Black Lives Matter: Kontroverse um Bestseller von Harper Lee | Kultur | DW | 11.07.2020
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#Black Lives Matter

Black Lives Matter: Kontroverse um Bestseller von Harper Lee

Der bahnbrechende Roman "Wer die Nachtigall stört" ist ein Plädoyer für Bürgerrechte und gegen Rassismus. "Black Lives Matter" macht ihn aktueller denn je. Aber bediente Harper Lee rassistische Klischees?

Filmstill To Kill a Mockingbird 1962 (picture-alliance/United Archives)

Hollywood-Verfilmung: Gregory Peck (li) spielt den Anwalt, der den jungen Tom Robinson (re) vor Gericht verteidigt

Als die US-amerikanische Schriftstellerin Harper Lee 1960 ihren ersten Roman "Wer die Nachtigall stört" veröffentlichte, traf die Erzählung einen Nerv der Zeit. Sie handelt vom Kampf um Gerechtigkeit für Schwarze, angesiedelt in den 1930er Jahren, in den von Rassentrennung geprägten Südstaaten der USA. Das Buch gab später der Bürgerrechtsbewegung unter der Führung von Martin Luther King Jr. Auftrieb.

Harper Lee (1926-2016) gewann 1961 den Pulitzer-Preis für Literatur. In Hollywood wurde die Geschichte bereits ein Jahr später fürs Kino verfilmt, mit Gregory Peck in der Hauptrolle. Der Film gewann drei Oscars, einen bekam Peck für seine engagierte Darstellung des Anwalts. 

Das Buch war bald darauf Pflichtlektüre in US-amerikanischen Schulen. Schulkinder und Jugendliche konnten viel über Bürgerrechte und den Kampf für Gleichheit lernen. Der Roman verkaufte sich weltweit mehr als 40 Millionen Mal. 

Autorin Harper Lee als alte Frau mit Brille, sie lächelt (picture-alliance/AP Photo/R. Carr)

Autorin Harper Lee: Mit einem einzigen Buch gelangte sie zu Weltruhm (Foto: 2007)

Ein hochaktuelles Buch

Zum 60. Jahrestag der Veröffentlichung des Romans erfährt "Wer die Nachtigall stört" gerade aktuelle Brisanz. Angesichts der weltweiten Proteste in Folge der Tötung des Schwarzen George Floyd durch weiße Polizisten bekommt er eine ganz neue Resonanz.

Harper Lees Roman ist in einer fiktiven Stadt des Bundesstaats Alabama angelegt und erzählt von dem jungen Schwarzen Tom Robinson, der unschuldig einer Vergewaltigung beschuldigt wird. Vor Gericht wird er von dem weißen Anwalt Atticus Finch verteidigt. 

Die Geschichte wirkt auch Jahrzehnte später nicht aus der Zeit gefallen. Schwarze Menschen leiden nach wie vor in den USA unter unverhältnismäßiger Polizeigewalt und werden sechsmal häufiger inhaftiert als Weiße. Seit dem Tod von George Floyd hat der Protest gegen den Alltags-Rassismus in den USA und für mehr Gerechtigkeit ein neues Level erreicht.

An den Zuständen hat sich seit dem vergangenen Jahrhundert wenig geändert. US-Präsident Donald Trump hat die Ungleichbehandlung in den USA politisch noch verstärkt, als er die Bürgerrechtsbewegung "Black Lives Matter" mehrfach verurteilte und die Rassisten in Charlottesville im Jahr 2017 als "sehr feine Leute" bezeichnete.

Gregory Peck steht als Atticus Finch vor Gericht (Imago/United Archives)

Für Hollywood-Schauspieler Gregory Peck eine seiner wichtigsten Rollen: Anwalt Atticus Finch (1963)

Atticus Finch als Symbolfigur

Der Held des Buches ist der rechtschaffene Anwalt Atticus Finch, der nicht nur den jungen Schwarzen gegen eine vorgeschobene Vergewaltigungsanklage verteidigt, sondern sich auch dem Lynchmob entgegen stellt. Engagiert versucht er seine Mitmenschen über Gerechtigkeit und Rassengleichheit aufzuklären. "Wenn in unseren Gerichten das Wort eines Weißen gegen das eines Schwarzen steht, gewinnt immer der Weiße. Sie sind hässlich, aber das sind die Tatsachen des Lebens", sagt er zum Abschluss.

Der Bürgerrechtsaktivist Martin Luther King Jr. bezog sich 1964 in seinem Buch "Warum wir nicht warten können" auf die Figur Atticus Finch. Auch King plädierte für die Aufrechterhaltung von gesellschaftlichen Prinzipien durch gewaltloses Handeln. Sein Buch feierte die aufkommende Bürgerrechtsbewegung in den USA - auch in Alabama, dem Bundesstaat, in dem der Roman von Harper Lee spielte.

