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Auto und MobilitätDeutschland

Nexperia-Chip-Schock erschüttert Autohersteller

Steven Beardsley
Veröffentlicht 23. Oktober 2025Zuletzt aktualisiert 23. Oktober 2025

Europäische Autobauer sind von China abhängig. Ein Streit um den niederländischen Chiphersteller Nexperia hat erneut gezeigt, wie schwer es der Branche fällt, stabile Liefer- und Wertschöpfungsketten aufzubauen.

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Zwei Mitarbeiter in Schutzanzügen in den Reinräumen des Halbleiterproduzenten Nexperia
Reinheit ist oberstes Gebot: Mitarbeiter in den Reinräumen des Halbleiterproduzenten NexperiaBild: David Hammersen/dpa/picture alliance

Als ob Europas Autohersteller noch nicht abhängig genug von China wären - es gibt immer wieder neue Baustellen. Die Branche bereitet sich aktuell auf Produktionsstopps vor, nachdem der Chiplieferant Nexperia gewarnt hatte, ein Streit zwischen den Niederlanden, wo das Unternehmen ansässig ist, und den chinesischen Eigentümern des Unternehmens könne die Versorgung beeinträchtigen.

Nun bereitet sich die Automobilindustrie auch auf einen Engpass bei den für Elektromotoren wichtigen Rohstoffen vor. Zahlen des chinesischen Zolls aus der vergangenen Woche zeigten, dass Chinas Exporte Seltener Erden im September gegenüber August um 31 Prozent zurückgingen.

Diese Probleme treten in einem Jahr sinkender Gewinne und massiven Stellenabbaus auf. Sie machen ein größeres Problem sichtbar, vor dem Europas Industrie steht: Inländische Zulieferer, die auf dem Erfolg des Verbrennungsmotors aufgebaut sind, haben zu kämpfen, während kritische Komponenten, auf die die sogenannte Verkehrswende angewiesen ist, von außerhalb des Kontinentes zugeliefert werden. Das betrifft besonders Teile für Elektroautos wie Magnete, Chips und Batterien.

Insbesondere für Deutschland, Europas größten Autohersteller. Hier ist die Branche im Innersten bedroht. "Der Verbrennungsmotor ist nicht nur ein Teil eines Autos, er ist der entscheidende Wettbewerbsvorteil der Automobilindustrie in Deutschland", erläutert Andreas Herrmann von der Universität St. Gallen in Zürich. "Diese Branche braucht offensichtlich mehr Zeit, um neue Bereiche und neue Komponenten zu entwickeln, die ihr wieder einen Wettbewerbsvorteil verschaffen", sagt er zur DW.

Seltener werdende Seltene Erden

Die Autobauer sind bereits stark von China abhängig, das der größte Einzelmarkt für die drei großen deutschen Automobilhersteller VW, Mercedes und BMW ist. Doch es ist die ausländische Dominanz bei bestimmten Autokomponenten, die die Branche in Bedrängnis bringt.

Ein Bagger belädt einen LKW mit seltenen Erden im Hafen Lianyungang in der Provinz Jiangsu
Weltweit sind Autobauer abhängig von Seltenen Erden aus China - wie diese hier aus der Provinz Jiangsu Bild: Wang chun lyg /dpa/picture alliance

Im vergangenen Frühjahr kam es zum ersten Rückgang der chinesischen Exporte von Seltenerdmagneten, als Peking auf neue US-Handelszölle reagierte. Laut einer Studie des Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin kommen mehr als 90 Prozent der Seltene-Erden-Importe in die EU aus China.

Als sich die USA und China geeinigt zu haben schienen, erholte sich der Markt im Sommer. Nun aber kehrt Peking zu einer härteren Linie zurück. Anfang des Monats führte es ein Lizenzierungssystem für Exporte von Seltenen Erden ein. Das könnte die Importe nach Europa weiter verlangsamen.

Nichts gelernt?

Chip-Knappheit sollte eigentlich kein Problem mehr sein sein. Nachdem ein Lieferengpass während der COVID-19-Pandemie 2021 zu kostspieligen Produktionsstopps führte, versprachen die Automobilhersteller, ihre Beschaffung zu diversifizieren. Dabei spielt die Anwerbung von Produktionsstätten aus Taiwan, Korea, Japan und China eine wichtige Rolle. So konnte Deutschland  den Chipgiganten TSMC davon überzeugen, 2027 eine Fabrik in Dresden zu eröffnen.

Die Chiplandschaft ist jedoch komplex, da in einigen modernen Autos mittlerweile Tausende von Halbleitern verbaut sind. Wie das bisher wenig bekannte Beispiel Nexperia zeigt, kann selbst ein einziger Mangel die Produktion erheblich durcheinander bringen.

