Hitler im Blick? ″Das Testament des Dr. Mabuse″ | Filme | DW | 01.07.2019
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Filmgeschichte

Hitler im Blick? "Das Testament des Dr. Mabuse"

Fritz Langs Klassiker (1933) wurde von den Nazis verboten. Der Regisseur nahm für sich später in Anspruch, er habe schon damals Hitlers Terrorregime vorausgesehen. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht.

Auf den ersten Blick sprechen die Ereignisse für sich. Der schon damals sehr berühmte deutsche Filmregisseur Fritz Lang ("Metropolis", "Nibelungen", "M - eine Stadt sucht einen Mörder") dreht 1932 einen Film über einen wahnsinnigen Verbrecher, der die Weltherrschaft anstrebt, die Menschen ausbeutet und terrorisiert. Er nennt seinen Film "Das Testament des Dr. Mabuse" und knüpft damit an seinen zweiteiligen Spielfilm "Dr. Mabuse, der Spieler" an, der 1922 in die Kinos kam.

Die Nazis verboten "Dr. Mabuse" vor der Uraufführung

Der Film wird in den Wochen während der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland fertig und von diesen sofort, noch vor der geplanten Uraufführung, verboten. Obwohl Propagandaminister Joseph Goebbels ein Bewunderer von Fritz Langs früheren Filmen ist, fällt sein Verdikt unmissverständlich aus: "Film Dr. Mabuse von Fritz Lang gesehen. Praktische Anleitung zum Verbrechen. Wird verboten."

Filmszene aus Das Testament Des Dr. Mabuse mit verschiedenen Männren in einem dunklen Büro (picture-alliance/dpa/akg-images)

Hier trifft sich das Verbrechen im Film: Für die Nazis war "Das Testament des Dr. Mabuse" nicht akzeptabel

Da zuvor mehrere Kopien über die Landesgrenzen gelangt waren, feiert "Das Testament des Dr. Mabuse" zunächst Premiere in Budapest, dann ist er in Frankreich sowie in anderen europäischen Ländern zu sehen. In den USA kommt der Film erst zehn Jahre später zur Aufführung, Lang arbeitet inzwischen in Hollywood. Die Deutschen müssen noch länger warten. Erst sechs Jahre nach Kriegsende sehen sie den Film ihres berühmtesten Regisseurs im eigenen Land, freilich in einer etwas gekürzten Version und mit einer neuen Tonspur versehen, die "Dr. Mabuse" etwas "gefälliger" erscheinen lässt.

"Das Testament des Dr. Mabuse" war lange nicht in der Urspungsfassung zu sehen

Wie so viele bekannte und weniger bekannte Filme der Kinogeschichte aus der Frühzeit des Mediums hat auch "Das Testament des Dr. Mabuse" eine aufregende Rekonstruktionsphase hinter sich. Die deutsche Fassung von 1951 wurde erst in den 1990er Jahren wieder durch fehlendes Material ergänzt, dazu wurden Kopien aus dem In- und Ausland verglichen. Die Zuschauer der großen Fritz-Lang-Retrospektive der Berliner Filmfestspiele 2001 waren die ersten, die diese restaurierte Fassung sahen.

Filmszene aus Das Testament Des Dr. Mabuse von Fritz Lang mit aufgebahrten Leicham von Dr. Mabuse (picture-alliance/dpa/KPA Honorar und Belege)

Auch vom aufgebahrten Leichnam von Dr. Mabuse (Rudolf Klein-Rogge) geht noch Gefahr aus

Wiederum Jahre später, 2014, wurde der Film mit Hilfe digitaler Möglichkeiten noch einmal neu bearbeitet und behutsam restauriert, so dass er nun in etwa dem ursprünglich von Fritz Lang erdachten Film nahe kommt. Diese Fassung liegt seit kurzem auf DVD und Blu-ray vor, ausgestattet mit viel Hintergrund-Material und Texten aus der Zeit der Entstehung: Eine vorbildliche Edition, die es dem heutigen Kinozuschauer erlaubt, eines der großen Meisterwerke der deutschen Filmgeschichte neu zu betrachten. Der Film hat die Jahrzehnte gut überstanden und wirkt heute aktueller als andere berühmte Werke des Regisseurs.

Fritz Lang griff die Figur aus seinen Stummfilmklassikern auf

"Das Testament des Dr. Mabuse" zeigt den aus den Stummfilmen (Dr. Mabuse, der Spieler) von 1922 bekannten inzwischen von Wahnvorstellungen getriebenen Verbrecher Dr. Mabuse in einer psychiatrischen Anstalt, wo er scheinbar geistig verwirrt und mit wirrem Haar auf seinem Anstaltsbett sitzt und ununterbrochen Buchstabenketten und geheimnisvolle Zeichen zu Papier bringt.

