Oscar-Museum in Los Angeles eröffnet | Kultur | DW | 30.09.2021
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Filmgeschichte

Oscar-Museum in Los Angeles eröffnet

Ausgerechnet die Filmmetropole Los Angeles hatte bis jetzt kein Branchenmuseum. Nun hat sich Hollywood einen Traum erfüllt. Das Kino - ein Museumsexponat?

Eröffnung des Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles

Ab dem 30. September können Filminteressierte das Academy Museum in Los Angeles besuchen

Kniend, liegend, hockend - in allen möglichen Positionen machen Kinofans Fotos mit den Namen ihrer Idole auf dem legendären Walk of Fame, einem Gehweg auf dem Hollywood Boulevard mit knapp 2700 Sternen, die Prominente der US-Unterhaltungsbranche ehren. Ab dem 30. September kommt für Cineasten ein weiterer Pilgerort in Los Angeles hinzu - das Academy Museum of Motion Pictures, gegründet von der gleichnamigen US-Filmorganisation, die den weltberühmten Oscar vergibt. Die jährliche Preisverleihung samt rotem Teppich gehört zu den spektakulärsten Medienereignissen weltweit, die goldene Männerstatue gilt als prestigeträchtigste Auszeichnung der Branche. Nach vielen Verzögerungen eröffnet das Oscar-Museum nun seine Tore.

Bereits 1929, zwei Jahre nach der Gründung der Oscar Academy, machte sich die US-Filmbranche für ein eigenes Museum stark. Die Pläne verschwanden aber schnell in irgendeiner Schublade. In den 1960er-Jahren gab es einen neuen Anlauf - ebenfalls erfolglos. Das Kino war wohl noch nicht reif für seine eigene Musealisierung. 2008 kam die Finanzkrise und das Unterfangen stockte erneut, doch einige Jahre später wurden die Pläne für ein eigenes Hollywood-Museum endlich konkreter. Knapp zehn Jahre wurde an dem Prestige-Objekt getüftelt, mehrmals wurde die Einweihung verschoben, zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie.

Luftaufnahme vom Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles

Viel Bling Bling: Das Academy Museum aus der Vogelperspektive

Nun ist es soweit - und die ganze Filmbranche schaut nach Hollywood: "Unsere Eröffnungsausstellungen und Programme erzählen die feierlichen und vielfältigen Geschichten des Filmschaffens - die Technologie, die Künstler, die Geschichte und die sozialen Auswirkungen auf unsere Geschichte und Gegenwart - und scheuen dabei nicht vor kritischen Perspektiven zurück, die unsere Zukunft nur bereichern können", schreibt Bill Kramer, Direktor und Präsident des Museums, in der Pressemitteilung.

Prestige-Objekt der Filmakademie

Die Academy hat keine Kosten und Mühen gescheut und sich ein Prestige-Objekt gebaut: Neben dem eleganten Altbau am Wilshire Boulevard in Los Angeles ragt eine futuristische Kuppel aus Glas, Stahl und Beton in den Himmel - dazwischen lichtdurchflutete Glasbrücken, die beide Gebäude verbinden. Im Inneren findet sich ein riesiger Kinosaal für 1000 Zuschauer - mit roten Stoffsesseln, großer Leinwand und perfekter Akustik.

Kein geringerer als der Pritzker-Preis-gekrönte Stararchitekt Renzo Piano, der durch Bauten wie das Centre Pompidou und den dreieckigen Londoner Wolkenkratzer "The Shard" berühmt wurde, hat dem neuen Museumsgebäude seine Form gegeben. Wenn Piano nicht Architekt geworden wäre, wäre er Filmemacher geworden. Durch seine Arbeit für das Academy Museum habe er die Möglichkeit gefunden, beide Leidenschaften zu verbinden, wird Renzo Piano in der Pressemitteilung zitiert.

Ein Modell des weltberühmten Außerirdischen E.T. ausgestellt im Academy Museum

Modell des weltberühmten Außerirdischen E.T., der offensichtlich nicht nach Hause, sondern ins Academy Museum will

Der Glanz und Glamour von außen wie innen ist nicht zu übersehen, und dennoch blicken die Erbauer des Museums auf diejenigen zurück, die weit vor den schrillen Filmleuten hier ansässig waren - die Tongva, eine indigene Bevölkerungsgruppe im Gebiet von Los Angeles: "Wir ehren und respektieren die Vorfahren der Tongva und die Tongva-Gemeinschaft, die dieses Land und das Wasser durch traditionelle Praktiken, Engagement, Kunst und Bildung gepflegt und sich für den Schutz der kulturellen Ressourcen eingesetzt haben", heißt es in einem Schreiben der Academy.

Objekte der Filmgeschichte

"Mein persönliches Highlight im Museum ist der Aries 1B aus Stanley Kubricks '2001: Odyssee im Weltraum'", sagt Jessica Niebel, ehemals Kuratorin des Deutschen Filmmuseums und nun Kuratorin am Museum der Academy of Motion Picture Arts and Sciences in Los Angeles.

