Hilfsorganisationen befürchten Corona-Kollateralschäden in Afrika | Afrika | DW | 26.05.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Afrika

Hilfsorganisationen befürchten Corona-Kollateralschäden in Afrika

Afrikanische Länder kämpfen mit harten Maßnahmen gegen COVID-19. Doch das hat seinen Preis: Hilfsorganisationen warnen vor katastrophalen Kollateralschäden durch unbehandelte Krankheiten und Hunger.

Schon im Februar, als der Ausbruch des neuartigen Coronavirus noch fast ausschließlich auf China beschränkt war, schlugen die Experten Alarm: Wenn das Virus erst einmal in Afrika angekommen sei, würde dort aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung eine unkontrollierbare Katastrophe über die Menschen hereinbrechen. Doch bisher geben die nackten Corona-Zahlen für Afrika kein solches Katastrophenszenario her – wohl auch, weil afrikanische Regierungen früh und umfassend auf die Gefahr reagiert haben. 

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden in Afrika bisher mehr als 100.000 Menschen nachweislich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Auch wenn die Dunkelziffer aufgrund mangelnder Testkapazitäten höher liegen dürfte, sieht es aktuell danach aus, dass die Corona-Pandemie auf dem Kontinent einen weniger tödlichen Verlauf nimmt als zum Beispiel in Europa. 

In Afrika wurden demnach bislang 3100 Todesfälle in Verbindung mit der Lungenkrankheit COVID-19 gemeldet. Zum Vergleich: Als in Europa 100.000 Corona-Fälle gemeldet waren, gab es dort bereits 4900 Todesfälle. Ersten Analysen zufolge könnte die relativ niedrige Todesrate mit der demografischen Struktur des Kontinents zu tun haben, da mehr als 60 Prozent aller Afrikaner jünger als 25 sind. 

Routineimpfungen für Kinder fallen aus

Umso notwendiger sei es deshalb, auf die "Kollateralschäden" des Kampfes gegen Corona zu schauen, sagt Anne Jung, Referentin für Globale Gesundheit bei der Hilfsorganisation Medico International. Sie weist darauf hin, dass in vielen afrikanischen Ländern durch die weitreichenden Lockdowns Routineimpfungen für Kinder, wie etwa gegen Masern, ausfallen würden. Die direkten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie würden so gerade bei Kindern zu einem Anstieg von anderen Infektionskrankheiten führen, befürchtet Anne Jung.

Madagaskar Iarintsena Impfung gegen Masern (picture-alliance/dpa/L. Bezain)

Masern-Impfung in Madagaskar: Viele Impfkampagnen konnten Corona-bedingt nicht stattfinden

Aktuelle Studien der WHO scheinen Jungs Befürchtung zu bestätigen: 117 Millionen Kinder in 24 Ländern, der Großteil davon in Afrika, könnten demnach wegen der Pandemie ihre Masernimpfungen nicht erhalten. Die Impfallianz Gavi geht davon aus, dass durch die Suspendierung von Impfkampagnen bislang bereits 13,5 Millionen Menschen wichtige Impfungen nicht erhalten haben. Das wiederum könnte zu einem Wiederaufleben von Infektionskrankheiten wie Masern oder Polio sorgen.

Corona bremst Kampf gegen Aids und Tuberkulose

Wie überall auf der Welt haben auch in Afrika viele Länder ihre Gesundheitssysteme umstrukturiert, um gegen COVID-19 gewappnet zu sein. Doch was vernünftig klingt, hat zur Folge, dass vielerorts zahlreiche Routineprogramme in der Gesundheitsversorgung praktisch eingestellt wurden. Probleme gibt es laut Anne Jung schon jetzt beispielsweise bei der Bekämpfung der Tuberkulose. Diese Krankheit sei ähnlich ansteckend wie COVID-19 und verlaufe häufig tödlich: "Wegen Corona fehlen überall in Afrika die Masken, die notwendig sind im Umgang mit Tuberkulosepatienten." 

Die NGO Stop TB Partnership warnt, dass es durch COVID-19-bedingte Störungen der Gesundheitsversorgung in Subsahara-Afrika zwischen 2020 und 2025 6,3 Millionen zusätzliche Tuberkulosefälle und zusätzliche 1,4 Millionen Tote geben könnte. Dazu kommt: Tuberkulose tritt gerade in Afrika häufig in Verbindung mit Aids auf. Einer Studie von WHO und UNAIDS zufolge ist die Behandlung von Aids-Patienten derzeit ebenfalls eingeschränkt. Weil vielerorts die Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten nicht mehr gewährleistet werden kann, könnten dieses und nächstes Jahr mehr als 500.000 Menschen zusätzlich in Zusammenhang mit Aids sterben. 

