Indigene Völker fordern Gehör bei der Klimakonferenz
15. November 2025
Das Motto der diesjährigen UN-Klimakonferenz ist "mutirao", - ein portugiesisches Wort indigenen Ursprungs, übersetzt: "kollektive Anstrengung". Der Slogan ist Programm: Die Stadt Belem im Amazonasgebiet wurde für die Klimaverhandlungen gewählt, um die Rolle der 1,7 Millionen indigenen Völker der Region als Bewahrer des größten Regenwaldes der Welt zu unterstreichen.
Diese Gesten sind ein Novum bei den Klimagesprächen. Lange Zeit fühlten sich indigene Gemeinschaften, die einen Großteil der weltweiten Artenvielfalt schützen, hier ungehört. Doch noch muss sich zeigen, ob diese Symbolik auch zu echten Maßnahmen führt.
Was fordern die indigenen Völker auf der Klimakonferenz?
Die mehr als 5000 verschiedenen Gruppen indigener Völker der Erde, die in 90 Ländern leben, machen nur sechs Prozent der Weltbevölkerung aus. Doch sie sind als Hüter ihres Landes für den Schutz der Natur und des Klimas unerlässlich.
Eine ihrer Hauptforderungen ist ein größeres Mitspracherecht bei der Bewirtschaftung ihres Landes. Denn viele indigene Gebiete werden durch Öl- und Gasbohrungen, Bergbau und Abholzung in Mitleidenschaft gezogen.
"Wir wollen erreichen, dass indigene Gebiete nicht mehr geopfert werden", erklärt Lucia Ixchiu, eine indigene K'iche aus Guatemala. Gemeinsam mit einer Gruppe indigener Aktivisten war sie wochenlang per Schiff ins Amazonasgebiet unterwegs, um den führenden Politikerinnen und Politikern der Welt diese Botschaft zu überbringen.
Für viele indigene Gemeinschaften sind Landrechte ein ständiges Thema. Zwar wurden zwischen 2015 und 2020 schätzungsweise 100 Millionen Hektar für indigene, afroamerikanische und andere lokale Gemeinschaften rechtlich anerkannt, doch Ansprüche auf weitere 1,4 Milliarden Hektar sind noch nicht geklärt.
"Wir hoffen, dass die COP30 das internationale Engagement für die Ausweisung und den Schutz indigener Gebiete stärken wird, sagt Alcebias Sapara, führendes Mitglied im Zusammenschluss indigener Organisationen im brasilianischen Amazonasgebiet. "Indigene Gebiete sollten als grundlegend für die Erhaltung und das Klimagleichgewicht anerkannt werden."
Laut Sapara braucht es zudem direkte Finanzierungsmechanismen für Initiativen, die von Indigenen geleitet werden. Nur so könnten diese ihre Gebiete autonom und nachhaltig verwalten. Auch die Einbeziehung traditionellen Wissens in die Klimapolitik gehört zu den Forderungen indigener Gruppen.
Christine Halvorson ist Programmdirektorin bei der Rainforest Foundation US, einer Partnerorganisation für die Rechte indigener Völker. Sie betont, dass betroffene Gemeinschaften stärker beteiligt werden müssten. So sollten Projekte im Zusammenhang mit der Energiewende, die sich auf das Land und die Lebensgrundlagen indigener Völker auswirken könnten, nur mit deren vorheriger Zustimmung durchgeführt werden.
Zudem müssten Indigene dabei auch einen besseren Schutz erfahren, so Halvorson. Denn viele von ihnen würden bedroht und erführen Gewalt, weil sie ihr Land verteidigten. Im Jahr 2024 waren weltweit rund ein Drittel der verschwundenen oder getöteten Umweltschützer indigene Menschen.
Wie Ureinwohner zum Schutz des Klimas beitragen
"Ohne indigene Völker[... ]gibt es keine Zukunft für die Menschheit", so Sonia Guajajara, Brasiliens Ministerin für indigene Völker, vor Reportern. Indigen Gruppen sorgten für sauberes Wasser, pestizidfreie Lebensmittel, intakte Wälder und sie schützten die Artenvielfalt in ihren Gebieten.
Indigene Gemeinschaften gelten als die besten Waldhüter der Welt. Sie bewirtschaften etwa ein Viertel der weltweiten Landfläche und etwa die Hälfte der noch intakten Wälder.
Die Wälder der Welt sind nicht nur reich an biologischer Vielfalt, sondern auch lebenswichtige Kohlenstoffsenken, die schätzungsweise 861 Gigatonnen Kohlenstoff speichern - das entspricht etwa der Emissionsmenge, die das Verbrennen fossiler Energieträger wie Kohle oder Erdgas in einem Zeitraum von 100 Jahren freisetzt.
