Angekommen! Persönliche Fotogeschichten von Migranten | Kultur | DW | 19.06.2021
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Anwerbeabkommen

Angekommen! Persönliche Fotogeschichten von Migranten

Einstige Gastarbeiter kamen bislang selten zu Wort. Das Kölner Museum Ludwig widmet ihnen nun eine Ausstellung - mit privaten Aufnahmen.

"Wie, Du fährst nach Deutschland? Alleine - als Mädchen?" Als Asimina Paradissa Mitte der 1960er-Jahre den Jungs in ihrem griechischen Heimatdorf eröffnete, sie gehe nach Deutschland, nach Wilhelmshaven, konnten diese es nicht fassen. Frauen, die alleine fortgingen, standen in einem zweifelhaften Ruf. Werde sie ihr Geld etwa im horizontalen Gewerbe verdienen? Asimina Paradissa hat sich um diese Vorurteile nie geschert. "Der Junge, der mir das gesagt hat, ist ein paar Jahre später selbst nach Deutschland gegangen", lacht die Griechin, als sie gut gelaunt und stolz durch die Ausstellung "Vor Ort: Fotogeschichten zur Migration" im Kölner Museum Ludwig streift. 

Eine ganze Wand ist ihr und ihrer Geschichte gewidmet. Paradissa hat immer sehr gerne fotografiert. Schon als junges Mädchen half sie dem örtlichen Fotografen beim Entwickeln der Filme. Und sie ließ sich selbst auch gerne ablichten. Dabei gab sie ihren Freundinnen und Kolleginnen klare Anweisungen, wie sie in Szene gesetzt werden wollte. 

Asimina Paradissa steht - mit Brille und kurzen grauen Haaren - vor einer Wand mit Fotos und deutet auf ein Bild, das sie als junge Frau zeigt.

Asimina Paradissa deutet auf ein Foto, auf dem sie als junge Frau in Wilhelmshaven zu sehen ist

Eines der Bilder zeigt Paradissa an dem Tag, an dem sie das Fahrradfahren lernte: "Ich bin fünf Kilometer gefahren, bis ins Nachbardorf und wieder zurück", erinnert sie sich. "Aber ich hatte ein Problem: Ich konnte nicht absteigen, ich bin immer umgefallen." Radfahren wurde nie ihr Ding - stattdessen kaufte sie sich nach bestandenem Führerschein einen himmelblauen Opel Kadett. Aber sie hatte ihr Ziel erreicht: In Deutschland Fahrradfahren zu lernen, denn im konservativen Griechenland der Nachkriegszeit war das für Mädchen verboten.

Gedichte am Fließband

Asimina Paradissa wollte 1966 nicht nur der Arbeit wegen nach Deutschland. Die junge Frau suchte auch Freiheit und fand in Wilhelmshaven, tausende Kilometer von ihrem Heimatdorf Vrasta auf der Halbinsel Chalkidiki entfernt, ein neues Zuhause. Eines der Bilder zeigt sie vor ihrem Wohnheim der Firma Olympia, das sie mit knapp 20 Jahren bezog. "Mein Vater musste sein Einverständnis geben, denn damals war man erst mit 21 volljährig."

Asimina Paradissa lächelt in die Kamera, sie hat eine Brille auf und trägt ein blaues Kleid mit weißen Punkten.

Asimina Paradissa posiert auch heute noch gerne für Fotos

Tagsüber arbeitete Paradissa bei Olympia in der Fabrik und stellte Schreibmaschinen her. Sie war harte Arbeit gewöhnt. Schon mit 19 hatte sie in Griechenland in einem Steinbruch gearbeitet und in der sengenden Hitze tonnenschwere Gummikörbe voll mit Steinen die Berge hochgehievt. Im Vergleich dazu ging ihr die Arbeit bei Olympia leicht von der Hand.

Von ihren ersten Ersparnissen kaufte sie sich einen Fotoapparat und eine Schreibmaschine mit griechischer Tastatur. Abends tippte sie darauf ihre Gedichte, die sie tagsüber während ihrer Arbeit am Fließband ersann. Noch heute schreibt und fotografiert sie leidenschaftlich und ist, sobald die Zeit es zulässt, ständig auf Reisen. Einzig die Coronapandemie hat sie im vergangenen Jahr ein wenig ausgebremst. 

Gekommen, um zu bleiben

Asimina Paradissa hat nie geheiratet. "Dazu habe ich gar keine Zeit gehabt. Ich habe immer gearbeitet und auf den nächsten Urlaub gespart, dann wieder gearbeitet und wieder gespart." Und so flogen die Jahre dahin. Plötzlich waren 55 vergangen. Mittlerweile lebt Asimina Paradissa in Wuppertal. Dort hat sie unter anderem 32 Jahre lang für VW, Ford und Mercedes Schlösser gebaut und nebenbei zehn Jahre bei der Schraubenzieher-Fabrik Schröder geputzt. Dabei hatte sie eigentlich nie vor, dauerhaft in Deutschland zu bleiben: "Das merkst Du gar nicht! Die Jahre sind so schnell vergangen."

Schwarz-weiß Foto eines Kinos von außen, davor stehen ein paar Menschen. Über dem Eingang steht Cinama Italiano.

