Venezuela: Ist Machado die große Verliererin im Machtpoker?
14. Januar 2026
Natürlich hat sich Donald Trump über die gerahmte Geburtsurkunde seines Großvaters Friedrich Trump aus Kallstadt gefreut, die ihm Bundeskanzler Friedrich Merz mitbrachte. Auch der neu geschaffene FIFA-Friedenspreis von Weltfußball-Chef Gianni Infantino hat dem US-Präsidenten sichtbar geschmeichelt. Regelrecht begeistert war er über die "kleine Aufmerksamkeit" aus Katar: eine etwa 400-Millionen-Dollar-teure Boeing 747 als potenzielles neues Präsidentenflugzeug, als Ersatz für seine Air Force One.
Doch all diese Geschenke dürften für Donald Trump verblassen, angesichts dessen, was María Corina Machado am Donnerstag für ihn im Gepäck hat: Den heiß ersehnten Friedensnobelpreis, den die venezolanische Oppositionsführerin liebend gerne an Trump weitergeben möchte. "Ich habe gehört, dass sie das tun will, es wäre eine große Ehre", hatte Trump dem US-Sender Fox News gesagt. Nicht, ohne dem Nobelpreis-Komitee in Oslo noch einen mitzugeben: Es sei ohnehin "eine große Schande für Norwegen" gewesen, dass er die Auszeichnung nicht gleich erhalten habe.
Das Komitee teilte mit, dass ein Nobelpreis nach Paragraf 10 der Statuten weder geteilt noch an andere übertragen werden kann und die Entscheidung über eine Verleihung endgültig und unwiderruflich sei. María Corina Machado hatte im Dezember die Auszeichnung "für ihren Einsatz für die demokratischen Rechte des venezolanischen Volkes" erhalten - Umtausch und Weitergabe ausgeschlossen.
Von Donald Trump düpiert, aber weiter treu an der Seite der USA
Nicht wenige vor allem in Venezuela stellen sich jetzt die Frage: Was geht in Machado vor, wenn sie bereit ist, die wichtigste Auszeichnung der Welt einfach so - wenn auch nur symbolisch - zu verschenken an den mächtigsten Menschen der Welt? Und das, nachdem Trump sie nach dem Machtwechsel in Venezuela vor aller Welt gedemütigt hatte, indem er Machado als "nette Frau" bezeichnete, die aber "weder die Unterstützung noch den Respekt im Land" genieße - und er stattdessen auf Kontinuität und Interimspräsidentin Delcy Rodríguez setzt.
"María Corina Machado ist zweifellos die große Verliererin im venezolanischen Machtkampf", sagt Renata Segura der DW, Programmdirektorin für Lateinamerika und die Karibikstaaten bei der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group. Viele Venezolanerinnen und Venezolaner könnten Machados bedingungslose Unterstützung der Trump-Regierung, die jetzt in der Farce um den Nobelpreis gipfelt, nicht mehr nachvollziehen.
"Sie gilt mittlerweile vielen in Venezuela als eine, die ihr Vaterland verkauft, weil sie persönliche Interessen über die Interessen von Venezuela stellt", berichtet Segura. Selbst ihren Unterstützern stoße es übel auf, dass sich Machado demonstrativ auf die Seite der US-Regierung geschlagen habe und Venezuela nicht verteidige. "Zum Beispiel als Washington behauptete, die große Mehrheit der Venezolaner seien schlechte Menschen und kämen mit bösen Absichten in die USA. Und auch, als die USA Boote in der Karibik bombardierten und Dutzende Venezolaner starben, sagte sie kein Wort."
Schon zuvor hatte sich Machado nicht nur Freunde gemacht, als sie immer wieder eine militärische Intervention der Vereinigten Staaten gefordert hatte, um Präsident Nicolás Maduro gewaltsam zu stürzen. Als sie US-Sanktionen als Druckmittel gegen die Regierung unterstützte, unter der aber vor allem die verarmte Bevölkerung litt. Und als sie vor kurzem US-amerikanischen Unternehmen "eine Chance im Wert von 1,7 Billionen Dollar" versprach, mit lukrativen Geschäften im Öl- und Erdgassektor und dem Abbau von Gold und anderen Bodenschätzen.
"María Corina Machados unbedingter Kampf wird in Venezuela wirklich respektiert. Aber sie ist keine Friedensbringerin. Sie ist nicht dialogorientiert, sie baut keine Brücken", sagt Anja Dargatz der DW. Sie leitet das Landesbüro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Venezuela. "Deswegen wurde auch in Venezuela ihr Friedensnobelpreis ein wenig infrage gestellt. Ich zitiere da immer eine Frau, die mir sagte, 'das ist der Preis Norwegens, nicht unserer'."
Machado: Eine von vielen Oppositionellen, aber mit internationalem Standing
Doch Dargatz erinnert auch an Machados Verdienste, die sich mehr als ein Jahr aus Angst vor Repressalien in Venezuela versteckt gehalten hatte: Die 58-Jährige habe es als führende politische Kraft geschafft, die Opposition vor den Präsidentschaftswahlen 2024 zu einen, den Betrug bei dem Urnengang vor der ganzen Welt öffentlich zu machen und internationale Allianzen zu schmieden, damit Venezuela nicht von der globalen Agenda verschwindet. Zur Charmeoffensive gehörte jetzt auch ein Besuch bei Papst Leo XIV. im Vatikan.
"Machado hat diese Allianzen vor allem in Europa in rechten Netzwerken gesucht, bei der Rechtsaußen-Partei Vox in Spanien zum Beispiel. Der Sacharow-Preis vom Europäischen Parlament für sie und Präsidentschaftskandidat Edmundo González 2024 wurde ja auch maßgeblich von der rechten Fraktion gefordert und durchgesetzt", erklärt Dargatz. "Aber Machados Strategie war es nie, das oppositionelle Bündnis innerhalb Venezuelas zu festigen. Sie hat dieses Bündnis nicht gepflegt und jetzt agiert eigentlich jede Partei für sich."
María Corina Machado sei heute nur noch eine unter vielen Oppositionsführerinnen und -führern, sagt Anja Dargatz. Trotzdem kann die Friedensnobelpreisträgerin für die Zukunft Venezuelas noch eine bedeutende Rolle spielen: zum einen mit ihrem guten Draht zu US-Präsident Donald Trump, aber auch mit ihren Kontakten nach Europa. Die Leiterin des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Venezuela fordert, die Europäische Union und Deutschland müssten nun endlich aufwachen:
"Sie sollten weniger Energie darauf verwenden, in die Kristallkugel Trump zu schauen und ihn zu interpretieren, sondern sich selbst Gedanken machen, was sie eigentlich wollen. Venezuela ist ein souveräner Staat. Auch andere Länder können, natürlich vorsichtig, mit Caracas sprechen. Es gibt jetzt eine Chance auf einen Dialog, den Europa am besten mit südamerikanischen Partnern wie Kolumbien und Brasilien forcieren könnte."