Rassismusvorwurf: Keine Visa für Experten aus Kamerun | Kultur | DW | 21.01.2022
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Deutschland und sein koloniales Erbe

Rassismusvorwurf: Keine Visa für Experten aus Kamerun

Das Münchner Museum Fünf Kontinente lädt zu einem Workshop über koloniale Raubkunst ein. Leider nur digital - die Forscher aus Kamerun bekamen keine Visa.

Karin Guggeis und Albert Gouaffo im Gespräch. Im Hintergrund sieht man den Blauer-Reiter-Pfosten.

Karin Guggeis, Forschungsleiterin am Museum Fünf Kontinente, und ihr kamerunischer Kollege Albert Gouaffo beim Projektstart in München

Seit zwei Jahren bereisen Yrine Matchinda und ihre Kollegin Lucie Mbogni Nankeng von der Université de Dschang die frankophonen Gebiete Kameruns. "Wir machen Feldforschung in den verschiedenen Gemeinden", erklärt Matchinda ihre Rolle in dem aufwendigen deutsch-afrikanischen Projekt, das die Sammlung Max von Stettens, eines ehemaligen Kommandeurs der kaiserlichen deutschen Truppen zu Kolonialzeiten, erforscht. Von Stetten war unter anderem in Kamerun stationiert, das von 1884 bis 1916 eine deutsche Kolonie war.

Die Kooperation geht vom deutschen Zentrum für Kulturgutverluste und dem Münchner Museum Fünf Kontinente aus. Letzterem überließ von Stetten in den 1890er-Jahren seine Sammlung. Unter den über 200 Gegenständen sind Masken, Statuen, Pfeile, Löffel und Kultgegenstände - auch der sogenannte "Blaue-Reiter-Pfosten", den die Expressionisten Franz Marc und Wassily Kandinsky 1912 in ihrem Kunst-Almanach abbildeten und berühmt machten. Doch aus welchem Kontext stammt der Pfosten? Handelt es sich möglicherweise um einen sakralen Gegenstand? Und wie steht es um die anderen Gegenstände der Sammlung? 

Blick in die Afrika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München. IN der Mitte sieht man den sogenannten Blauer-Reiter-Pfosten, ein hochformatiger Holzbalken, der mit Schnitzereien, die Tiere und Menschen zeigen, verziert ist.

1911 schrieb Franz Marc über den "Blauen-Reiter-Pfosten" an seinen Künstlerkollegen August Macke: "Ich blieb schließlich staunend und erschüttert an den Schnitzereien der Kameruner hängen, die vielleicht nur noch von den erhabenen Werken der Inkas überboten werden."

"Kürzlich haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass es sich bei der 'Byeri', einer der Statuen aus der Münchner Sammlung, um eine sakrale Statue vom Stamm der Mabi handelt", erklärt Yrine Matchinda. Diese und weitere Erkenntnisse wollte die wissenschaftliche Mitarbeiterin bei einem Abschluss-Workshop in München präsentieren. Doch sowohl ihr als auch ihren englischsprachigen Kollegen Joseph Ebune und Ngome Elvis Nkome, beide von der Universität Buea, wurde die Einreise nach Deutschland verwehrt. 

Bei den Unterlagen der beiden Professoren hätten die Geburtsurkunden gefehlt, so die ablehnende Begründung der deutschen Botschaft in Jaunde. In Matchindas Ablehnungsbescheid heißt es: "Es bestehen begründete Zweifel an Ihrer Absicht, vor Ablauf des Visums aus dem Hoheitsgebiet der Mitgliedsstaaten auszureisen."

"Diese Behauptung mir gegenüber werte ich als rassistischen Akt", so Matchinda im Gespräch mit der DW. "Ich kann nicht verstehen, wie man mir bei einem so wichtigen Projekt mit einer solchen Begründung mein Visum verweigern kann." Zumal sie zum Projektbeginn vor zwei Jahren bereits einmal nach Deutschland gereist sei. Von "institutionellem Rassismus" spricht Albert Gouaffo, ihr Professor und Projektleiter auf kamerunischer Seite: "Es ist eine koloniale Wahrnehmung, die weiter fortbesteht. Und das gerade in dieser entscheidenden Zeit, in der wir unsere Beziehungen neu definieren wollen."

