1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

So stark hat die US-Rüstungsindustrie die Welt im Griff

11. Februar 2026

Die USA exportieren mehr Rüstungsgüter als jedes andere Land. Daten zeigen, welche Regionen die meisten US-produzierten Waffen kaufen - und Experten diskutieren Strategien, um dieser Abhängigkeit zu entkommen.

https://p.dw.com/p/58Lgl
Eine Grafik zeigt exemplarisch, wie Panzer, Kampfjets und Raketen aus den USA exportiert werden
Die USA sind für viele Länder weltweit der wichtigste Partner im Bereich der Rüstungsexporte

Wenn die Münchner Sicherheitskonferenz diesen Freitag beginnt, werden die Themen transatlantische Beziehungen und europäische Verteidigung weit oben auf der Agenda der Politiker und Politikerinnen stehen. 

Im Laufe des vergangenen Jahres hat die Europäische Union ihr Ziel vorangetrieben, einer eigenständigeren Verteidigung näher zu kommen und eine stärkere, unabhängigere EU-Verteidigungsindustrie zu schaffen. 

Das geopolitische Auftreten der US-Regierung unter Donald Trump - man denke etwa an die Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg oder die Begehrlichkeiten im Bezug auf Grönland - hat wiederholt gezeigt, wie dringend dieses Anliegen ist. Auch wenn dies von europäischer Seite nicht explizit gesagt wird: Eine unabhängigere EU bedeutet eine EU, die unabhängiger von den USA ist.

Um festzustellen, wie eng verwoben die weltweite Rüstungsindustrie derzeit ist, hat die DW Daten des Stockholm Instituts für Internationale Friedensforschung (SIPRI) ausgewertet. Seit 1950 dokumentiert SIPRI Militärausgaben und den Handel von sogenannten "konventionellen Großwaffen". Dazu gehören beispielsweise Flugzeuge, Luftabwehrsysteme, gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, Schiffe oder Satelliten.

Die DW-Analyse zeigt das Ausmaß der US-amerikanischen Marktmacht - nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Nur fünf Länder verantwortlich für den Großteil aller Rüstungsexporte 

In den vergangenen 25 Jahren waren die USA mit einem Anteil von rund 35 Prozent die weltweit größte Exportnation in Sachen Rüstungsgüter. Es folgen Russland (21 Prozent), Frankreich (acht Prozent), Deutschland (sieben Prozent) und China (fünf Prozent). Zusammen exportierten diese fünf Länder zwischen 2000 und 2024 rund 74 Prozent aller Rüstungsgüter.

Demgegenüber zeigen die Importdaten nur einen Teil der Abhängigkeit eines Landes von den jeweiligen Zulieferern. Sie geben beispielsweise keinen Aufschluss darüber, wie viel ein Land insgesamt für Rüstung ausgibt und wie viel von dieser Summe in Importe aus dem Ausland fließt. Dies würde zeigen, wie abhängig ein Land tatsächlich von ausländischen Waffenlieferungen ist. Daten, um das fehlerfrei zu zeigen, gibt es derzeit auf internationaler Ebene nicht. 

Analysten der Denkfabriken Bruegel und des Zentrums für Strategische und Internationale Studien (CSIS) weisen noch auf weitere Punkte hin: Rüstungsgüter, die in Europa im Rahmen von Kooperationen mit US-Unternehmen hergestellt werden, tauchen in den Export-Import-Daten nicht auf. Außerdem umfasst der Begriff Verteidigung mehr als nur materielle Güter wie Waffen oder Panzer. Auch der Austausch von Geheimdienstinformationen und die Besetzung von Kontroll- und Kommandostrukturen in multilateralen Organisationen sind Teil davon. Darüber hinaus zählen auch Software und ihre Upgrades dazu - gerade sie machen Regierungen noch Jahre nach dem Erstkauf von den Herstellern abhängig.

Daher bilden die Daten zum Rüstungshandel nur zum Teil ab, wie stark die Verteidigungssektoren der unterschiedlichen Nationen tatsächlich miteinander verknüpft sind. Dennoch erlauben die Rüstungsdaten einen Einblick, in welcher Beziehung Importeure und Exporteure stehen.  

Welche Regionen importieren Rüstungsgüter aus den USA?

Auch wenn Ozeanien die meisten Rüstungsgüter aus den Vereinigten Staaten importiert, ist ihr Importvolumen doch insgesamt vergleichsweise gering. Europäische und asiatische Länder hingegen haben ein recht hohes Importvolumen. Gleichzeitig stammt der Großteil davon aus den USA. Von 2000 bis 2024 kamen 46 Prozent der nach Europa importierten Waffen aus den Vereinigten Staaten. Im gleichen Zeitraum bezogen asiatische Länder 35 Prozent ihrer importierten Waffen aus den USA. Betrachtet man nur die vergangenen fünf Jahre, waren diese Anteile sogar noch höher - die Rolle der USA als Handelspartner für Waffen ist in den letzten Jahren also noch wichtiger geworden ist. 

"Kurzfristig lässt sich an der Abhängigkeit von den USA nichts ändern", sagt Aylin Matlé, Politikwissenschaftlerin und Sicherheits- und Verteidigungsexpertin bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). "Ein Beispiel ist die Entscheidung vieler europäischer Länder für den Kauf von F35 Kampfflugzeugen aus den USA: damit hat man sich für mindestens eine Dekade an das System gebunden und ist etwa auf Ersatzteillieferung aus dem Herstellerland angewiesen."  

Innerhalb einer Region variieren die Handelsbeziehungen stark. In Europa beispielsweise reicht der Anteil der US-Importe von 96 Prozent (Niederlande) bis zu 17 Prozent (Ungarn).  

