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PolitikUkraine

Streit Polen-Ukraine gefährdet Militärhilfe für Kyjiw

Jacek Lepiarz (Warschau)
9. Juli 2026

Der Streit um die Geschichte hat Polen und Ukraine entzweit und gefährdet nun auch Warschaus Militärhilfe für Kyjiw. Die Opposition in Polen kritisiert die Abgabe von Patriot-Raketen als Gefährdung eigener Sicherheit.

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Eine dicht gedrängte Menschenmenge bewegt sich auf einer Straße, viele Personen tragen weiß-rote Fahnen und Banner. In der Bildmitte wird ein schwarzes Holzkreuz mit der Aufschrift "11 lipca 1943" (Polnisch für "11. Juli 1943") getragen, dahinter und darum herum sind weitere Schilder und Flaggen zu sehen
Gedenkmarsch am 70. Jahrestag des Massakers von Wolhynien in Warschau am 11.07.2013Bild: Tomasz Gzell/dpa/picture alliance

Die Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine stecken seit Wochen in einer tiefen Krise. Die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, einer ukrainischen Militäreinheit den Ehrentitel "Helden der UPA" zu verleihen, hat in Polen eine Welle der Empörung ausgelöst. Die Ukrainische Aufständische Armee UPA gilt in Polen als verantwortlich für den Völkermord an 100.000 polnischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg.

Polen hat die Ukraine seit dem bewaffneten Angriff Russlands am 24.02.2022 massiv mit Waffen und Ausrüstung unterstützt. Die militärische Zusammenarbeit zwischen den Nachbarstaaten, die beide Russland als existenzielle Gefahr für ihre Sicherheit betrachten, war bisher von allen politischen Kräften akzeptiert und vom innenpolitischen Streit in Polen ausgenommen.

Polnische Opposition wendet sich gegen Militärhilfe für Kyjiw

Doch nun greift die rechtskonservative und rechtsextreme Opposition die Mitte-Links-Regierung wegen der Lieferung der Patriot-Abfangraketen an Kyjiw an und wirft dem proeuropäischen Premier Donald Tusk vor, die Verteidigungsfähigkeit des eigenen Landes aufs Spiel zu setzen.

Ein Mann mit kurzen Haaren schaut nach links, dabei scheint er zu sprechen. Im Hintergrund ist schemenhaft eine weiß-rote Fahne zu sehen
Polens Präsident Karol Nawrocki Bild: Yauhen Yerchak/SOPA Images/Sipa USA/picture alliance

Polens Präsident Karol Nawrocki und sein ukrainischer Amtskollege suchten am Mittwoch (8.07.2026) am Rande des NATO-Gipfels in Ankara einen Ausweg aus der Krise - ohne Ergebnis. "Es hat in letzter Zeit viele Spannungen in den polnisch-ukrainischen Beziehungen gegeben", so Nawrocki nach dem einstündigen Gespräch vor Journalisten. "Es ist uns nicht gelungen, historische Fragen zu lösen", gab er zu. Aus seiner Sicht sei eine Verherrlichung der UPA "unverhandelbar", betonte Polens Staatsoberhaupt, der aus seiner Skepsis gegenüber EU-Ambitionen der Ukraine keinen Hehl macht.

Den Streit um Polens Patriot-Raketen löste der Chef der Rechts-Außen-Partei Konfederacja Wolnosc i Niepodleglosc (Konföderation Freiheit und Unabhängigkeit), Krzysztof Bosak aus. "Im März, verheimlicht vor dem Sejm, hat die Regierung teure und schwer erhältliche Abfangraketen für Patriot-Systeme abgegeben", schrieb der stellvertretende Parlamentschef am vergangenen Samstag auf X. Er betonte, es handele sich um die einzigen Exemplare, über die die polnische Armee verfüge, um die russischen Raketen Iskander abzuwehren. Seine Partei verlangt seit Langem eine Einstellung der Militärhilfe für die Ukraine.

Regierung veröffentlicht geheime Daten über Ukraine-Hilfe

Der im Amt des Präsidenten für die Außenpolitik zuständige Marcin Przydacz bewertete Bosaks Vermutung als "sehr wahrscheinlich". Er warf zudem der Regierung vor, auf den polnischen Warteplatz für bestellte US-Waffen zugunsten der Ukraine verzichtet zu haben. "Die Polen werden jetzt länger warten", beklagte Przydacz.

Przemyslaw Czarnek, der Spitzenkandidat der rechtskonservativen Partei Prawo i Sprawiedliwosc (Recht und Gerechtigkeit, PiS) für die Parlamentswahl 2027 sagte, Polen sei "um die strategischen Waffen ohne Wissen des Parlaments und des Präsidenten gebracht worden". "Die Ukraine behandelt Polen seit zwei Jahren nicht mehr wie einen Partner und nimmt eine immer konfrontativere Position ein", so Czarnek weiter.

