Steht uns der extremste El Niño seit 140 Jahren bevor?
13. Juni 2026
Im Pazifik entwickelt sich ein möglicherweise extremer El Niño, ein Wetterphänomen, das in den kommenden Wochen die Wetterverhältnisse weltweit beeinflussen könnte. Meteorologen warnen, dass es sich um den stärksten je registrierten El Niño handeln könnte.
Das Phänomen habe "echtes Potenzial, sich zum stärksten El-Niño-Ereignis der vergangenen 140 Jahre" zu entwickeln, sagt Paul Roundy, Professor für Atmosphären- und Umweltwissenschaften an der State University of New York (Albany).
Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) geht davon aus, dass sich schon bald El-Niño-Wetterbedingungen bemerkbar machen werden, die bis mindestens in den Winter hinein anhalten. Je nach Stärke und Dauer des Wetterphänomens könnte dies in zahlreichen Regionen zu Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und Unterbrechungen der Lebensmittel- und Wasserversorgung führen.
"Die Welt muss das als die dringende Klimawarnung betrachten, die es ist", mahnte UN-Generalsekretär Antonio Guterres. "El-Niño-Wetterbedingungen werden wie ein Brandbeschleuniger in einer sich erwärmenden Welt wirken."
Was ist El Niño?
El Niño ist ein natürlich auftretendes Klimamuster, das sich alle zwei bis sieben Jahre wiederholt. Eingeläutet wird es von schwächer werdenden Passatwinden über dem tropischen Pazifik. Dadurch sammelt sich im Pazifischen Ozean warmes Wasser an.
Diese Erwärmung vollzieht sich nur in einer Region und die erwärmte Fläche ist in etwa so groß wie die Vereinigten Staaten von Amerika, die Auswirkungen sind jedoch rund um den Globus spürbar.
"Die Veränderung der tropischen Atmosphäre kann auch die weiter entfernte Atmosphäre in den mittleren Breitengraden verändern", sagt Gavin Schmidt, Leiter des NASA Goddard Institute for Space Studies zur DW. "Darum betrifft es auch uns, obwohl wir uns potentiell Abertausende von Meilen entfernt befinden."
Es wird eine globale Kettenreaktion in Gang gesetzt, bei der El Niño "der erste atmosphärische Dominostein ist, der fällt", erläutert er.
Welche Auswirkungen auf das Klima sind zu erwarten?
Die von El Niño ausgelösten Reaktionen können sich von Region zu Region stark unterscheiden. An manchen Orten kann es zu Dürren kommen, während andere von Überschwemmungen betroffen werden.
Manche Regionen in Zentralamerika, Asien, Afrika und Australien werden während der El-Niño-Jahre heißer und trockener. Die daraus resultierende Wasserknappheit kann sich auf die Landwirtschaft, Stromerzeugung durch Wasserkraft und Trinkwasservorräte auswirken. Die Behörden von Honduras gehen davon aus, dass schwere Dürren etwa 75 Kommunen des Landes betreffen könnten. Für die Hauptstadt Tegucigalpa wurde bereits der Wassernotstand ausgerufen.
Anderen Weltregionen droht das Gegenteil. Entlang Teilen der südamerikanischen Pazifikküste kann El Niño zu sintflutartigen Regenfällen und verheerenden Überschwemmungen führen.
Auch wenn Regenfälle längst aufgehört haben oder Wasserreservoirs ausgetrocknet sind, können die Folgen noch lange spürbar sein. El Niño wird mit Ernteausfällen und wirtschaftlichen Verlusten in Billionenhöhe in Verbindung gebracht. Während des El Niño 2015/2016 waren Millionen von Menschen weltweit wegen schlechter Ernten auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.
Auch Waldbrände werden zu einer immer größeren Bedrohung. Wissenschaftler warnen vor einem erhöhten Risiko für extreme Hitze und Dürre, die Waldbrände in Australien, Kanada, den Vereinigten Staaten und im Amazonas-Regenwald begünstigen.