Filmszene aus Testament des Dr. Mabuse von Fritz Lang mit Kriminalkommissar Lohmann (Otto Wernicke) (picture-alliance/dpa/United Archives/IFTN)

Kriminalkommissar Lohmann (Otto Wernicke) ist Mabuse auf der Spur

Eine zweite Handlungsebene führt Kriminalkommissar Lohmann ein, der auf der Spur geheimnisvoller Verbrechen ist - und dazu gehören nicht nur Alltagskriminalität wie Mord, Diebstahl und Raub. Lohmann kommen Pläne zu Ohren, die verheerende Angriffe auf chemische Werke beschreiben und die offenbar den Tod von vielen Tausend Menschen zur Folge haben würden. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Besteht ein Zusammenhang zwischen Mabuse und den Verbrecherbanden, dirigiert er sie womöglich aus der Anstalt heraus? 

Die Figur Mabuses wurde als Hitler-Stellvertreter interpretiert

"Das Testament des Dr. Mabuse" ist, nachdem der Film in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu sehen war, vielfach diskutiert und interpretiert worden. Manche sahen in ihm den Versuch Fritz Langs, das, was im Deutschland des Nationalsozialismus folgen sollte, filmisch vorwegzunehmen: Die Figur des Dr. Mabuse wurde als Verkörperung des Herrschers ohne Gewissen gedeutet, als die des skrupellosen Verbrechers und Politikers.

Filmszene aus Das Testament Des Dr. Mabuse von Fritz Lang mit Anstaltinsasse und Kommissar (picture-alliance/dpa/Everett Collection)

Bilder des Wahnsinns - die Szenen aus der psychiatrischen Anstalt erschrecken noch heute

Fritz Lang selbst befeuerte diese Deutung im amerikanischen Exil. Der Regisseur hatte inzwischen den Anti-Nazi-Film "Man Hunt" gedreht, in dem es um ein Attentat auf Hitler geht, und gemeinsam mit Bertold Brecht das Attentat auf Reinhard Heydrich in "Hangman also Die!" filmisch verarbeitet.

"Dieser Film sollte - wie in einem Gleichnis - Hitlers Terrormethoden aufzeigen. Die Parolen und Glaubensartikel des Dritten Reiches wurden hier Verbrechern in den Mund gelegt", schrieb Lang anlässlich der US-Premiere von "Das Testament des Dr. Mabuse".

Der Regisseur beschrieb die dunklen Seiten der menschlichen Psyche

Damit habe er, so Fritz Lang, gehofft, den "Lehren, hinter denen sich der Wille zur Zerstörung alles dessen verbarg, was einem Volk wert und teuer ist, die Maske abzureißen…Als aber dann alles zusammenbrach, suchte man in letzter Verzweiflung seine Rettung in der 'Neuen Ordnung' zu finden."

Sicher ist, dass der Regisseur mit Filmen wie "Dr. Mabuse" seine Beschäftigung mit den dunklen Seiten der menschlichen Psyche zu Beginn der 1930er Jahren vorantrieb und wohl auch manche zeithistorischen Abläufe erspürte und in seinen Filmen verarbeitete. Doch liegt es nahe, dass Lang die Verbindung von "Mabuse" zu Hitler in Nachhinein enger knüpfte, als sie zur Entstehungszeit war.

Filmszene aus Das Testament des Dr. Mabuse von Fritz Lang mit zwei Männern am Schreibtisch (picture-alliance/dpa/akg-images)

Testamentübergabe: Am Ende geht die Macht des Verbrechens von Mabuse (r.) auf den Direktor der Anstalt über

Der Filmkritiker Norbert Grob, einer des besten Kenner des Werks des Regisseurs, der vor einigen Jahren ein umfassende Fritz-Lang-Biografie vorlegte, schrieb bereits 1981 in "Die Zeit": "Im Nachhinein, 1943, in einem anderen Land, wo er dann andere Filme machte, behauptete Lang, das 'Testament' sei als 'Allegorie' gedacht, um Hitlers Terrormaßnahmen zu zeigen. (…) Gelegentlich aber, was schön ist, sprechen die Filme eine andere Sprache als die Absichten und Erklärungen ihrer Autoren."

Im Film gehe es, so Grob, vielmehr "um die Faszination, die vom absoluten Willen zur Macht ausgeht, um die Faszination dessen, der erklärt, der Staat sei er, also lehne er jegliche Anerkennung staatlicher Gewalt ab - und um die Schwierigkeiten dagegen anzugehen."

Genau das macht den Film auch heute noch sehenswert. Nicht nur, weil er formal brillant ist, sondern vor allem, weil er allgemeingültige menschliche Machtstrukturen aufzeigt, die auch im Jahre 2019 überall sichtbar sind: ganz konkret und real in vielen gesellschaftlichen und politischen Ländern der Erde. Darüber hinaus wird Langs enormer Einfluss auf das heutige Filmschaffen sichtbar. Ob erfolgreiche Serien wie "Babylon Berlin" oder Blockbuster-Kino-Serien wie "James Bond" und "Mission Impossible" - deren Macher dürften alle bei Fritz Lang in die Lehre gegangen sein.

Fritz Langs Film "Das Testament des Dr. Mabuse" liegt beim Anbieter "Atlas" in einer Edition mit Info-Material auf DVD und Blu-rayvor.

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