19 der 50 Länder, die zwischen 2020 und 2024 die höchsten Rüstungsimporte verzeichneten, bezogen mehr als die Hälfte ihrer Waffenimporte aus den Vereinigten Staaten. Diese Handelsbeziehungen sind tief verwurzelt: Fast alle dieser Länder hatten bereits in vergleichbaren Zeiträumen zuvor einen engen Rüstungshandel mit den USA oder haben diesen zuletzt sogar noch gesteigert.

Laut Matlé sind unter den asiatischen Ländern besonders Japan, Südkorea und die Philippinen von den Vereinigten Staaten abhängig. "Diese Länder beobachten die aktuelle Forderung der Amerikaner gegenüber Europa nach mehr Lastenteilung", sagt Matlé. "Die erste Regierung unter Donald Trump, und auch jene unter Joe Biden, haben von den Indopazifik-Staaten ebenfalls gefordert, mehr für Verteidigung auszugeben - aber nicht so drastisch wie von Europa."

Laut Matlé ist die Nervosität in diesen Ländern mit Trumps Rückkehr ins Amt gestiegen - "nicht nur wegen der verteidigungsindustriellen Abhängigkeit, sondern auch wegen der Schutzversprechen, wenn es zu einer Konfrontation mit China kommen sollte."

Weniger Abhängigkeit von den USA durch neue Allianzen

In ihrer Forschung untersucht Matlé, wie ausgewählte europäische und indopazifische Länder ihre jeweilige Bedrohungslage einschätzen, welche Verbindungen und Gemeinsamkeiten bestehen und ob dies zu einer Zusammenarbeit führt.

Sie stellte fest, dass die Staaten seit Trumps zweiter Amtszeit neue Allianzen geschmiedet haben, darunter zuletzt auch mehr Kooperationsabkommen mit europäischen Ländern. "Ich habe die starke Vermutung, dass das weiter zunehmen wird vor dem Hintergrund aktueller sicherheitspolitischer Entwicklungen", sagt Matlé -  "selbst dann, wenn es wieder eine amerikanische Regierung geben sollte, die den Europäern wohlgesinnter ist."

Weniger Abhängigkeit von den USA durch mehrere Handelspartner?

Manche Länder wiederum importieren Rüstungsgüter von verschiedenen Exporteuren. Griechenland, Katar und Indien kaufen das gleiche System von mehreren Lieferanten, was zu einem "Logistik-Alptraum" führe, wenn man sie parallel betreibt. "Hier gibt es politische Gründe, zu diversifizieren, aber gleichzeitig kann man die logistische Effizienz infrage stellen", sagt Pieter Wezeman, SIPRI-Wissenschaftler im Bereich Transfer von Rüstungsgütern.

Brasilien andererseits importiere zwar Rüstung aus verschiedenen Ländern, aber: "Sie kaufen zum Beispiel französische U-Boote und das war’s”, sagt Wezeman: "sie kaufen dann nicht noch deutsche U-Boote hinzu".

Wie sieht eine widerstandsfähige Verteidigung aus?

Zentral für einen resilienten Verteidigungssektor ist laut Matlé, Wezeman und weiteren Analystinnen und Analysten vor allem ein hohes Maß an Eigenständigkeit.

"In einem Szenario, in dem es zu einer Auseinandersetzung im Indopazifik kommt, ist es selbstverständlich und richtig, dass die US-Rüstungsindustrie zunächst das eigene Militär beliefert, anstatt Verträge mit den Europäern zu erfüllen. Wenn es in demselben Szenario gleichzeitig zu einer Konfrontation mit Russland an der NATO-Ostflanke kommt, sollte dann auch die europäische Rüstungsindustrie in der Lage sein, Material nachzuliefern", sagt Matlé.

Die EU scheint mit ihrem Plan Readiness 2030 auf genau diese Strategie zu setzen. Er sieht vor, die europäische Rüstungsindustrie zu stärken. Förderprogramme sollen Anreize schaffen, damit Mitgliedsstaaten in Rüstungsgüter investieren, die in der EU produziert werden.

Laut Wezeman wäre die europäische Rüstungsindustrie bereits in der Lage, schnell das Militär der EU-Mitgliedsländer zu beliefern - es wäre nur eine Frage von Prioritäten. Einerseits "gibt es erhebliche Kapazitäten in Europa, die nicht von Europa selbst genutzt werden", so Wezeman. Und andererseits habe es in Europa starke Bestrebungen gegeben, "bedeutende Waffenexporte aufrechtzuerhalten, und ich denke, dass wir das auch von einer zukünftigen europäischen Rüstungsindustrie erwarten dürfen."

Wenn die europäische Verteidigungsindustrie ihre Produktion ausweiten will, um die europäischen Streitkräfte zu beliefern, und gleichzeitig ihre Exportbeziehungen aufrechterhalten oder sogar ausbauen will, steht sie unweigerlich vor einer weiteren Herausforderung.

Für die Herstellung von Rüstungsgütern sind Seltene Erden von entscheidender Bedeutung, und derzeit gibt es nur einen Hauptlieferanten: China. "Kurzfristig gibt es keine wirklichen Alternativen“, sagte Matlé. "Es gibt keine anderen Länder, in denen seltene Erden in diesem Umfang so schnell abgebaut werden können".

In dem Prozess, sich unabhängiger von der US-amerikanischen Rüstungsindustrie zu machen, könnte der europäische Verteidigungssektor also von einem anderen großen Akteur abhängiger werden - einem Akteur, der schon gezeigt hat, dass er sich nicht scheut, seine Macht als Druckmittel einzusetzen.

Mitarbeit: Rosie Birchard

Redaktion: Milan Gagnon, Jeannette Cwienk 

Daten und Code zu dieser Analyse finden sich in diesem Github Repository. Mehr Datengeschichten der DW lesen Sie hier.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen