Iran-Krieg: Warum die Golfstaaten ihre Partner neu prüfen
17. März 2026
Worüber genau die politische Elite der Golfstaaten sich in vielen Telefonaten austauscht, verrät das saudische Außenministerium nicht. Aber dass sie es tun, daran lässt es keinen Zweifel: Auf dem sozialen Netzwerk X listet es die zahlreichen Gespräche auf, die die Staatsführung Saudi-Arabiens, allen voran Kronprinz Mohammed bin Salman, mit politischen Führungsfiguren auf der Golfhalbinsel führt.
Rechnet man Analysen, Berichte und Kommentare der Medien sowie Exprten-Thinktanks weltweit zusammen, dürfte es vor allem um zweierlei gehen: zum einen um den Umgang mit dem Iran, der die Staaten der Golfhalbinsel seit über zwei Wochen attackiert.
Zum anderen um das künftige Verhältnis zu den USA. Aus Sicht vieler Golfstaaten haben diese gemeinsam mit Israel einen Krieg ausgelöst, den sie nicht wollten. "Das ist Netanjahus Krieg", sagte etwa Prinz Turki al-Faisal, der ehemalige saudische Geheimdienstchef, Anfang März dem US-Sender CNN. "Irgendwie hat er den Präsidenten (Trump) davon überzeugt, seine Ansichten zu unterstützen."
Enttäuschung über mangelnden Schutz
Zugleich schaut man am Golf ernüchtert auf die USA. Deren Schutzzusagen haben sich aus Sicht vieler Beobachter als leer oder zumindest als weit weniger verlässlich erwiesen als erhofft: Zahlreiche aus dem Iran abgefeuerte Raketen konnten weder vom eigenen noch vom US-Militär abgefangen werden.
Die Herrscher am Golf mussten die bittere Lektionen lernen, dass US-Militärbasen auf ihrem Staatsgebiet nicht automatisch Schutz bedeuten, sondern sie selbst dadurch möglicherweise erst recht zu Angriffszielen des Iran werden. Zudem sollen die USA Einwände aus der Region vor Beginn des Kriegs beiseite gewischt haben. Washington habe Warnungen vor möglichen verheerenden Folgen ignoriert, zitierte die Nachrichtenagentur AP Anfang März anonym Vertreter zweier Golfstaaten.
Dies sorgt zumindest in Teilen der Region für erhebliche Ernüchterung. Seit Amerikaner den Schutz der Golfstaaten übernommen hätten, seien diese immer weniger handlungsfähig geworden, heißt es beispielsweise in einem arabischsprachigen Kommentar der aus Katar finanzierten Zeitung Al Araby Al-Jadeed (The New Arab): "Derzeit zeigt sich, dass die Stützpunkte nicht dem Schutz der Golfstaaten dienen, sondern vielmehr dazu, sie an der Selbstverteidigung und unabhängigen Entscheidungsfindung zu hindern."
Strategie vorsichtiger Neutralität
Viele Beobachter gehen davon aus, dass der Krieg am Golf eine strategische Debatte ausgelöst hat. Der ebenfalls in Katar residierende Thinktank Middle East Council on Global Affairs spricht von einer Strategie "vorsichtiger Neutralität", die verhindern solle, dass der Golf selbst zum Schauplatz fremder Konflikte wird und die wirtschaftlichen Entwicklungsmodelle der Region gefährdet.
Bruno Schmidt-Feuerheerd, Politikwissenschaftler an der Universität Oxford, drinnert an die ersten Reaktionen auf die Angriffe aus dem Iran: "Die Wahrnehmung bestand zunächst darin, Israel - teilweise auch den USA - die Verantwortung für die Eskalation zuzuschreiben." Zugleich seien aber auch die iranischen Angriffe als Bruch der vorsichtigen Annäherungsversuche der vergangenen Jahre verstanden worden. "Insofern richtet sich die Frustration vor allem gegen externe Akteure." Die Golfstaaten mussten zur Kenntnis nehmen, dass ihre Sicherheit von Dritten abhängt.
Auch Pauline Raabe, Polit-Analystin am Berliner Beratungs-Unternehmen und Think Tank Middle East Minds, beobachtet eine neue Offenheit in der Kritik an Washington. "Die Golfstaaten sind zunächst einmal darin geeint, dass sie schockiert sind", sagt sie. Besonders irritierend sei gewesen, dass Entscheidungen offenbar ohne Abstimmung mit ihnen getroffen wurden. Vor allem Saudi-Arabien habe "Trump und Netanjahu offen kritisiert", während Katar verhaltener reagiert habe.