Intakte Wälder haben in der Vergangenheit etwa ein Fünftel der weltweiten Emissionen aufgenommen. Doch jetzt sind sie zunehmend durch menschliche Aktivitäten und den Klimawandel bedroht. Vergangenes Jahr führten heftige Waldbrände dazu, dass der Verlust von Tropenwäldern um 80 Prozent zunahm.
"Die Beweise sind eindeutig: Wo die territorialen Rechte indigener Völker respektiert werden, geht die Entwaldung zurück; wo sie verweigert werden, schreitet die Zerstörung voran", so Guajajara in einer schriftlichen Erklärung vor Beginn der Klimakonferenz.
Wenn indigene Völker zusätzliche Landrechte im brasilianischen Amazonasgebiet bekämen, könnte das laut einer Studie aus dem Jahr 2023 die Entwaldung um 66 Prozent verringern. Eine andere Studie schätzt, dass die Emissionen im Amazonasgebiet ohne geschütztes Land der Indigenen um 45 Prozent höher wären.
Ihre Anwesenheit verhindert nicht nur die Zerstörung der Wälder, sondern hält auch die Ökosysteme gesund. Viele indigene Völker nutzen traditionelles Wissen, um ihr Land nachhaltig zu bewirtschaften. Das geht etwa durch Fruchtwechsel zur Wiederherstellung des Bodens, durch Wassereinsparung und durch kontrollierte Brände zur Förderung der Artenvielfalt und zur Eindämmung von Waldbränden.
Es wird also immer deutlicher, dass die Gewährung von Landrechten für indigene Völker eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung des Klimawandels spielt.
Wird die COP30 zu einem Meilenstein für Klimagerechtigkeit?
Schon vor der offiziellen Eröffnung der Weltklimakonferenz hatten sich zahlreiche Länder verpflichtet, Landrechte anzuerkennen, auf denen indigene, afro-indigene und andere Gemeinschaften leben. Bis 2030 sollen so 80 Millionen Hektar als "indigenes Land" anerkannt sein.
Der Schritt wurde von einigen führenden Vertretern indigener Völker vorsichtig begrüßt. Sie warnten jedoch, dass die Umsetzung von Landrechten in der Praxis schwierig sein kann.
Zudem sollen 20 Prozent der Gelder aus dem 125 Milliarden Dollar schweren globalen Naturschutzfond zum Schutz Tropischer Wälder (TFFF) an indigene Gemeinschaften vergeben werden. Der Fond soll dem Waldschutz stärken, indem er Geld an die Länder auszahlt, die ihre Wälder besonders gut schützen.
Dies sei zwar ein bedeutender Schritt nach vorn. Doch um wirklich effektiv zu sein, müssten auch indigene Völker einen direkten und gleichberechtigten Zugang zu den Geldern des TFFFs erhalten, meint Christine Halvorson.
Wenn die in Belém gemachten Zusagen zur Landabgrenzung, zur direkten Finanzierung und zur weltweiten Anerkennung territorialer Rechte eingehalten würden, so Halvorson, "könnte die COP30 zu einem Meilenstein für Klimagerechtigkeit werden".
Guajajara sagte gegenüber der DW, dass diesmal indigene Völker stärker beteiligt seien als bei früheren Klimakonferenzen und sie in Verhandlungsräumen und bei Entscheidungsprozessen präsenter seien.
Dennoch "garantiert die Zugangsberechtigung zum Veranstaltungsort nicht, dass die Stimmen und Ansichten der indigenen Delegierten aus Brasilien auch gehört werden“, so die Organisation Indigenous Climate Action.
Die COP30 hat zwar Fortschritte bei der Sichtbarkeit der Anliegen indigener Völker gezeigt, doch "im Vergleich zu unseren Erwartungen ist das noch nicht genug", so Sapara. Sie betonte die Notwendigkeit der politischen Anerkennung ihrer Forderungen sowie konkreter Verpflichtungen.
Indigene Demonstranten unterbrachen diese Woche zweimal die Klimaverhandlungen in Belém. Die Anführer der indigenen Gruppe der Munduruku, die am Freitag eine Demonstration anführten, stellten eine Reihe von Forderungen an Brasilien. Dazu gehört die Ablehnung von Emissionszertifikaten für Abholzung, die in die Kritik geraten sind, weil sie die versprochenen Emissionsreduktionen nicht einhalten.
Dass diese Forderungen bei der aktuellen Konferenz Belém ein größeres Thema sind als auf den Verhandlungen der vorherigen Jahre, stimmt Hayley Walker zumindest hoffnungsvoll. Walker ist außerordentliche Professorin für internationale Verhandlungen an der IESEG School of Management in Frankreich.
"Wenn er sich durchsetzt, könnte der Aufruf zum "Mutirao" ein wichtiges Geschenk der brasilianischen indigenen Völker an den Rest der Welt sein, das uns bei der Bewältigung des Klimawandels erheblich weiterbringen kann", meint die Professorin.