Kultur für Geimpfte: Freude und Kritik an Israels ″Grünem Pass″ | Kultur | DW | 01.03.2021
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Corona-Lockerungen

Kultur für Geimpfte: Freude und Kritik an Israels "Grünem Pass"

Konzerte, Theater, Kinos: In Israel finden wieder Kulturveranstaltungen statt - zumindest für Geimpfte. Die Reaktionen auf die Öffnung sind gemischt.

Blick in den Theatersaal, in dem Besucher mit Gesichtsmasken und Abstand sitzen und auf die Bühne schauen

Maske und Abstand gehören weiterhin dazu: Besucher im wiedereröffneten Khan Theater in Jerusalem

Als der israelische Popstar Aviv Geffen die Bühne betritt, ist er sichtlich gerührt. "Was hier heute Nacht passiert, ist ein Wunder", ruft er seinen Fans zu. Ein Jahr lang ist der Sänger nicht mehr aufgetreten - seit Beginn der Coronapandemie. Nun stehen ihm 300 Menschen gegenüber, reale Menschen, "nicht via Zoom", wie er sagt, "sondern im Zappa", so heißt der Konzertsaal im Norden Tel Avivs. Er könne es noch gar nicht glauben, so glücklich sei er.

Alle, die an diesem Abend Aviv Geffen feiern, sind zweifach geimpft. Am Eingang mussten sie ihren sogenannten "Grünen Pass" vorzeigen, eine digitale Impfbescheinigung. Seit knapp einer Woche dürfen Kulturveranstaltungen in Israel unter bestimmten Auflagen wieder stattfinden.

"Wer sich nicht impfen lässt, wird zurückgelassen"

Theater- und Konzertsäle dürfen Tickets für bis zu 300 Gäste drinnen und für bis zu 500 Personen bei Open Air-Veranstaltungen verkaufen - vorausgesetzt diese haben einen Grünen Pass. Masken sind Pflicht. Und es soll auf Abstände geachtet werden. Die Säle dürfen maximal zu 75 Prozent ausgelastet sein.

Ein Mann mit Gesichtsmaske zeigt einer Mitarbeiterin des Theaters den Grünen Pass auf seinem Handy

Neue Normalität? Ein Besucher des Khan Theaters weist beim Einlass mit dem "Grünen Pass" nach, dass er geimpft ist

Der Popmusiker Geffen war einer der ersten, der ein Konzert gab. Das Khan Theater in Jerusalem feierte enthusiastisch die Premiere einer Komödie. Manche aus dem Publikum reisten von weit her an, nur um endlich wieder in einem Theater zu sitzen. Es gehe darum, das Leben wieder zu genießen, so ein älterer Herr, der sich drei Stunden ins Auto gesetzt hatte, um ins Khan Theater gehen zu können.

Auch Israels Premierminister Benjamin Netanjahu war gekommen. Seine Botschaft war klar: Das Leben in Israel kehrt langsam wieder zum Normalzustand zurück - dank seiner Impfkampagne. Rund die Hälfte der israelischen Bevölkerung hat inzwischen mindestens die erste Impfdosis des Biontech/Pfizer Impfstoffs bekommen. Doch inzwischen stockt der anfängliche Andrang. Obwohl sich alle Menschen über 16 Jahre impfen lassen könnten, bleiben gerade viele junge Leute den Impfzentren fern. Die Infektionszahlen pro Kopf gehören in Israel weiterhin zu den höchsten der Welt.

Auf dem Bürgersteig vor einem Café sitzen Gäste mit Essen und Trinken auf Obstkisten

Cafés sind weiterhin geschlossen, doch viele Betreiber legen die "Take Away"-Regeln kreativ aus und stellen Bierkisten oder andere Hocker für die Gäste auf

Der Grüne Pass soll in dieser Situation für positive Meldungen sorgen und die ersehnte Öffnung bringen. Gesundheitsminister Yuli Edelstein fomulierte es so: "Wer sich nicht impfen lässt, wird zurückgelassen."

Der Grüne Pass spaltet die Gesellschaft

"Der Druck, sich impfen zu lassen, ist enorm", sagt Itamar Ben Yakir. Der Trompeter der israelischen Indie-Band El-Khat ist ein Impfgegner. Er hat sich nicht impfen lassen und dies auch in der Zukunft nicht vor. Er kenne so viele junge Leute, die COVID-19 hatten und bei denen es nicht so schlimm gewesen sei, meint er. Für ihn persönlich sei die Krankheit keine Gefahr. Er respektiere, wenn man das anders sehe, sagt er.

Foto des Trompeters Itamar Ben Yakir in Jaffa

Durfte seit Monaten nicht auftreten, ist trotzdem Impfgegner: der Trompeter Itamar Ben Yakir

Der Grüne Pass aber spalte die Gesellschaft, spalte Freunde, Familien und Bandmitglieder. Einige Bands hätten ihm gesagt, er könne erst wieder mit ihnen spielen, wenn er geimpft sei. Das sei kein schönes Gefühl. Schließlich habe er während des Lockdowns eine Art Depression gehabt: Von sechs Gigs, die er vorher in der Woche gespielt hatte, blieb kein einziges Konzert übrig.