Debatte um US-Militärbasen
Im Mittelpunkt der Debatte standen von Beginn an vor allem die amerikanischen Militärbasen. Einerseits rechtfertigt Iran seine Angriffe mit deren Präsenz, andererseits trafen die Raketen von Beginn an aber auch zivile Ziele wie "Flughäfen, Hotels und andere zivile Infrastrukturen", erinnert Schmidt-Feuerheerd.
Auffällig sei zudem, dass gerade die Emirate von Beginn an besonders stark betroffen gewesen seien. "Es könnte also nicht nur um US-Basen gehen, sondern auch darum, erfolgreiche Modelle in der Region - etwa Dubai - unter Druck zu setzen."
Der US-Think-Tank Atlantic Council weist darauf hin, dass gerade die wirtschaftliche Stabilität der Emirate besonders verletzlich ist. Dubais Ruf als sicherer Handels- und Tourismusstandort ist ein zentraler Pfeiler der emiratischen Wirtschaft - und damit auch eine mögliche strategische Schwachstelle.
Langfristig könnte der Iran-Krieg in den Golfstaaten zu einer Neubewertung von Sicherheitspartnerschaften mit den USA führen. "Ich würde erwarten, dass es nach dem Krieg eine Bestandsaufnahme geben wird", sagt Experte Schmidt-Feuerheerd. Die Staaten müssten entscheiden, "ob die amerikanischen Militärbasen ein Sicherheitsgewinn oder eher ein Risiko sind". Allerdings sei die militärische Integration mit den USA so tief, dass ein Kurswechsel Jahre dauern würde.
Neue Partnerschaften im Aufbau
Expertin Pauline Raabe sieht ebenfalls einen Wandel - allerdings als Teil eines längerfristigen Trends. "Das jahrzehntelange Arrangement 'Billiges Öl gegen amerikanische Sicherheitsgarantien' wirkt für viele inzwischen wie ein Auslaufmodell", sagt sie. Einen raschen Bruch hält jedoch auch sie für eher unwahrscheinlich: Die Beziehungen seien über Jahrzehnte gewachsen und reichten weit über militärische Kooperation hinaus.
Zugleich verweist sie darauf, dass sich eine graduelle strategische Neuorientierung dennoch bereits abzeichnet. Saudi-Arabien habe seine Beziehungen etwa zu Pakistan und zur Türkei ausgebaut, Katar wiederum zu europäischen Staaten wie Großbritannien oder Frankreich. "Diese Entwicklungen gab es schon vorher", sagt Raabe. "Durch die aktuelle Lage gewinnen sie aber deutlich an Bedeutung."
Schmidt-Feuerheerd beobachtet dies ebenfalls: "In den letzten Jahren haben Beobachter von einer Hedging-Strategie gesprochen", sagt er. Dabei gehe es darum, Beziehungen zu mehreren Partnern aufzubauen - etwa zu China, der Türkei oder europäischen Staaten.
Doch sei nie "ausbuchstabiert" worden, wie dieses aus der Wirtschaft stammende Konzept auch sicherheitspolitisch funktionieren soll. Es sei zweifelhaft, dass Sicherheit am Golf sich ebenso einfach diversifizieren lasse wie Investitionen oder man sich gegen einen Ausfall der USA "absichern” könnte. Genau diese Schwäche habe sich auch im aktuellen Konflikt gezeigt, da „keiner dieser Partner bisher eine echte militärische Alternative darstellt”.
Neuer Schwung für eine alte Debatte
Zugleich sprechen die Golfstaaten weiterhin nicht immer mit einer Stimme. "Es ist keineswegs selbstverständlich, dass sie als geschlossener Akteur auftreten", sagt Schmidt-Feuerheerd. Zwischen Saudi-Arabien, den Emiraten und Katar gebe es politische Rivalitäten und wirtschaftliche Konkurrenz.
Dennoch bleibe ein gemeinsames Ziel bestehen, ergänzt Analystin Pauline Raabe: "Regionale Stabilität ist für die Golfstaaten entscheidend." Ihre wirtschaftlichen Transformationsprojekte - von Saudi-Arabiens "Vision 2030" bis zu den globalen Ambitionen Dubais und Dohas - seien auf ein friedliches Umfeld angewiesen. Und damit auch auf eine erfolgreiche Abwehr militärischer Angriffe.