In Birmingham, bekannt als die Stadt mit der striktesten Rassentrennung, sowie in Selma und Montgomery hatten Schwarze damals gewaltlos Widerstand gegen die institutionalisierte Rassendiskriminierung geleistet. Harper Lee kannte diese Verhältnisse gut, da sie in Alabama in der Kleinstadt Monroeville aufgewachsen war.

Die Verbindung zwischen dem fiktiven weißem Bürgerrechtsanwalt aus dem Roman von Lee und der realen politischen Bewegung im Bundesstaat Alabama, die mit dem Bürgerrechtsgesetz von 1964 die Rassentrennung beendete, ist geblieben: Der Name Atticus Finch stand auch 2014 bei den ersten Protesten von "Black Lives Matter" auf den Schildern vieler Demonstranten, nachdem der unbewaffnete Michael Brown in Ferguson, Missouri, von einem Polizisten erschossen worden war. Der Polizeibeamte, Darren Wilson, wurde nie angeklagt.

Diskussionen über das Manuskript

Im Jahr 2015 wurde eine vermeintliche Fortsetzung der literarischen Erfolgsgeschichte"Gehe hin, stelle einen Wächter" zum Verlagsereignis des Jahrzehnts. Das verschollen geglaubte Manuskript war angeblich im Archiv von Lee entdeckt worden. Später stellte sich heraus, dass es sich um einen frühen, vom Verlag damals abgelehnten Entwurf der Erzählung "Wer die Nachtigall stört" handelte. Lee hatte das erste Manuskript auf Anraten ihres Verlegers umgeschrieben. Das Ergebnis war ein literarischer Welterfolg.

Die Handlung der Ursprungsgeschichte, in der die gleichen Schlüsselfiguren in der fiktiven Stadt Maycomb in Alabama zusammenkommen, spielt in der Zeit und während der Nachwirkungen des bahnbrechenden Gerichtsurteils aus dem Jahr 1954, das die Rassentrennung in US-Schulen als verfassungswidrig erklärte.

In dieser Version lehnt der 72-jährige Atticus Finch die Aufhebung der Rassentrennung allerdings ab und nimmt an geheimen Treffen des rassistischen Ku-Klux-Klan teil. "Willst Du wagenweise Neger in unseren Schulen, Kirchen und Theatern?", fragt Atticus seine 26-jährige Tochter Jean Louise, die zu Besuch aus New York kommt und über die rassistischen Ansichten ihres alternden Vaters schockiert ist.

Das "Wall Street Journal" nannte dieses 2015 veröffentlichte Buch eine "erschreckende Widerlegung des strahlenden Idealismus von 'Wer die Nachtigall stört'". Harper Lee starb am 19. Februar 2016 im Alter von 89 Jahren.

Buchtitel von Harper Lee Go Set a Watchman nebeneinander aufgestellt (picture-alliance/Landov)

Angeblich eine Fortsetzung des Weltbestsellers: "Go Set A Watchman"

Aktuell vom Lehrplan gestrichen

Im Jahr 2018 erklärte die schwarze feministische Schriftstellerin Roxanne Gay, dass das Buch "Wer die Nachtigall stört" für sie persönlich keine "Ehrfurcht und Nostalgie" hervorrufe. In einem Artikel für die "New York Times" schrieb sie, dass - obwohl das Buch seiner Zeit entsprach - "das 'N-Wort' durchweg großzügig verwendet wird und es einige atemberaubende Fälle von sowohl beiläufigem als auch offenem Rassismus gibt".

Das Buch wurde deshalb vor kurzem in einigen Schulen im Süden der USA verboten, weil es schwarzen Schülern Unbehagen bereitet habe. Kritiker forderten sogar, das Buch ganz aus den Lehrplänen zu streichen, weil es Schwarze, darunter die Hauptfigur Tom Robinson, als passive Charaktere darstelle.

Vielleicht rettet das erste Original-Manuskript, auf dem ihr späterer Bestseller basiert, das literarische Vermächtnis der Pulitzer-Preisträgerin Harper Lee. Die Figuren in "Gehe hin, stelle einen Wächter" sind nuancierter und haben mehr Widersprüche. Atticus ist nicht länger ein Heiliger, ein Fackelträger für die Rassengleichheit vor dem Gesetz, sondern ein konfliktgeladenes und komplexes Individuum, das den tiefverwurzelten Rassismus widerspiegelt, der die Nation der Vereinigten Staaten von Amerika bis heute spaltet. 
 

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