Ein Mann, der ein blaues Sakko trägt, blickt links an den Betrachtenden vorbei. Auf dem Tisch vor ihm sind unscharf Blumen zu erkennen, im Hintergrund Fahnen in den Farben rot, weiß, gelb und blau
Polens Premier Donald Tusk, hier bei einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am 19.12.2025Bild: Igor Jakubowski/Arena Akcji/Sipa USA/picture alliance

Um die Kritik seitens der Opposition zu entkräften, hat sich die Tusk-Regierung zu einem riskanten Schritt entschlossen. Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz veröffentlichte vor einer Woche bisher geheime Daten über das Ausmaß der polnischen Militärhilfe seit dem Kriegsausbruch. Danach hat Polen seitdem 16,45 Milliarden Zloty (3,8 Milliarden Euro) ausgegeben, wobei der größte Teil dieser Summe - 14,9 Milliarden Zloty (3,4 Milliarden Euro) - auf die PiS-Regierung in den Jahren 2022-2023 entfällt.

Luftverteidigung "keinesfalls beeinträchtigt"

Die Entscheidung, Abfangraketen PAC-3 für Patriot-Systeme abzugeben, sei auf Antrag des NATO-Generalsekretärs Mark Rutte und des Oberkommandierenden der US-Streitkräfte in Europa Alexus Grynkewich getroffen worden. Die polnische Luftverteidigung sei keinesfalls beeinträchtigt, versicherte Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz. Übrigens sei Präsident Nawrocki ausführlich informiert worden.

Die polnischen Medien verweisen auf eine paradoxe Situation: Noch vor Kurzem konkurrierten Regierung und Opposition darum, wer mehr für die Ukraine getan hat. Neuerdings dagegen beschuldigen sich beide Seiten, zu viel Waffen geliefert zu haben. Ex-Regierungschef Mateusz Morawiecki, in seiner Amtszeit entschlossener Befürworter der Hilfe, bemerkte kürzlich zynisch: "Das war der Deal: Wir liefern euch 50-jährige Panzer und ihr kämpft und gebt eigenes Blut. Ich glaube, das war für uns ein guter Deal".

Die schlechte Stimmung in den polnisch-ukrainischen Beziehungen belastet auch einen anderen Waffentausch: Ende 2025 hatte Warschau zugesagt, MiG-Kampfflugzeuge an Kyjiw zu liefern. Polen sollte dafür moderne ukrainische Drohnentechnik bekommen. Nach Darstellung aus Warschau hätte die ukrainische Seite verlangt, dass Polen die Maschinen auf eigene Kosten modernisiert, bevor es zum Deal kommt. Das lehnt Warschau ab, obwohl Kosiniak-Kamysz die Vereinbarung als noch nicht endgültig gescheitert hält.

Europäisches Parlament kritisiert Selenskyj

Der polnisch-ukrainische Streit hat inzwischen die Grenzen beider Staaten überschritten. Das Europäische Parlament hat am Mittwoch in einer Resolution Selenskyjs UPA-Entscheidung als unnötige und nicht provozierte Eskalation eingestuft. Die Abgeordneten bewerteten den Schritt als nicht vereinbar mit europäischen Werten und rufen beide Seiten dazu auf, Spannungen abzubauen und den Versöhnungsprozess wieder aufzunehmen.

Polens Präsident Nawrocki hatte auf die Ehrung der ukrainischen Armeeeinheit durch Selenskyj mit der Aberkennung der höchsten polnischen Auszeichnung reagiert, des Ordens des Weißen Adlers. Selenskyj schickte seinen Orden per Kurier zurück - und ging noch einen Schritt weiter. Auf seinen Antrag hin verabschiedete das ukrainische Parlament am 1.07.2026 ein Gesetz über die Errichtung eines Nationalen Pantheons. "Niemand wird uns niemals aufzwingen, wie wir leben und sprechen, wen wir lieben, wem wir dankbar sein sollten und welche Helden wir ehren sollen", erklärte das ukrainische Staatsoberhaupt am Verfassungstag.

Eskalation am Samstag?

Selenskyjs Stabschef Kirylo Budanow erwartet sogar eine Steigerung der Spannungen mit Polen. Kyjiw habe allerdings nicht vor, sich einem Ultimatum zu beugen und werde auf die Handlungen der polnischen Seite entsprechend reagieren, so  Budanow in einem Interview. "Dieser Höhepunkt kommt mit Sicherheit bald. Das ist kein Geheimnis. Am 11. Juli wird der Jahrestag der Wolhynien-Tragödie begangen. Aus Informationen, die ich habe, geht hervor, dass die polnische Seite Aktionen vorbereitet, die zur Eskalation führen", führte Budanow aus.

Der 11. Juli wird in Polen als gesetzlicher Gedenktag zur Erinnerung an das "Wolhynien-Massaker" begangen. In diesem zwischen Polen und Ukrainern umkämpften Gebiet kam es seit Februar 1943 zu Überfällen auf mehrheitlich von Polen bewohnte Dörfer.  Die UPA wollte die Polen aus der Region verdrängen und damit günstige Voraussetzungen für einen ukrainischen Nationalstaat nach dem Zweiten Weltkrieg schaffen.  Der Höhepunkt des Massakers fand am 11. Juli 1943 statt. An diesem Tag, der als "Blutsonntag" in die Geschichte einging, wurden 99 Orte angegriffen.

Porträt eines Mannes mit grauem Haar vor einem Regal mit Büchern
Jacek Lepiarz Journalist in der polnischen Redaktion mit Schwerpunkt auf deutsch-polnischen Themen.