Die Vorsitzende des Verbands der Europäischen Automobilhersteller (ACEA), Sigrid de Vries, erklärte kürzlich in einer Pressemitteilung, die Automobilhersteller hätten in den letzten Jahren Maßnahmen zur Diversifizierung ihrer Lieferketten ergriffen, fügte jedoch hinzu, das Risiko könne nicht vollständig eliminiert werden.

An den Batterien hängt es

Batterien machen laut dem Europäischen Verband der Automobilzulieferer (CLEPA) einen bedeutenden Teil der Wertschöpfungskette für Elektrofahrzeuge aus - fast 30 Prozent. Europäische Automobilhersteller wollen Batterien daher selbst herstellen, anstatt sie ankaufen zu müssen. Derzeit sind sie auf Korea und China angewiesen, die den Markt beherrschen. Das bisher größte europäische Batterieprojekt, der schwedische Batteriehersteller Northvolt, scheiterte spektakulär und meldete 2024 Insolvenz an.

Deutschlands Batterie-Gigant startet durch

Andere Unternehmen treten nun an die Stelle von Northvolt, darunter PowerCo von Volkswagen und Verkor unter der Führung von Renault. Ob sie die notwendigen Skaleneffekte erzielen können, um die Vorlaufkosten zu decken, bleibt fraglich, insbesondere in einem aktuell rückläufigen Markt für Elektrofahrzeuge. Porsche gab kürzlich bekannt, dass es sein Ziel der Batterieproduktion aufgibt, da dies auf dem aktuellen Markt nicht mehr rentabel sei.

Wohlstand durch Verbrenner

Die Herausforderungen für die europäische Automobilindustrie werden immer größer, besonders Deutschland kämpft. Nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) waren 2024 rund 773.000 Menschen in der Branche beschäftigt. Diese Zahl, die in den letzten Jahren bereits rückläufig war, sinkt rapide weiter.

Einer neuen Schätzung zufolge sind zwischen Sommer 2024 und Sommer 2025 fast 52.000 Arbeitsplätze in der Automobilindustrie verloren gegangen. Das ist fast so viel wie die 61.000 Arbeitsplätze in den gesamten sechs Jahren zuvor. Diese Probleme spüren jetzt Städte, Kommunen und private Haushalte.

Europa verhängt Strafzölle gegen China

Ingolstadt etwa, die Heimat von Audi, muss nun ein Haushaltsloch von bis zu 80 Millionen Euro stopfen, nachdem die Unternehmenssteuern weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind - eine direkte Folge der Probleme des Volkswagen-Konzerns, zu dem Audi gehört.

Der Verband der Automobilzulieferer prognostizierte im September, dass bis 2030 bis zu 23 Prozent der Wertschöpfung pro Auto in der EU abwandern könnten, wenn sich nichts ändert.

Grund für Optimismus?

Volkswagen treibt derweil seine erste Gigafactory in Salzgitter voran, ebenso wie die von Renault geführte Batterieallianz Verkor, die eine ähnliche Produktionshalle im französischen Dünkirchen baut. Neue Technologien und effizienteres Recycling könnten den Importbedarf an Seltenerdmagneten für Elektrofahrzeuge reduzieren.

VW-Chef Oliver Blume in legerer Kleidung präsentiert neue Elektrofahrzeuge bei der IAA Mobility
VW hofft, mit neuen und billigeren elektrischen Kleinwagen den Anschluss nicht zu verpassenBild: Daisuke Ichikawa/AP Photo/picture alliance

In Friedrichshafen hat der Zulieferer ZF sogar einen Elektromotor entwickelt, der keine Seltenerdmetalle mehr benötigt. Neue Elektrofahrzeugreihen könnten die schleppende Kaufdynamik in allen Märkten ankurbeln. BMW und Mercedes erhielten positive Kritiken für ihre neuen elektrischen SUV-Modelle. Volkswagen verspricht, seine Mehrmarkenpräsenz mit der Einführung von vier neuen Modellen kleiner Elektroautos im Preisbereich von 25.000 Euro im Jahr 2026 zu stärken.

Dennoch müsse Europa mehr Zukunftstechnologien entwickeln, wenn es seine Abhängigkeit wirklich reduzieren wolle, sagt Herrmann. Er zeigt sich aber "ziemlich optimistisch", dass die europäische Automobilindustrie "nicht untergehen" werde: "Sie muss eine grundlegende Krise durchmachen, aber ich hoffe, dass sie am Ende gestärkt daraus hervorgeht."

DW MitarbeiterIn I Steven Beardsley
Steven Beardsley Wirtschaftsreporter und Moderator
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