Verdoppelung der Malaria-Fälle?

"Corona hin oder her: Malaria ist und bleibt die bei weitem größte Todesursache in Afrika, vor allem Kinder sind betroffen", sagt Dr. Javier Macias, ein spanischer Arzt, der seit über 30 Jahren in verschiedenen afrikanischen Ländern als medizinischer Berater arbeitet und zurzeit in Angola tätig ist. Im Gespräch mit der DW warnt Macias davor, dass in diesem Jahr in Afrika doppelt so viele Menschen wie in anderen Jahren an Malaria sterben könnten, wenn der Kampf gegen die Infektionskrankheit durch die Corona-Pandemie behindert werde.

Kampf gegen Malaria in Burkina Faso (Cécilia Conan)

Vor allem für Kinder ist Malaria nach wie vor extrem gefährlich

"Hier in Angola ist es jetzt schon so, dass etwa Malaria-Medikamente und Moskitonetze die Betroffenen kaum erreichen. All das, weil sich das Gesundheitssystem vor allem auf die Bekämpfung von COVID-19 konzentriert", sagt Macias. Er berichtet von einem konkreten Fall aus Huambo, der zweitgrößten Stadt des Landes: Dort sei eine Straßenverkäuferin mit akuten Malaria-Symptomen ins Krankenhaus gegangen, man habe sie aber wieder nach Hause geschickt mit dem Hinweis, dass man "nur die dringendsten Fälle, sowie Fälle, die mit COVID-19 zu tun haben", behandeln könne.

Vor einem bevorstehenden Anstieg der Todesfälle durch Malaria warnte Ende April bereits auch die WHO: Demnach sei für 2020 im schlimmsten Fall mit 769.000 Malaria-Toten in den Ländern südlich der Sahara zu rechnen, doppelt so viele wie 2018. Zum Vergleich: Im Worst-Case-Szenario zum Coronavirus rechnet die WHO aktuell für 2020 mit 83.000 bis 190.000 direkten Todesfällen durch COVID-19 in Afrika – und das auch nur dann, wenn sich das Virus ohne Gegenmaßnahmen unkontrolliert ausbreiten könnte. 

Kollateralschaden Hunger

Doch zu den Kollateralschäden des Coronavirus dürfe man nicht nur die Folgen anderer Krankheiten zählen, betont Reimund Reubelt: "Das Coronavirus kann auch durch Hunger töten." Der Vorsitzende der Hilfsorganisation Hoffnungszeichen warnt im DW-Interview: "Weite Teile Afrikas werden schon seit Jahrzehnten vom Hunger geplagt. Aktuell sind bis zu 250 Millionen Menschen betroffen. Und nun kommt noch ein Virus hinzu, das die schlechte Ernährungslage noch verschlimmert." 

Hungersnot in Nigeria (picture alliance/dpa/Unicef/NOTIMEX)

Die Corona-Pandemie könnte die Ernährungssituation in vielen afrikanischen Ländern weiter verschlechtern

Viele Menschen könnten sich noch weniger Lebensmittel leisten, weil die Preise durch die Coronakrise ansteigen würden. Wegen des Lockdowns verlören Tagelöhner ihre Arbeit und verdienten kein Geld mehr. Ausgangssperren erschwerten die Versorgung. "Nicht nur das Virus selbst, sondern auch die Auswirkungen der Gegenmaßnahmen sind eine enorme Belastung für die Menschen. Corona könnte in Kombination mit Hunger zu einer tödlichen Geißel in Afrika werden", befürchtet Reubelt.

Thomas Beckmann von der Diakonie Katastrophenhilfe sieht das ähnlich: "Durch die Anti-Corona-Maßnahmen, die viele afrikanische Länder ergriffen haben, hat sich der Hunger deutlich verstärkt. Aufgrund von Ausgangsbeschränkungen können Felder nicht mehr bestellt werden." Besonders dramatisch sei die Lage in Ostafrika, wo es zurzeit massive Heuschreckenschwärme gebe: "Die Lebensmittellage war durch diese Plage sowieso schon gefährdet, und jetzt kommt Corona dazu, also eine Krise mehr", fasst der Sprecher der Diakonie Katastrophenhilfe die Lage zusammen.

Anzeige