Diplomatischer Rückschlag

Gouaffo spricht hier die aktuellen Bemühungen in Europa an, sich seiner kolonialen Vergangenheit zu stellen - indem zum Beispiel in der Kolonialzeit geraubte Artefakte wie die berühmten Benin-Bronzen an Subsahara-Afrika restitutiert werden sollen. In der Tat hat das deutsch-kamerunische Projekt in gewisser Weise Vorbildcharakter: Während die "traditionelle" Provenienzforschung in Deutschland häufig versucht, die Erwerbs- und Besitzverhältnisse zu klären - also eine Legitimation der Sammlungen herzustellen -, erforscht man hier, welche historische oder rituelle Bedeutung ein Objekt hat. Außerdem versucht man, die Wege der Artefakte aus den ehemaligen Kolonien nach Europa, in diesem Fall Deutschland, nachzuvollziehen.

Karte der ehemaligen deutsche Kolonien in Afrika.

Bei sogenannten "Strafexpeditionen", die das Fehlverhalten der Menschen in den Kolonien bestrafen sollten, wurden häufig auch Kulturgegenstände geplündert. Auch Max von Stetten führte solche Feldzüge durch.

"Es sind nicht nur Objekte, es sind Kulturträger, die Geschichte und Weisheit transportieren. Manche gelten [in ihren Ursprungsgesellschaften] als beseelt", erklärt Germanist Gouaffo den Forschungsansatz. "Man kann diese Gegenstände nur identifizieren, wenn man mit den Gemeinschaften zusammenarbeitet, die sie hergestellt haben. Sie haben das Wissen über ihre Funktionen, denn es gab einige [Objekte], die nur von Eingeweihten hergestellt wurden."

Gerade im Hinblick auf diesen Forschungsansatz, der auf den Ergebnissen der Wissenschaftler vor Ort basiert, ist die Einreiseablehnung seitens des Botschaft für das Projektteam nur schwer nachvollziehbar.

Der Deutschen Welle liegt ein schriftliches Statement des Auswärtigen Amts vor. Darin heißt es, die Bundesregierung habe im Koalitionsvertrag ausdrücklich festgeschrieben, die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte unter anderem durch die Unterstützung von internationalen Kooperationen wie der deutsch-kamerunischen voranzutreiben: "(...) unsere Botschaft in Jaunde [hat] ihre Unterstützung für das Projekt unter anderem dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie mit dem Museum in stetem Austausch stand, zur Visumantragstellung beraten und den Antragstellenden einen Sondertermin gewährt hat, wodurch andere Antragsteller und Antragstellerinnen hintangestellt wurden. Bedauerlicherweise haben die Antragstellenden die aufgrund der Rechtslage erforderlichen Unterlagen nicht beigebracht, in der Folge konnten die Visa nicht erteilt werden." 

Blick in die Ausstellung des Museum Fünf Kontinente in München. Man sieht eine Wand mit gemalten Portraits einer afrikanischen Frau, der Fokus liegt auf ihren verschiedenen Frisuren.

Die ältesten Bestände aus der Afrika-Sammlung im Museum Fünf Kontinente stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Die Sammlung umfasst aber auch zeitgenössische Kunst

Wenn es nur um die Geburtsurkunden der beiden Professoren aus Buea gegangen wäre, so hätte man diese doch nachreichen können, mein Projektleiter Gouaffo im Gespräch mit der DW. Yrine Matchindas Antrag sei ohnehin vollständig gewesen. "In ihrem Fall wurde ein Dokument angefochten, das ihre Zulassung zum zweiten Jahr der Promotion belegt und von der Universität ausgestellt worden war." 

 In deutschen Wissenschaftskreisen löste die Ablehnung vergangene Woche einen Eklat aus. Bénédicte Savoy, eine der führenden Historikerinnen in Sachen Raubkunst, veröffentlichte eine Petition, in der sie und weitere ihrer Kollegen von der TU Berlin eine Visa-Politik fordern, die transnationale Kooperationen ermöglicht:  

In München ist man derweil dazu übergegangen, den Projektworkshop zu verschieben und ihn digital durchzuführen: "Ich brauchte einige Zeit, bis ich mich von der Visa-Ablehnung erholt hatte", gesteht Yrine Matchinda. "Aber dann habe ich verstanden, dass wir weitermachen müssen und ich kämpfen muss, um meine Ziele zu erreichen."

Ein Visum für Deutschland oder Europa ganz allgemein zu bekommen, ist nicht nur für afrikanischen Forscher eine Herausforderung. Erst letztes Jahr hat die EU die Regeln für Kurzzeit-Visa, sogenannte Schengen-Visa, geändert. Jetzt spielt unter anderem auch eine Rolle, ob die jeweiligen Ländern aus denen die Antragsteller stammen, bei der Rücknahme abgeschobener Migranten mit der EU kooperieren. Eine weitere Hürde in einem ohnehin schon komplizierten und auf den ersten Blick nicht immer durchsichtigen Verfahren. 

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