Neuer Leiter der Hamburgischen Staatsoper Kent Nagano: ″Oper ist Gemeinschaft″ | Kultur | DW | 23.09.2015
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Neuer Leiter der Hamburgischen Staatsoper Kent Nagano: "Oper ist Gemeinschaft"

Der Stardirigent Kent Nagano ist der neue Chef der Hamburgischen Staatsoper. Im DW-Interview erklärt er, warum Oper für jeden relevant ist und welche Stücke in der kommenden Spielzeit in Hamburg anstehen.

Nach sieben Jahren als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München zieht Kent Nagano nun in den Norden Deutschlands. Er löst die Australierin Simone Young an der Spitze der Hamburgischen Staatsoper ab und wird gleichzeitig Generalmusikdirektor des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Im DW-Interview verrät Nagano seine Pläne für die kommenden Spielzeiten.

DW: Herr Nagano, wie fühlt es sich an, von München nach Hamburg zu ziehen?

Nagano: Für mich als US-Amerikaner ist es eine Ehre, nach einem sehr traditionsreichen Haus nun das nächste kennenzulernen. Die Operntradition in München reicht bis etwa 1600 zurück. Die Leute sprechen von den Münchner "Hausgöttern": Orlando di Lasso, Mozart, Wagner, Strauss. Sie alle waren wichtige Impulsgeber der Musikgeschichte. Hamburg steht dem in nichts nach. Buxtehude, Schütz, Telemann, Carl Philipp Emanuel Bach, die Mendelssohns, die Präsenz von Brahms und Mahler… Es ist eine ganz andere, aber ebenso starke Tradition.

Ich ziehe also von einem zentralen Ort dieses großartigen Kontinents in eine norddeutsche Hafenstadt. Als solche war Hamburg schon immer das Tor für internationale Einflüsse und ein Ort, von dem aus deutsche Kultur und Ideen in die Welt hinausgingen. Hafenstädte bedeuten mir viel. Ich komme aus San Francisco und habe in London gelebt und gearbeitet. Meine Frau kommt aus Kobe. Und in Hamburg werde ich wieder Meeresluft schnuppern können.

Bildergalerie - Zehn Gründe für Hamburg

Erinnert in ihrer Form an ein Segelschiff: die Elbphilharmonie

Im Hamburger Hafen liegt auch die Elbphilharmonie, ein Bau, der vielen Deutschen mittlerweile auf die Nerven geht. Mit ihren explodierten Kosten und den immer wieder verschobenen Eröffnungsterminen hat sie heute ein eher negatives Image. Die geplante Eröffnung im Januar 2017 fällt in Ihre Amtszeit. Welche Bedeutung hat dieser neue Spielort?

Die Elbphiharmonie war von Anfang an ein kontroverses Thema und ihr Erfolg wird davon abhängig sein, wie gut sie ihre Funktion in der Gemeinschaft erfüllt. Natürlich wird zunächst die Akustik ihren Charakter definieren, aber ein Konzertsaal ist auch ein Ort, an dem sich die Identität einer Gemeinschaft formt. Dafür muss es keine alte, traditionelle Struktur sein. Einige moderne Spielorte haben diese Funktion sofort erfüllt. Und die Elbphilharmonie ist bereits jetzt ein auffälliges, dynamisches Statement, ein beeindruckendes Stück Architektur.

Auf welche Stücke im Spielplan der Hamburgischen Staatsoper und des Staatsorchesters würden Sie gerne die Aufmerksamkeit lenken?

Wir arbeiten daran, dass Oper als etwas wahrgenommen wird, das relevant für unser aller Leben ist. Zur Eröffnung der Spielzeit haben wir uns deshalb eine Überraschung ausgedacht: "Les Troyans" von Hector Berlioz. Aufgrund der Verbindung zu Hamburg haben wir nach einem Stück gesucht, in dem ein Hafen eine Rolle spielt. Und als wir uns 2014 dafür entschieden, gab es viele Schlagzeilen zum Ukraine-Konflikt und der Krise in Afghanistan. Konflikte, Brutalität und Unterdrückung sind Themen in "Les Troyans". Wir hatten aber keine Ahnung, dass diese Probleme, besonders das Thema Kriegsflüchtlinge, so in den Vordergrund rücken würden.

Deutschland Oper München Written on Skin

Nagano setzt sich für zeitgemäße Stücke ein, hier eine Szene aus "Written on Skin" aus seiner Münchner Zeit

Die anderen Werke dieser Spielzeit haben wir ebenfalls nach ihren übergeordneten Themen ausgesucht. Rossinis "Wilhelm Tell" zum Beispiel handelt von Brüderlichkeit, Freiheit, Menschenrechten und Identität. Das sind große Themen des 21. Jahrhunderts. Das letzte Stück wird die Matthäuspassion sein – und Johann Sebastian Bach ist natürlich immer relevant.

2016 wird die Weltpremiere von Toshio Hosokawas Oper "Stilles Meer" zu sehen sein. Es ist die künstlerische Darstellung der Nuklearkatastrophe von Fukushima, handelt vom Thema Mensch gegen Natur, seiner Rücksichtslosigkeit und der völligen Unterschätzung seines Einflusses. Jetzt, wo der Klimawandel überall in den Nachrichten stattfindet, scheint die Wahl umso passender. Oriza Hirata spielt in seiner Inszenierung auch auf den Gebrauch von Robotern an, die ja dazu benutzt werden, in Fukushima den radioaktiven Abfall zu beseitigen.

Kent Nagano

Nagano liebt Hafenstädte wie Hamburg

Rennen Sie mit dieser Auswahl an Stücken nur offene Türen bei Opern-Aficionados ein oder unternehmen Sie und Ihre Kollegen konkrete Anstrengungen um neue Zuhörer zu gewinnen?

Nun ja, die Oper ist eine Kunstform. Aber sie beruht auf Zusammenarbeit, Partnerschaft, verschiedenen Menschen, Gemeinschaft. Wir müssen sicherstellen, dass alle Teile einer Gemeinschaft das Gefühl haben, dass ein Opernhaus ihnen gehört, besonders die nächste Generation. Wir hatten alle Zugang zu den großen Werken im Repertoire. Aber wir wissen auch, dass für viele der jüngeren Menschen – zum Beispiel die Klassenkameradinnen meiner Tochter – Oper keinerlei Bedeutung hat. Sie scheint für sie nicht einmal mehr zu existieren. Wir müssen ihnen bewusst machen, dass Oper auch für sie da ist. Das ist eine globale Herausforderung.

Und wir haben bei der Eröffnung mit "Les Troyans" sehr viele junge Leute im Publikum gesehen. Die Fassade des Opernhauses war beleuchtet, und es gab eine Liveübertragung, die tausende Leute gesehen haben. Das war sehr ermutigend.

Das Interview führte Rick Fulker.

Die Redaktion empfiehlt