″Rocketman″ Elton John im Kino: Ein Musiker hebt ab | Filme | DW | 30.05.2019
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Musikfilm

"Rocketman" Elton John im Kino: Ein Musiker hebt ab

"Rocketman" möchte eher Musical denn Musikerbiografie sein. Im Mittelpunkt steht die erste Karrierehälfte des Popstars Elton John. Und die steckt voller Überraschungen.

Irgendwann in den frühen 1970er Jahren war es soweit: Im heute legendären "Troubadour", einem Musik- und Tanz-Club in West-Hollywood, hebt ein Mann buchstäblich von der Erde ab. Elton John nennt sich der Pianist und Sänger, der am Klavier im Club plötzlich loslegt, als ob es kein Morgen gäbe. Das kommt an. Bei seinen Mitspielern, aber vor allem beim begeisterten Publikum.

"Rocketman" bringt Elton John zum Fliegen

Der Mann hebt also tatsächlich ab, er schwebt über seinem Klavier - und die Zuschauer machen es ihm nach. Auch sie haben keine Bodenhaftung mehr, fliegen über das Tanzparkett. Wie das?

Filmstill aus Rocketman mit Taron Egerton am Klavier im Studio (picture-alliance/dpa/Paramount Germany/David Appleby)

Nur im Studio sitzt Elton John (Taron Egerton) ruhig am Piano, auf der Bühne hebt er ab

Wir sind im Film. Einem Film über Elton John, die Popgröße, die eigentlich immer schon da war, so lange man irgendwie denken kann. Elton John hebt also in "Rocketman" in einer Szene, die zu den mitreißendsten im ganzen Film gehört, tatsächlich vom Boden ab. Und nicht nur das.

Der Film ist eher ein Musical als eine brav nacherzählte Musikerbiografie. Das Leben besteht aus Tanzen: "Rocketman" erklärt und entwickelt die vielen frühen Hits des Stars, von "Your Song" über "Rocketman" bis zu "Crocodile Rock" und "Candle in the Wind", in der Filmhandlung immer aus bestimmten Lebenssituationen des Menschen und Musikers Elton John, der als Reginald Kenneth Dwight 1947 in der Nähe Londons geboren wurde.

Regisseur Dexter Fletcher inszenierte zuvor "Bohemian Rhapsody" zu Ende

Anders als "Bohemian Rhapsody", der immens erfolgreiche Film über "Queen", der eine ähnliche Zeitspanne umfasst und auch eine homosexuelle Rockgröße in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellte, setzt "Rocketman" noch viel mehr auf die Musik. Immer wieder wird die Handlung von Tanz, Gesang und getanzten Songs unterbrochen. Dexter Fletcher, der Regisseur von "Rocketman", inszenierte auch "Bohemian Rhapsody" zu Ende, nachdem Regisseur Bryan Singer während der Dreharbeiten gefeuert wurde - Fletcher kennt sich also im Musikerfilm-Metier aus.

Filmstill aus Rocketman mit Taron Egerton als Elton John tanzend im bunten Kostüm (Imago Images/Paramount Pictures - Marv Studio)

Grelle Outfits, skurrile Brillen gehören zum Standardprogramm Elton Johns - Hauptdarsteller Taron Egerton trägt das überzeugend

"Rocketman" wird als großer Rückblick erzählt: Elton John (überzeugend dargestellt von Taron Egerton) sitzt zu Beginn des Films in einem bizarren orangenfarbenen Ganzkörperkostüm wie ein alter, trauriger Pfau im Kreise anonymer Alkoholiker und öffnet sich. Er erzählt von seinen vielen Süchten, Alkohol, Drogen aller Art, Sex. Und er erinnert sich an seine Kindheit. An sein Leben in einfachen Verhältnissen, an seinen Vater, der ihn offensichtlich nicht liebt oder das nicht zeigen kann, und an seine Mutter, die ihn auch nicht akzeptiert so wie er ist, und sein Schwulsein als Menetekel interpretiert.