Sich für ein Lieblingsexponat aus der Ausstellung zu entscheiden, ist gar nicht mal so einfach, denn nach eigenen Angaben besitzt die Academy die größte Filmsammlung der Welt, darunter mehr als 13 Millionen Fotos, 250.000 Film- und Videoaufnahmen, 71.000 Drehbücher, 67.000 Plakate und 137.000 Kunstwerke, Überbleibsel von Filmsets, Storyboards, Zeitungsausschnitte, persönliche Korrespondenzen und Nachlässe von Hollywood-Ikonen wie Alfred Hitchcock oder Katharine Hepburn.

Einige davon werden nun im neuen Museum ausgestellt, wie etwa der Kopf der unheimlichen Kreatur aus "Alien" (1979), Animationsmasken aus dem Film "The Nightmare Before Christmas" (1993) von Tim Burton, die Schreibmaschine, auf der Joseph Stefano das Drehbuch für "Psycho" (1960) schrieb oder die Schuhe von Judy Garland, die sie als Dorothy Gale im "Zauberer von Oz" getragen hat. Auch einige Druck- und Forschungsmaterialien der Margaret Herrick Library werden zeitweise ausgestellt, wie etwa eine Drehbuchseite der Romanverfilmung "Wer die Nachtigall stört" (1962), auf der Hauptdarsteller Gregory Peck allerlei Anmerkungen notiert hatte.

Die Schuhe von Dorothy Slipper in Der Zauberer von Oz ausgestellt im Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles

Schuhe von Dorothy Gale in "Der Zauberer von Oz"

Das Museum möchte aber auch auf die nicht so ruhmreichen Momente blicken: Da wäre zum Beispiel die Oscar-Verleihung 1940, als Hattie McDaniel mit ihrer Nebenrolle in dem Südstaatenepos "Vom Winde verweht" als erste Afroamerikanerin einen Oscar gewann. Bei der Verleihung durfte sie wegen ihrer Hautfarbe aber nicht mit dem Team an einem Tisch sitzen, sondern war in den hinteren Teil des Raumes verbannt worden.

Ein weiteres Beispiel von Rassismus wird ebenfalls thematisiert: In dem Ausstellungsraum zu Kostüm und Make-up ist eine Installation mit jener Schminke zu sehen, mit der sich weiße Schauspieler für die Leinwand das Gesicht dunkel anmalten. Auf den Etiketten der Make-up-Dosen stehen Bezeichnungen wie "Chinese" und "Black (Minstrel)". In den so genannten Minstrel-Shows karikierten weiße Unterhaltungsmusiker das vermeintliche Leben der Afroamerikaner.

Erste Retrospektive Japaner gewidmet

Man will sich nicht nur auf die US-Branche fokussieren, sondern einen internationalen Blick zeigen, und so widmet das Academy Museum of Motion Pictures seine erste temporäre Retrospektive Hayao Miyazaki, dem Großmeister des Zeichentrickfilms (Anime). Er war es, der den Trickfilm bei den großen Filmfestivals in Cannes, Venedig und Berlin hoffähig gemacht hat.

Filmausschnitt aus Miyazakis Prinzessin Mononoke

Filmausschnitt aus Miyazakis "Prinzessin Mononoke"

Der Mitbegründer des legendären Zeichentrickstudio Ghibli hat Filme wie "Mein Nachbar Totoro", "Kikis kleiner Lieferservice" und "Ponyo - Das große Abenteuer am Meer" geschaffen. Miyazakis Animationswelt ist rührend, phantasievoll, kindlich und zugleich lehrreich. Seine Figuren und die Welt der Anime kann man nun in Los Angeles bestaunen. Ein hellgrün leuchtender Baum erfüllt einen der ihm gewidmeten Ausstellungsräume, darum herum glitzert alles sanft:, Miyazakis Traumwelt wird für den Besucher Realität.

Ist das Kino museumsreif?

Das Kino hat es aus vielen Gründen derzeit nicht leicht: Einmal hat die Corona-Pandemie viele Lichtspielhäuser finanziell in die Knie gezwungen. Dann drängen Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon und Hulu mit Starbesetzungen und Hochglanz-Formaten das Kino in die Enge und nicht zuletzt deckt die "MeToo"-Debatte, die ihren Ursprung in der Filmbranche hatte, viele Missstände in der Traumfabrik auf. Das Kino als solches verliert seine Einzigartigkeit und kämpft gegen die Bedeutungslosigkeit, gleichzeitig wächst der Wille, den Film und seine Geschichte zu bewahren - notfalls im Museum.

Der Film als ein reines Museumsexponat? Das sieht Jessica Niebel anders: "Das Kino ist 120 Jahre alt. Es war das einflussreichste Medium des 20. Jahrhunderts. In veränderter Form wird es auch in diesem Jahrhundert Menschen aus der ganzen Welt erreichen und zur Diskussionen anregen. Natürlich hat sich die Kinolandschaft durch die Krise verändert, aber das Kino hat mehrere Krisen überlebt, es ist nicht dem Untergang geweiht", so Niebel. Das sei also nicht der Grund für das Museum. Vielmehr soll es einfach ein Ort sein, wo sich Filmbegeisterte über das Medium austauschen können.

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