Brasilien: Was die COP30 für die Einwohner Beléms bedeutet
11. November 2025
"Die denken, dass wir dumm sind, nur weil wir in einem Armenviertel wohnen!" Der Musiker und Aktivist Pawer Martins ist wütend. Er lebt in der Vila da Barca, einem sozial benachteiligtem Viertel am Ufer der Flussmündung Baía do Guajará, südlich des Zentrums der nordbrasilianischen Metropole Belém. Wenige Meter vor seinem Haus wird gebaut. Nicht nur der Lärm und der Geruch stören ihn.
Bald wird hier eine Pumpstation stehen, die das Abwasser aus den umliegenden Reichenvierteln in die Vila da Barca pumpt, und von dort in die erste großflächige Kläranlage Beléms. Das Abwasser aus der Vila da Barca, wo Pawer wohnt, fließt weiterhin direkt in den Fluss. "Wir haben davon nichts", sagt Pawer ernüchtert.
Abwasser für die Armen, Parks für die Reichen
"COP30" steht auf den Plakatwänden, die die Baustelle abschirmen. Die Pumpstation und die große Kläranlage sind Teil der millionenschweren Investitionen, die für die Klimakonferenz getätigt wurden. Die Kläranlage wurde erst im Oktober eingeweiht.
Belém, eine Stadt mit über 1,3 Millionen Einwohnern, hatte bis dahin praktisch kein Abwassersystem. Weniger als vier Prozent des Abwassers wird behandelt, nur 20 Prozent der Menschen hier sind an ein Abwassernetz angeschlossen. Die Daten stammen von der Organisation Trata Brasil, die die Wasser - und Abwasserversorgung systematisch erfasst.
"Dass Belém jetzt eine Kanalisation bekommt, ist eine große Errungenschaft für unsere Stadt", sagt Pawer. "Allerdings werden wir jetzt die Scheiße aus der Doca bekommen."
Der Kanal Nova Doca, heute eine von Palmen gesäumte, gerade verlaufende Flaniermeile, die durch die wohlhabenden Viertel Reduto und Umarizal führt, war bis vor kurzem noch ein stinkender Abwasserkanal. Im Oktober wurde der sanierte Kanal und der neu angelegte Park von Präsident Lula höchstpersönlich eingeweiht.
Wenn man sich in Belém umhört, hört man viele positiv gesinnte Stimmen über die COP-Investitionen: "Belém hat Make-Up bekommen!", erzählt ein Uber-Fahrer.
"Die Leute haben Belém entdeckt, und auch die Verkäufe sind gestiegen", sagt die Saftverkäuferin Nazaré Barros. "Die COP hat uns so viele Vorteile gebracht - das ist ein Fortschritt von mindestens zehn Jahren." Viele hier freuen sich, dass die Welt jetzt die reiche Kultur aus dem Bundesstaat Pará kennenlernt, die afro-indigene Küche, die vielen Amazonasfrüchte, den Carimbó-Tanz.
Kein fließend Wasser
Doch in der Vila da Barca fühlen sich einige übersehen. Viele hier hatten bis vor kurzem nicht mal fließend Wasser. Suely Constante wohnt in dem ältesten Teil der Vila da Barca direkt am Wasser, wo die Häuser auf Stelzen über dem Flussarm gebaut sind.
"Wenn ich von früher spreche, muss ich weinen, weil ich daran denke, wie meine Mutter Wasserfässer getragen hat", sagt sie. "Früher" heißt in diesem Fall: vor wenigen Wochen. Wasser gibt es hier erst, seit die Bewohner gegen die Kläranlage protestiert haben und die Medien im Zuge der COP auf die Situation der Vila da Barca aufmerksam geworden sind.
Vorher hatten hier nur vereinzelte Häuser fließend Wasser. Und das Wasser, was aus dem Hahn floss, war gelb. Nach vielen Medienberichten sah Bürgermeister Helder Barbalho sich zum Handeln gezwungen. Im August kam er höchstpersönlich vorbei, um den Bewohnerinnen und innerhalb von 45 Tagen Wasser zu versprechen, und bis April 2026 den Anschluss an das Abwassersystem. Dafür ließ er sich medienwirksam für ein Reel auf Instagram ablichten, mit Bauhelm und Belém-Shirt.
Hausfrau und Pflegerin Suely Constante zeigt jetzt stolz, mit wie viel Druck das Wasser aus dem Hahn auf ihrer Terrasse strömt. Sie ist darüber glücklich, aber dennoch pessimistisch, was die COP angeht. "Die COP ist bisher vor allem gut für den Staat. Nicht für uns hier in der Community."
Klimawandel jeden Tag spürbar
Pawer Martins glaubt trotzdem, dass die COP gut für Belém ist. Denn: Die Welt soll sehen, wie heiß es hier ist. Bis 2050 soll Belém die zweitheißeste Stadt der Welt sein, davon geht eine Studie der Universität in Belém (UFPA) aus. Es ist jetzt schon so heiß, dass man viele mit Regenschirmen auf den asphaltierten Straßen sieht - als Schutz vor der Sonne, aber auch dem Regen.
Es regne nicht mehr wie früher jeden Tag immer zur selben Uhrzeit, erzählt ein Uber-Fahrer, sondern mal apokalyptisch viel, mal viel zu wenig. "Es ist nicht auszuhalten", sagt Pawer. "Und wenn man arm ist, hat man kein Recht auf eine Klimaanlage."
Dass Belém viel mit Klimawandel zu tun hat, war sicher auch ein Grund, warum Lula darauf bestand, die Welt hier zu versammeln - trotz aller Kontroversen. Wälder wurden abgeholzt, um Straßen zu bauen. Unterkunftspreise explodierten. Delegationen mussten in Kreuzfahrtschiffen und Sex-Motels untergebracht werden, weil eine hohe Zahl an Betten fehlte.
Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, weil Vermieter sie lukrativ vermieten wollten. Wohnungslose Menschen wurden aus dem Stadtbild "entfernt". Das brasilianische Umweltinstitut gab - mit Lulas ausdrücklichem Segen - grünes Licht für Ölbohrungen im Amazonasbecken, wenige Tage vor der Konferenz. Man könnte sagen, es ist eine COP der Widersprüche.
COP der Wahrheit?
Doch für Lula ist es die "COP der Wahrheit", so nannte der brasilianische Präsident sie in seiner Eröffnungsrede auf dem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs. Es soll ums Anpacken gehen, nicht nur ums Reden. Und trotz aller Widersprüche sind die Erwartungen an Brasilien hoch, denn vorherige COPs fanden in autokratischen Ölstaaten statt, ohne Indigene, traditionelle Gemeinschaften und Aktivistinnen.
Es ist das erste Mal, dass eine Klimakonferenz im Herzen der Klimakrise stattfindet. Die Anwesenden haben die Chance, den Regenwald, über den sie sonst in Paris, Dubai oder Bonn diskutieren, mit eigenen Augen zu sehen, und mit den Menschen, die ihn beschützen, zu sprechen.
Auch Pawer Martins und Anwohner der Vila da Barca werden dabei sein. Mental sind sie schon vorbereitet: "Wir sind bereit, zu diskutieren, auch mit den großen Unternehmern, um klarzumachen, dass der Klimawandel jetzt ist. Wir müssen jetzt etwas tun - sonst wird es nur noch schlimmer."
Die Reportage entstand auf einer Pressereise mit dem katholischen Hilfswerk Misereor.