Wie löst Südosteuropa sein Demografie-Problem?
12. November 2025
Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Ulf Brunnbauer
"Dieses Jahr: So wenig Babys wie noch nie in der neueren Geschichte", lautete kürzlich eine Überschrift in der serbischen Boulevardzeitung Blic. Es gebe immer weniger Neugeborene, dafür aber immer mehr alte Menschen, so das Blatt. Gleichzeitig sinke die durchschnittliche Lebenserwartung. Sie habe 2024 in Serbien nur mehr 76 Jahre betragen - und damit rund fünf weniger als im EU-Durchschnitt.
Serbien, so kann man schließen, hat also massive Probleme an beiden Enden des individuellen demografischen Zyklus - seinem Beginn (Geburt) und Ende (Tod). Und auch dazwischen hapert es: Die starke Auswanderung beschleunigt Bevölkerungsabnahme und Alterung. Hier sind sich die serbischen Medien ausnahmsweise einmal einig mit ihren Nachbarn.
Geht es um die Bevölkerungsentwicklung, schlagen Medien auch anderswo in Südosteuropa einen krisenhaften Ton an: "Ganz Kroatien wird auf den Schultern der alten Menschen lasten", "Die demografische Krise in Bulgarien kann zur demografischen Katastrophe werden", "Die Abnahme der Bevölkerung Rumäniens lässt den Alarm schrillen", lauten Beispiele für Schlagzeilen aus anderen Ländern. Wenn neue Ergebnisse der Volkszählungen präsentiert werden, ergehen sich Medien, Experten und Politiker in apokalyptischen Vorhersagen.
Schriller Diskurs
Tatsächlich lassen Prognosen für alle Länder Südosteuropas eine deutliche Abnahme ihrer Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten erwarten. Aber abgesehen davon, ob die Vorhersagen dann auch zutreffen, stellt sich die Frage, ob der schrille Diskurs das Problem nicht eher vergrößert, denn zu seiner Lösung beiträgt.
Fest steht, dass nirgendwo sonst in Europa - mit Ausnahme der baltischen Staaten und der kriegsgeplagten Ukraine - die Bevölkerung so rasch schrumpft wie im Südosten des Kontinents. Lebten 1990 circa 62 Millionen Menschen in der Region (von Slowenien im Norden bis Griechenland im Süden), so sind es heute 53 Millionen.
Bulgarien beispielsweise hatte am Ende der kommunistischen Herrschaft fast neun Millionen Einwohner. Heute sind es weniger als sieben, und 2050 sollen laut Vereinten Nationen nur rund fünf Millionen Menschen im Land verbleiben. Die Gründe sind rasch erklärt: Jährlich sterben mehr Personen als Kinder auf die Welt kommen - und das seit Jahren. Zudem verlassen deutlich mehr Menschen die Region, als in sie einwandern, auch wenn hier langsam eine Veränderung einsetzt. Eine Folge: Die Bevölkerung wird im Durchschnitt immer älter.
Mehrheit lehnt Einwanderung ab
Es ist daher kein Wunder, dass in der Bevölkerung demografische Ängste existieren. Laut einer Umfrage von 2025 (durchgeführt im Rahmen eines vom Autor geleiteten Forschungsprojekts) machten sich in Bulgarien, Nordmazedonien und Serbien jeweils drei Viertel der Befragten große Sorgen über die Alterung der Bevölkerung, zumal sie der Ansicht waren, dass die vom Staat bereitgestellten Sozialleistungen unzureichend seien.
In Bulgarien vertraten zwei Drittel der Befragten die Meinung, dass alte Menschen während des Staatssozialismus ein besseres Leben genossen hätten als heute. Doch während Sorgen über den Bevölkerungsrückgang weit verbreitet sind, wird - auch das zeigt die Umfrage - das naheliegendste Gegenmittel mit klarer Mehrheit abgelehnt: Einwanderung.