Eingängige Texte von Freund Bernie Taupin

Doch dem kleinen Reginald bleibt wenigstens eins: die Musik. Er gilt als hochbegabt, am Klavier sowieso, aber auch Singen kann der Kleine. Mit seinem exzentrischen Kleider- und Brillengeschmack testet er die Grenzen der Phantasie aus. Als er dann als junger Mann Bernie Taupin (grandios: Jamie Bell) kennenlernt, der ihm wunderbare Texte schreibt, zündet der Funke. Elton John, so nennt er sich inzwischen, hebt mit seinem Temperament, seiner Bühnenpräsenz und seinen musikalischen Fähigkeiten die Popwelt aus den Angeln.

Der Sprung in die USA ist schnell eingefädelt, irgendwie scheint es früh klar, dass dieser Brite eher in die Glitzerpopwelt der Vereinigten Staaten hineinpasst als ins England der frühen 1970er Jahre, das noch dem Ende der Beatles hinterhertrauert und Rockbands wie die "Rolling Stones" und "The Who" feiert.

Dann, im August 1970, kommt es zu jenem legendären Auftritt im "Troubadour". Dass ab diesem Abend bei Elton John musikalisch die Post abgeht, davon erzählt dieser Film. Er handelt von Elton Johns rasantem Aufstieg zum globalen Popstar, seinen Hits, den Partys, den Freundschaften, dem Sex.

Cannes Filmfestival: Elton John, David Furnish und Kit Connor in Abendgaderobe vor der Presse (picture-alliance/dpa/Stadt Neumar/H. Bösl )

Elton John mit Ehemann und Produzent David Furnish bei der Weltpremiere von "Rocketman" in Cannes

"Rocketman" ist eine Familienproduktion - erlaubt aber auch düstere Zwischentöne

Doch "Rocketman", der Elton John natürlich als großen Popstar feiert, zeigt ihn nicht als glücklichen Menschen. Das ist umso erstaunlicher, weil es sich bei "Rocketman" um eine "autorisierte" Kino-Biografie handelt. Produziert wurde sie u.a. von David Furnish, Elton Johns Ehemann.

Aber vielleicht liegt es auch daran, "Rocketman" nur den wilden, ungestümen und experimentierfreudigen jungen Elton John der 1970er Jahre in den Fokus nimmt. "Rocketman" beschränkt sich auf dieses erste Jahrzehnt und reißt danach ab. Heute ist Elton John verheiratet, hat zwei Kinder, wird überall anerkannt und gefeiert und trägt den Adelstitel. Elton John hat also offenbar seinen Frieden mit Leben und Karriere geschlossen, mit den wilden Jahren des Aufstiegs. Er hat ihn überlebt, könnte man auch sagen.

Filmstill aus Rocketman mit Taron Egerton in schrillem Outfit an Bord eines Flugzeugs (picture-alliance/AP/Paramount/D. Appleby)

Gelassener Blick auf eine Anfangs ungestüme Musikerkarriere: Taron Egerton als Elton John

"Rocketman" zeigt nicht nur den Strahlemann Elton John

Das ist ja keine Selbstverständlichkeit in der Welt des Pop- und Rockgeschäfts. Viele sind auf der Strecke geblieben. Elton John ist immer noch da, inzwischen 72 Jahre alt. Da kann man es sich vielleicht auch leisten, zurückzuschauen auf ein Leben, das ruppig begann und bei dem auch viele Hürden zu nehmen waren.

"Rocketman" bringt dem Zuschauer Elton John nicht nur als "Strahlemann" näher. Er zeigt auch ganz viel Traurigkeit und Elend aus jenen Jahren. Das ist den Filmemachern, und natürlich auch Elton John selbst, hoch anzurechnen. Der Film ist eine schöne Überraschung und hebt in manchen Szenen eben auch ab.

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