum Reisen in Europa zu finden. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union hatten zuvor vereinbart, die Pläne für einen digitalen Impfpass voranzutreiben. Binnen drei Monaten sollen die technischen Voraussetzungen stehen, damit Corona-Geimpfte europaweit fälschungssicher ihre Immunisierung nachweisen können.

In zehn Monaten vorbei?

Kluge rechnet damit, dass die Corona-Pandemie in rund zehn Monaten zu Ende sein werde. Er gehe davon aus, dass 2021 ein weiteres COVID-19-Jahr werde, 2020 sei "Terra Incognita" gewesen. "Ein Jahr später wissen wir viel mehr. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Pandemie Anfang 2022 vorbei ist." Was nicht heiße, dass das Virus weg sei. "Aber hoffentlich braucht es dann keine der disruptiven Interventionen mehr."

Albanien WHO Unterstützung Coronakrise Dr. Hans Kluge

Der WHO-Europadirektor Hans Kluge

Dann gelte es, die Erfahrungen nicht zu vergessen, mahnte der Europadirektor der WHO. "Wir haben bei Ebola beispielsweise gesehen, dass dem Panikzyklus ein Zyklus des Vergessens folgte. Dabei sollte so etwas bleibende Erinnerung sein."

Kluge warnte davor, Corona-Mutationen nicht ernst genug zu nehmen, weil sich manche sehr schnell verbreiten könnten und schwere Krankheitsverläufe auslösten. "Wenn dies nun zusammenfällt mit einer nur langsamen Impfkampagne, dann verlieren wir das Momentum. Dann kann das Virus wieder die Oberhand gewinnen." Jetzt sei noch nicht die Zeit für die Menschen in Europa, sich zurückzulehnen.

Neun Prozent mehr Ansteckungen

Das Europabüro der WHO hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass die Anzahl der Neuinfektionen in Europa um neun Prozent gestiegen sei. Damit habe der vielversprechende Rückgang der letzten sechs Wochen gestoppt. Die Virusvariante B.1.1.7, die zuerst in Großbritannien auftrat, sei inzwischen in 43 der 53 europäischen Länder präsent.

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Mehr Freiheiten durch EU-Corona-Impfpass? (21.01.2021)

Kluge warb zudem für europäische und weltweite Solidarität im Hinblick auf die Impfkampagne. "Wir müssen uns gedulden. Das ist das größte Immunisierungsprogamm der Weltgeschichte", betonte der 52-Jährige. Normalerweise dauere die Entwicklung eines Impfstoffs zehn Jahre. "Die gemeinsame Beschaffung des Impfstoffs ist eine Erfolgsgeschichte im Werden", so Kluge. "Was wäre passiert, wenn jeder Staat allein gehandelt hätte? Die großen Staaten hätten viel Vakzin bekommen, die kleinen wären leer ausgegangen." Dabei sei niemand sicher, "solange nicht alle sicher sind".

Insofern dürften die europäischen Länder nicht warten, bis 70 Prozent ihrer Bevölkerung geimpft seien, um erst danach Impfstoff mit den Ländern auf dem Balkan oder im europäischen Osten zu teilen. "In denen müssten nur 20 Prozent der Bevölkerung geimpft werden, um die Risikogruppen abzudecken", sagte der WHO-Europa-Direktor.

kle/se (dpa, kna, rtr)

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