Stürme, Korallen und die Hurrikansaison
Auch bei der Entstehung tropischer Stürme spielt El Niño eine wichtige Rolle. Wissenschaftler rechnen damit, dass die diesjährige Hurrikansaison im Atlantik in diesem Jahr weniger stark ausfallen wird als sonst. Das Wetterphänomen verstärkt in der Regel die Windscherung über dem Atlantik, was die Bildung und Verstärkung von Stürmen schwieriger macht.
"Im mittleren und östlichen tropischen Pazifik beginnen die Gewässer, sich zu erwärmen", erläutert Atmosphärenwissenschaftler Brian Tang. "Wenn sich ein El Niño entwickelt, insbesondere während der Hurrikansaison, wird die Bildung von Wolken, Gewitter, Niederschlägen und tropischen Tiefs im Atlantik in der Regel unterdrückt."
Weniger Stürme bedeuten jedoch nicht zwingend weniger Gefahr. Hat ein Sturm die Stärke eines Hurrikans erreicht, ist er nur noch schwer zu unterdrücken - was bedeutet, dass die Hurrikans, die sich tatsächlich entwickeln, immer noch katastrophale Schäden anrichten können.
Im Pazifik hat El Niño gewöhnlich den gegenteiligen Effekt. Hier führt das Phänomen zur Entstehung von mehr Stürmen, die stärker werden.
Auch die Ökosysteme der Meere geraten unter Druck. Die durch El Niño verursachten höheren Wassertemperaturen können eine Korallenbleiche auslösen und Riffe, die durch den wiederholten Hitzestress aufgrund des Klimawandels bereits geschwächt sind, weiter belasten.
Auch für Landwirte sind die Folgen spürbar. In Indien berichteten Mangobauern von drastischen Ernterückgängen, nachdem ungewöhnliche Wetterbedingungen die Blüte und Fruchtentwicklung beeinträchtigt hatten. Angebot und Einkünfte der Erzeuger gingen entsprechend zurück.
Wie wirkt sich der Klimawandel auf El Niño aus?
Wissenschaftlern zufolge gibt es keine eindeutigen Hinweise darauf, dass der Klimawandel El Niño selbst verstärkt, doch er kann seine Auswirkungen potenzieren.
"Mit dem Klimawandel kann sich eine schwere, durch El Niño verursachte Dürre in eine extreme, durch El Niño verursachte Dürre verwandeln", betont Michael McPhaden, leitender Wissenschaftler an der National Oceanic and Atmospheric Administration, der Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten.
Wärmere Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf und erhöht so das Risiko extremer Niederschläge und Überschwemmungen. Höhere Temperaturen können zudem Dürren verschärfen, da die Böden schneller austrocknen.
Da sich die Temperaturen weltweit bereits einem Rekordhoch nähern, könnte das El-Niño-Phänomen die globalen Temperaturen leicht auf neue Rekordwerte treiben.
Wie kann sich die Welt auf diesen El Niño vorbereiten?
Das El-Niño-Phänomen hat den Vorteil, dass es sich langsam aufbaut und schon im Vorfeld über Monate beobachtet werden kann. Wissenschaftler behalten die Temperaturen der Ozeane und die Witterungsverhältnisse im Blick und geben Regierungen und Gemeinschaften so Zeit, sich auf das Phänomen vorzubereiten.
Prognosen geben den Behörden die Möglichkeit, Maßnahmen zum Schutz der Ernten zu ergreifen, den Hochwasserschutz zu verbessern und Frühwarnsysteme zu optimieren.
"Wir wissen, wo es ungewöhnlich nass oder trocken wird", sagt McPhaden. "Dank langfristiger Wettervorhersagen besteht ausreichend Zeit, Strategien zur Schadensbegrenzung zu entwickeln, um einige der schlimmsten Folgen zu verhindern."
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.