Auch viele Italiener wanderten nach Deutschland ein. Dieses Kino in der Kölner Weidengasse zeigte 1982 italienische Filme

Asimina Paradissas Geschichte ähnelt der Tausender Menschen, die vornehmlich in den Jahren 1955 bis 1973 nach Deutschland kamen, um zu arbeiten. Viele von ihnen sind geblieben. Eigentlich muss man nur die Restaurants in deutschen Städten betrachten, um zu wissen, woher die sogenannten Gastarbeiter vornehmlich stammten: Italien, Griechenland, Türkei. Die noch junge Bundesrepublik war auf sie angewiesen, um das deutsche Wirtschaftswunder am Laufen zu halten. Denn ein Teil der vor allem männlichen Bevölkerung im erwerbstätigen Alter fehlte aufgrund des Zweiten Weltkriegs. Zudem sank die Geburtenrate

Und so schloss die Bundesrepublik mit mehreren Ländern Anwerbeabkommen, die dafür sorgen sollten, dass der Strom an arbeitsfähigen Männern - und später auch Frauen - nicht abriss. In diesem Jahr jährt sich das Anwerbeabkommen mit der Türkei zum 60. Mal, aber auch aus Italien, Spanien, Griechenland und fünf weiteren Ländern machten sich Tausende von Menschen auf den Weg in ein für sie völlig fremdes Land. Ohne Sprachkenntnisse, ohne viel Gepäck, aber immer mit Fotos von ihren Liebsten in ihren Taschen. 

Eine Gruppe von Schülern geht auf das Museum Ludwig zu. An der Fassade hängt ein Plakat zur Ausstellung: „Vor Ort: Fotogeschichten zur Migration“.

Zum ersten Mal stehen Privatfotografien im Mittelpunkt einer Ausstellung im Museum Ludwig

Einwanderer kamen bislang kaum zu Wort

"Private Fotografien und die damit verbundenen Geschichten unser Protagonisten und Protagonistinnen sind zentral für unsere Ausstellung", erklärt Gastkuratorin Ela Kaçel. "Sie erzählen vom Ankommen an einem neuen Ort, von der Selbstverortung, Wahrnehmung und Gestaltung der eigenen Lebensumwelt." Die Ar­chitek­turhis­torik­erin gab den Anstoß für die Ausstellung "Vor Ort: Fotogeschichten zur Migration", die ab dem 19. Juni bis zum 3. Oktober 2021 in Köln zu sehen ist. Kaçel führte auch die Interviews mit den insgesamt 16 Protagonistinnen und Protagonisten, die Aufnahmen aus den Jahren 1955 bis 1989 beigesteuert haben. Ihr war es wichtig, diese Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen. Denn bislang stammten "die Bilder, die die öffentliche Wahrnehmung bestimmten, nicht von den Männern und Frauen selbst, sondern von den Medien, dem Arbeitgeber, den beauftragten Fotografen oder dem Redakteur der Werkszeitschrift und später auch von den Bildjournalisten und den Fotokünstlern."

Zum ersten Mal stehen damit private Aufnahmen im Mittelpunkt einer Ausstellung in dem Kölner Museum, die auch dank des Bestands von DOMiD, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, entstanden ist. Ergänzend sind auch Aufnahmen bekannter Fotografen zu sehen, etwa von Chargesheimer, Candida Höfer oder Heinz Held, die einen "Blick auf Köln geben, den man in Köln kennt", so Museumsdirektor Yilmaz Dziewior. "Gleichzeitig zeigen wir andere öffentliche Fotografien, nämlich der GAG, der Wohnungsbau Gesellschaft aus den 1960er-Jahren." Doch Yilmaz habe vor allem interessiert, für wen diese Gebäude in Bauhaus-Ästhetik gebaut worden seien: "Wo ist eigentlich der Blick derer, die dort gewohnt haben?"

Besondere Zeitzeugnisse

Diese Lücke im kollektiven Gedächtnis können dank der Aufnahmen von Asimina Paradissa und den weiteren Protagonistinnen und Protagonisten nun geschlossen werden. All die Jahre hat die Griechin ihre Aufnahmen in einem kleinen Portemonnaie aufbewahrt. Sie sind vergilbt und fleckig vom vielen Herausnehmen und Betrachten. Einige Bilder hat die 76-Jährige natürlich auch an ihre Familie in Griechenland geschickt. Ihre Mutter sollte sehen, dass es ihr gut geht, dass sie sich keine Sorgen zu machen braucht. 

Ein kleines aufgeschlagenes Fotoalbum mit vergilbten Fotos darin

Über viele Jahre hütete Asimina Paradissa ihre Fotografien wie einen Schatz, trug dieses Album immer bei sich

Und das war nicht gelogen. Paradissa fand schnell Anschluss in Deutschland. In ihrem Wohnheim in Wilhelmshaven lebte sie gemeinsam mit mehr als 70 weiteren Frauen. Alles Kolleginnen, viele davon Freundinnen. Nur selten fühlte sich sie wirklich einsam: "Ich war zwar alleine, aber ich habe mich nie alleine gefühlt", erinnert sie sich. "Aber eines samstagmorgens - ich war gerade auf dem Weg zum Einkaufen, gerade mal 800 Meter von zu Hause entfernt -, da überfiel mich an der Ampel ein so komisches Gefühl: 'Mein Gott, ich bin allein!' Das war wirklich eine schlimme Erfahrung."

Seit mehr als 30 Jahren lebt Paradissa nun in Wuppertal und von Einsamkeit kann hier nicht die Rede sein: "Ich bin in drei Tanzgruppen und in mehreren Vereinen und das ist jetzt mein Leben." Die Rentnerin fährt noch regelmäßig nach Griechenland, aber spätestens nach ein paar Wochen vermisst sie Deutschland. "Ich fühle mich hier zu Hause", sagt sie. "Aber begraben werde ich in Griechenland!" Doch bis dahin bleibt der lebensfrohen Frau hoffentlich noch sehr viel Zeit.

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