Was tut nun die Politik? Denn jeder fundamentale Wandel in der Bevölkerungsdynamik stellt eine Gesellschaft vor Herausforderungen, auf welche die Politik reagieren muss. Tatsächlich sehen die Regierungen der Region die demografische Zukunft als großes Problem. Der kroatische Premierminister Andrej Plenkovic etwa bezeichnet sie als Existenzfrage für Kroatien. Seit 2024 hat seine Regierung sogar ein eigenes Ministerium für Demografie und Zuwanderung. Wobei der zuständige Minister von der rechtsnationalistischen Partei Heimatbewegung (DP) unter Zuwanderung die Rückkehr ethnisch kroatischer Emigranten und ihrer Nachkommen versteht.
Schon die Kommunisten scheiterten
Auch anderswo kümmern sich staatliche Institutionen um die Bevölkerungsentwicklung, so in Serbien das Ministerium für Familienwohlfahrt und Demografie. Das Mittel der Wahl besteht dabei aus - teils umfangreichen - finanziellen Anreizen, mehr Kinder zu gebären, flankiert von einer Rhetorik, die Kinderkriegen als patriotische Pflicht darstellt. Bislang erweist sich dieser Pronatalismus als weitgehend ineffizient. Aus der historischen Erfahrung war auch nichts anderes zu erwarten - die kommunistischen Staaten waren mit ähnlichen Versuchen vor einem halben Jahrhundert schon einmal gescheitert.
Finanzielle Anreize können weder den kulturellen Wandel rückgängig machen noch die strukturellen Probleme beheben, die für die starke Abwanderung gerade junger Menschen verantwortlich sind. Aus Untersuchungen wissen wir, dass neben den höheren Löhnen in Westeuropa vor allem grassierende Korruption, weitverbreiteter Nepotismus und Perspektivlosigkeit zur Auswanderung ermuntern. Zurück bleiben die Alten. Regierungen könnten sich darauf konzentrieren, den Menschen ein längeres und gesünderes Leben zu ermöglichen, aber das lässt sich schlechter vermarkten als eine Geburtenprämie.
Politik- und Einstellungswechsel erforderlich
Was den Bevölkerungsrückgang anbelangt, weist ein Blick über die Region hinaus auf eine Lösung: Während alle Länder Südosteuropas mit einer weiter abnehmenden Bevölkerung rechnen müssen, wird für einige EU-Länder trotz ebenfalls niedriger Fertilität ein Zuwachs prognostiziert, für das benachbarte Österreich etwa um 16 Prozent bis 2050. Der Grund dafür: Einwanderung. Aber wie die zitierte Umfrage zeigt, fehlt dafür in Südosteuropa die gesellschaftliche Akzeptanz - mehr noch als selbst in Österreich. Zumal, wenn es sich bei den Neubürgern um Menschen handelt, die anders aussehen als die Einheimischen.
Die Frage ist, wie lange das noch durchzuhalten ist in einer Atmosphäre, in der Politiker und Medien das Aussterben der Nation an die Wand malen und in der die Menschen die Entvölkerung ganzer Landstriche beobachten können. Ohne einen Politik- und Einstellungswechsel wird sich der demografische Teufelskreis nicht aufbrechen lassen: Je stärker die Bevölkerung zurückgeht, desto größer sind die Zukunftsängste. Dabei bräuchte es doch gerade Zuversicht, um Menschen zum Dableiben zu bewegen und sie Einwanderer begrüßen zu lassen.
Und Einwanderung ist nicht das einzige Mittel zur Bewältigung der demografischen Herausforderungen: Die Länder Südosteuropas zeichnen sich durch niedrige Beschäftigungsraten aus, es existiert also ein großes nicht genutztes heimisches Arbeitskräftepotenzial. Regierungen könnten auch Anstrengungen unternehmen, die unterdurchschnittliche Lebenserwartung zu verbessern, damit Menschen länger bei guter Gesundheit altern - und damit auch länger arbeiten können. Nichts davon ist Raketenwissenschaft, aber es bräuchte eine Politik, die sich darauf konzentriert, die konkreten Lebensbedingungen zu verbessern - und sich nicht in großsprecherischer Rhetorik und Klientelismus erschöpft.
Prof. Dr. Ulf Brunnbauer ist Südosteuropahistoriker und Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. Unter anderem leitet er ein von der VolkswagenStiftung gefördertes Forschungsprojekt, das sich mit demografischen Ängsten in Südosteuropa und ihrer Überwindung befasst.