An diesem Sonntagnachmittag aber spielt Ben Yakir gemeinsam mit den anderen Bandmitgliedern von El-Khat in einem Restaurant in Jaffa. Nicht vor Publikum, sondern für einen Videoclip, der für das Festival "Tune in Tel Aviv" gedreht wird. Das findet trotz der neuen Regeln digital statt, denn es soll israelische Künstler weltweit promoten. Eigentlich ist es eine Kooperation mit Liverpool - doch britische Künstler können nicht einreisen, und die Israelis kommen nicht raus. Der Flughafen von Tel Aviv, der einzige des Landes, ist seit über einem Monat geschlossen.

Doron Gabbay, der Manager des Festivals, hofft, dass sich das irgendwann in den nächsten Wochen ändern wird. "Ich bekomme jetzt permanent Anfragen von internationalen Bands, die in Israel auftreten wollen. Weil hier möglich ist, was in den meisten anderen Ländern noch nicht geht."

Licht am Ende des Tunnels

Foto des Festival-Organisators Doron Gabbay

Bekommt jetzt permanent Anfragen von internationalen Bands: Musikmanager Doron Gabbay

Er könne es kaum erwarten, sagt er, endlich wieder zur "richtigen Arbeit" zurückzukehren. "Man muss einen Künstler in echt erleben, das ist der Moment, in dem die Magie passiert." Er selbst habe sich impfen lassen und hoffe, dass so viele Menschen wie möglich dies auch tun, so Doron Gabbay. Schließlich habe man eine soziale Verantwortung. "Dieses Jahr war hart für uns alle. Und wenn wir jetzt endlich wieder Licht am Ende des Tunnels sehen können, dann heiße ich das mit offenen Armen willkommen." Auf der anderen Seite verstehe er als gelernter Jurist durchaus, dass die Einteilung in Geimpfte und Nicht-Geimpfte unter ethischen Gesichtspunkten problematisch sei.

Die Künstler und Manager, die sich an diesem Nachmittag in Jaffa treffen, haben unterschiedliche Ansichten zum "Grünen Pass". Doch sie zeigen sich tolerant gegenüber allen Ansichten. Die Atmosphäre ist entspannt, aber eher gedämpft. Von der Euphorie des Aviv Geffen-Konzerts ist wenig zu spüren.

Foto der Musikmanagerin Bar Zavada in Jaffa

Die Musikmanagerin Bar Zavada versteht die Skepsis der Kulturszene

Bar Zavada erklärt, woran das liegt. Sie ist Managerin einer ganzen Reihe von israelischen Indie-Bands und des israelischen Kult-Sängers Rami Fortis. Der soll Ende März eigentlich im legendären Barbie Club in Tel Aviv spielen. Doch Zavada ist skeptisch. "Für viele kleinere Clubs lohnt sich eine Auslastung von 75 Prozent einfach nicht, zumal sie keine Getränke verkaufen dürfen." Außerdem sei von Normalität noch lange keine Rede. Vor wenigen Tagen erst wurde das jüdische Karnevalsfest Purim gefeiert und die Regierung verhängte eine abendliche Ausgangssperre. Sie gehe davon aus, dass dies zu den Pessach-Ferien wieder passiere und das Konzert wieder gecancelt werden müsse - wenn es der Betreiber des Barbie Clubs nicht ohnehin vorher absagt.

Shitstorms gegen Auftritte mit "Grünem Pass"

Und dann sei da noch der Druck auf Social Media, erzählt Bar Zavada. Jede Band, die Konzerte angekündigt habe, habe erst mal einen Shitstorm geerntet. "Man muss wissen", sagt sie, "dass viele dieser Bands den Ruf von Protestbands gegen Netanjahu haben. Jetzt müssen sie sich anhören, sie seien Verräter und würden die Regierung unterstützen, weil sie bei den Konzerten mit Grünem Pass mitmachen." Dabei stimme das nicht. "Sie sind noch immer gegen die Regierung, aber sie wollen andere nicht der Gefahr einer Infektion aussetzen", so die Musikmanagerin.

Benjamin Netanjahu und die Schauspielerin Carmit Mesilati Kaplan in den Innenräumen des Khan Theaters

Premierminister Benjamin Netanjahu besichtigte das Khan Theater in Jerusalem vor der Wiedereröffnung. Künstler werfen ihm vor, die Impfung zu politisieren

"Die Regierung stellt uns an die Frontlinie. Weil sie die Leute nicht zwingen können, sich impfen zu lassen, lösen sie das über die Künstler." Nach dem Motto: Ihr wollt eurer Leben zurück? Lasst euch impfen!

Sie würde sich wünschen, dass neben den Impfnachweisen auch Schnelltests vor Konzerten möglich wären, sagt Bar Zavada. Das würde den Vorwurf einer Zweiklassengesellschaft entkräften und die Konzerte trotzdem infektionssicher machen. Aber sie glaubt nicht, dass die Regierung ein Interesse daran hat. Schließlich gebe es nach wie vor genug Impfstoff im Land. Und so stehen viele Künstler weiterhin vor dem Dilemma zwischen der Freude über die Öffnungen und der moralischen Anklage ihrer Fans.

Einfacher haben es da die bildenden Künstler. Museen und Galerien dürfen Zeittickets verkaufen, die genügend Abstand zwischen den Besuchern garantieren sollen - egal, ob diese geimpft sind oder nicht.

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