Martin Luther King und die Macht der Worte | Geschichte | DW | 04.04.2018
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Geschichte

Martin Luther King und die Macht der Worte

"Ich habe einen Traum" ("I have a dream") heißt es in der berühmtesten Rede von Martin Luther King. 50 Jahre nach seiner Ermordung haben seine Worte immer noch eine unvergleichliche Strahlkraft.

"Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden. Ich habe einen Traum heute …"

Diese Worte aus einer Ansprache Martin Luther Kings von der Treppe des Lincoln Memorials am 28. August 1963 hallen auch 50 Jahre nach seinem Tod (4. April 1968) unvermindert nach. Die Rede gehört zum Schulunterricht, ist Thema in Universitäten, in Dokumentarfilmen, wurde vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama zitiert – und sie wurde im Lauf der Jahrzehnte in Songs gesampelt.

"Ich habe einen Traum" war eine Rede von nachhaltiger Sprengkraft.

Bg 50. Todestag von Dr. Martin Luther King Jr. (Flip Schulke. Photo courtesy of UT Austin's Briscoe Center for American History)

Zur Trauerfeier für Martin Luther King kamen über 100.000 Menschen

Es waren nicht allein die Worte, die die Menschen beeinflussten, sagt der Bürgerrechtler John Lewis, der am gleichen Tag ebenfalls vor dem Publikum in Washington gesprochen hatte. Im Interview mit dem Fernsehsender PBS sagte der heutige Kongressabgeordnete, dass es an der einmaligen Ausstrahlung des Menschen Martin Luther King selbst lag.

"Dr. King hatte die Kraft und die Fähigkeit, jene Treppe am Lincoln Memorial in einen monumentale Ort zu verwandeln, der ewig in Erinnerung bleiben wird. Durch seine Worte klärte er auf, inspirierte und informierte nicht nur die Leute, die dort anwesend waren, sondern auch die Menschen in ganz Amerika – damals und in den Generationen danach."

Rhetorische Strategie

Der Mann, der die Bürgerrechtsbewegung in den USA verkörperte, war ein brillanter Redner und setzte seine Worte gekonnt ein, um die erwünschte Publikumswirkung zu erzielen. Als Berufsprediger flocht er Anspielungen auf seinen christlichen Glauben in seine Reden ein - oder Bibelzitate, die für seine Zuhörer besonders relevant waren. "Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen."

Durch die Verbindung von biblischen Zitaten mit Worten aus patriotischen amerikanischen Landeshymnen wie "America", wo es heißt "My country tis of thee, sweet land of liberty..." (Ich singe von dir, meinem Land, dem süßen Land der Freiheit) schuf King einen ganz eigenen Sprachduktus. Im Englischen heißt diese rhetorische Technik "voice merging" (zu Deutsch: Sprachzusammenführung). Da sie auf einer tieferen, seelischen Bedeutungsebene fußt, reicht die Wirkung weit über die konkrete Bedeutung der Worte hinaus.

Die Rede mit den Worten "Ich habe einen Traum" mag zwar Kings bekannteste sein, die rhetorische Strategie hat er jedoch sowohl früher als auch später angewandt. Nach seiner Verhaftung im US-Bundesstaat Alabama wegen zivilen Ungehorsams schrieb er am 16. April 1963 den "Letter from a Birmingham Jail" (Brief aus einem Gefängnis in Birmingham). Dort heißt es "So wie die Propheten im achten vorchristlichen Jahrhundert ihre Dörfer verließen und das Wort Gottes weit über die Grenze ihrer Heimatstadt hinaustrugen, und so wie der Apostel Paul sein Dorf Tarsus verließ und das Evangelium von Jesus Christus in die entfernteste Ecke der griechisch-römischen Welt brachte, bin ich berufen, das heilige Wort der Freiheit über meine Heimatstadt hinaus zu rufen. Ähnlich wie Paul, der auf den Hilferuf aus Mazedonien reagierte, muss ich ständig bereit sein, zu antworten."

Der Leser muss die biblischen Geschichten nicht kennen, um den Sinn zu erfassen. Auch das Briefeschreiben als Kommunikationsform geht Jahrhunderte zurück – etwa in den 13 Episteln des Apostels Paul in der Bibel.

Die Nachwirkung

Unmittelbar nach der Rede am Lincoln Memorial stand der Bürgerrechtsaktivist unter Beobachtung der US-Bundespolizei FBI, die in seiner Rhetorik gesellschaftlichen Sprengstoff witterte. Heute ist Kings Rhetorik Thema von Universitätsseminaren. Einerseits waren es die richtigen Worte für das richtige Publikum zur richtigen Zeit, andererseits ist sie zeitlos.

USA Martin Luther King, Jr.-Denkmal in Washington (Imago/UPI Photo)

Das Martin Luther King-Denkmal in Washington

Am Vorabend des 50. Jahrestages seiner Ermordung wurde in Boston an Martin Luther King, Jr. erinnert: in der Stadt, wo King im Fach Theologie promovierte und seine Ehefrau Coretta Scott King kennenlernte. In der Gedenkstunde wurde die Rede mit den Worten "Ich habe einen Traum" vorgelesen.

Dazu sagte Deval Patrick, der erste schwarze Gouverneur im Bundesstaat Massachusetts und der zweite gewählte schwarze Gouverneur in der US-Geschichte überhaupt: "Die Rede war zu ihrer Zeit prophetisch, so wie viele andere Reden Kings auch. Sie sind zeitlos und poetisch, eine Herausforderung - und für uns ein Ansporn".

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