Durch Corona droht Hunger in der Welt | Welt | DW | 26.04.2020
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Welternährung

Durch Corona droht Hunger in der Welt

Die Vereinten Nationen warnen: Schnelle Maßnahmen müssten her, sonst könne die Corona-Pandemie weltweit zu Hungersnöten "biblischen Ausmaßes" führen. In ärmeren Ländern wie Bangladesch ist die Lage besonders dramatisch.

Verteilung von Hilfsgütern in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka (DW/Harun Ur Rashid Swapan )

Angespannte Lage: Verteilung von Hilfsgütern in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka

Richard Ragan ist der Leiter des Büros des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen in Bangladesch. Er ist unter anderem für die Versorgung der Bewohner eines Flüchtlingslagers mit einer Million Menschen verantwortlich. In dem Camp leben mehrheitlich aus dem Nachbarland Myanmar geflüchtete Rohingya. Bislang lief die Versorgung, indem 24.000 Helfer sich um die Menschen dort kümmerten und täglich Tausende Lieferwagen das Nötigste brachten.

Dann begann die Corona-Pandemie: "Heute kommen nur nochrund 1000 Helfer und 400 bis 500 Fahrzeuge täglich ins Camp, manchmal auch weniger", so Hilfekoordinator Ragan: "Wir versuchen jetzt soviel Nahrungsmittel wie möglich in die Camps zu bringen, um die Vorräte aufzufüllen. Die Preise für Grundnahrungsmittel schießen gerade in die Höhe, teilweise um 30, 40 Prozent. Vor allem für Menschen, die an der Armutsgrenze leben, ist das eine unglaubliche Belastung."

Richard Ragan (World Food Program)

WFP-Regionalchef Ragan: "Die Preise schießen in die Höhe"

Außerhalb der Mauern des Camps, im restlichen Bangladesch, sieht es auch nicht viel besser aus. Schon jetzt haben im gesamten Land mehr als 40 Millionen Menschen nicht genug zu essen. Ragan geht davon aus, dass die Auswirkungen des Coronavirus dazu führen werden, dass weitere 20 Millionen dazukommen.

Coronavirus als Katalysator

Bangladesch ist nur ein Beispiel dafür, wie angespannt die Lage aufgrund der Pandemie ist. Das Welternährungsprogramm geht davon aus, dass sich die weltweite Zahl der Hungernden auf 265 Millionen Menschen verdoppeln könnte. Wie dramatisch die Lage derzeit ist, hat das WFP nun in einem neuen Bericht dargelegt. Auf 233 Seiten beschreiben die Autoren, wie hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt nicht ausreichend zu essen und zu trinken haben.

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Ohne Arbeit und der Hunger nagt

Angesichts dieser Situation richtete sich WFP-Chef David Beasley vor wenigen Tagen mit drastischen Worten an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen: Wenn sich nichts ändere, so Beasley in einem eindringlichen Appell, steuere die Welt auf eine ganze Reihe von Hungersnöten "biblischen Ausmaßes" zu.

COVID-19 hat die Not der Ärmsten auf der Welt noch verschärft. Im vergangenen Jahr sorgten Kriege, Wetterextreme und wirtschaftliche Probleme für Engpässe bei der Nahrungsmittelversorgung. Dazu verwüsteten Heuschreckenplagen ganze Landstriche in Afrika und Arabien.

Viele der Betroffenen standen bereits vor dem Nichts. Nun müssen sie auch noch mit katastrophalen Folgen der Pandemie rechnen. Grenzschließungen und Ausgangsverbote sorgen dafür, dass Tagelöhner nichts mehr verdienen und Bauern kaum noch etwas ernten können. Viele Inseln in der Karibik, die von Nahrungsmittelimporten und Tourismus abhängig sind, sehen sich mit stark steigenden Kosten und Einkommensverlusten konfrontiert.

"Es gibt 30 Millionen Menschen in Staaten wie dem Jemen, Afghanistan, Burkina Faso und dem Südsudan, die auf Lebensmittellieferungen des WFP angewiesen sind, um zu überleben", sagt WFP-Chefökonom Arif Husain: "Um diese Leute machen wir uns wirklich Sorgen. Wenn wir ihnen nicht helfen, werden sie sterben." Wenn nicht schnell etwas unternommen wird, könnten im kommenden Vierteljahr täglich 300.000 Menschen verhungern.

Hilfsorganisationen brauchen jetzt Geld

Ausgerechnet in einer Zeit, in der Millionen von Menschen mehr Hilfe brauchen, gehen Spenden und finanzielle Zuwendungen an die Hilfsorganisationen zurück. Wohlhabende Staaten, die das WFP normalerweise unterstützen, halten sich zurück. Sie befürchten eigene wirtschaftliche Einbußen aufgrund der Pandemie.

Coronavirus Afrika Kenia Nairobi Kibera Slum Essensausgabe (picture-alliance/AP/B. Inganga)

Essensausgabe in einem Slum in Kenias Hauptstadt Nairobi: COVID-19 hat die Not der Ärmsten noch verschärft

Gegen alle Widerstände versucht das Welternährungsprogramm nun, bei Geberländern Spenden einzusammeln, um die schlimmsten Auswirkungen zu verhindern. Insgesamt, so Chefökonom Husain, seien rund zwölf Milliarden US-Dollar in diesem Jahr nötig: "Viel wichtiger ist jedoch, dass wir 1,9 Milliarden US-Dollar Soforthilfe erhalten. Damit könnten wir über die nächsten drei Monate rund 30 Millionen Menschen mit dem Nötigsten versorgen."

Die finanziellen Zuwendungen sollten allerdings nur der erste Schritt sein. Das WFP ruft außerdem dazu auf, kriegerische Auseinandersetzungen zu beenden. Ein Ende von Kampfhandlungen, so Husain, würde es Hilfskräften erleichtern, mehr Menschen zu retten: "Sämtliche Konfliktparteien sollten uns ungehinderten Zugang zu Menschen in Kriegsgebieten garantieren, die von Hungersnöten betroffen sind."

Krieg herrscht in Bangladesch nicht. Dennoch rennt Husain mit seinen Appellen bei seinem Kollegen Richard Ragan vom WFP-Büro in Bangladesch offene Türen ein. "Für Rikschafahrer oder Tagelöhner ist das Überleben normalerweise schon schwer genug. Diese Menschen haben kein finanzielles Polster, das sie in der Krise weich fallen lässt", sagt Ragan. Ein schnelles Regierungshandeln sei unumgänglich. Gerade in Bangladesch wüssten die Menschen, was im schlimmsten Fall auf sie zukomme. Die letzte große Hungersnot sei nicht einmal eine Generation her.

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