Heiß, kalt, feucht? Was Viren zum Überleben brauchen | Wissen & Umwelt | DW | 27.02.2020
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Virologie

Heiß, kalt, feucht? Was Viren zum Überleben brauchen

Geht das Coronavirus zurück, sobald die Temperaturen steigen? Virologe Thomas Pietschmann erklärt, warum der Frühling tatsächlich hoffen lässt und warum Frauen im Kampf gegen die Viruserkrankung klar im Vorteil sind.

Die Hoffnung ist, dass im Frühling alles besser wird. Wenn es gut läuft, verhält sich dieses neue Coronavirus, auch bekannt unter dem Namen SARS-CoV-2, so wie das Influenzavirus. Dann würde der Frühling mit seinen steigenden Temperaturen den Erregern den Garaus machen - und der Spuk wäre vorbei. Die Coronavirus-Saison wäre über uns hinweggeschwappt und genauso verebbt wie die Grippewelle jedes Jahr, wenn sich der Winter dem Ende neigt.

So viel zur Hoffnung. Ob sich SARS-CoV-2 allerdings wie gewünscht verhält können Virologen wie Thomas Pietschmann "streng genommen und ehrlicherweise noch nicht sagen, weil wir das Virus noch nicht kennen."

Pietschmann ist molekularer Virologe und forscht am Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung, genannt Twincore, in Hannover. Er befasst sich mit sogenannten RNA-Viren - das Hepatitis C-Virus zählt beispielsweise dazu. Und auch SARS-CoV-2 gehört zu dieser Gruppe.

Virus? Unbekannt!

"Das Besondere an diesem Virus ist, dass Menschen zum ersten Mal damit konfrontiert sind. Aus den Daten, die wir aus China haben, lässt sich schließen, dass das Virus nur ein einziges Mal von einem Tier auf den Menschen übergegangen ist und sich von dort verbreitet hat", sagt Pietschmann.

Mit anderen Worten: Anders als bei Influenzaviren, mit denen fast jeder irgendwann einmal Kontakt hatte, ist unser Immunsystem nicht auf einen Überfall mit Corona-Erregern vorbereitet. 

Infografik Verluf der COVID-19-Epedemie DE 27.02.2020

Hinzu kommt, dass die äußeren Bedingungen in der nördlichen Hemisphäre momentan geradezu perfekt sind für die schnelle Verbreitung der Viren. Da wäre zum Einen die Temperatur. Respiratorische Viren, also solche, die sich über die Atemwege verbreiten, haben besonders leichtes Spiel, wenn es kühl ist. "Viren haben bei niedrigen Temperaturen eine höhere Stabilität. Ähnlich wie Lebensmittel, die im Kühlschrank am längsten haltbar sind", erklärt Pietschmann. 

Kühl und trocken, bitte!

Je wärmer es wird, desto schwieriger sind die Bedingungen für viele Viren. "Das Coronavirus ist von einer Lipidschicht, also einer Fettschicht, umgeben", sagt Pietschmann. Diese sei nicht besonders hitzebeständig, sodass das Virus bei steigenden Temperaturen schnell kaputt gehe. "Andere Viren, wie das Norovirus sind wesentlicher stabiler, weil sie vor allem aus Eiweißen und Erbgut bestehen."

Für andere Erreger spielt die Temperatur ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle. So kommen Dengue-Viren vor allem in tropischen und subtropischen Regionen vor. Das liegt weniger daran, dass Dengue-Erreger es gerne warm mögen; vielmehr sind die heißen Gefilde bevorzugter Wohnort der Stechmücken, die das Virus übertragen. "Die Hauptrolle für die Verbreitung der Erreger spielt in diesem Fall nicht die Temperatur, sondern das Tier, das das Virus überträgt", sagt Pietschmann.

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Robert Koch-Institut: Coronavirus eindämmen - Neue Fälle in Nordrhein-Westfalen

Die Luftfeuchtigkeit hat ebenfalls großen Einfluss auf die Übertragbarkeit respiratorischer Viren. Sind die Erreger erstmal mit einem kräftigen Nieser aus den Atemwegen nach draußen befördert worden, hängen sie förmlich in der Luft. "An kalten und meist trockenen Wintertagen schweben die kleinen Tröpfchen mitsamt den Viren länger in der Luft, als bei hoher Luftfeuchtigkeit", sagt Pietschmann.

So können sich die Erreger rasant verbreiten. Allerdings machen sie das zunächst einmal still und heimlich. Vom ersten Kontakt mit den Erregern bis zu den ersten Krankheitssymptomen können einige Wochen vergehen. Die Länge dieser sogenannten Inkubationszeit hängt von den Eigenschaften und der Biologie des Virus ab. 

Doppeltes X-Chromosom und Östrogene

Fieber, Schmerzen und Schüttelfrost sind typische Symptome einer Viruserkrankung und ein Zeichen dafür, dass der Körper die Eindringlinge bekämpft. Wie erfolgreich dieser Kampf geführt wird, hängt nicht nur vom Alter und Gesundheitszustands des Infizierten ab, sondern von seinem Geschlecht. Auch im Falle des Coronavirus zeigen die Zahlen, dass Frauen deutlich bessere Karten haben als Männer: Die Sterblichkeitsrate der Männer liegt mit 2,8 Prozent deutlich höher als die der Frauen mit 1,7 Prozent.

"Das hat einerseits genetische Gründe", sagt Pietschmann, "weil einige immunrelevanten Gene, beispielsweise Gene, die dafür verantwortlich sind, Erreger zu erkennen, auf dem X-Chromosom kodiert werden." Weil Frauen zwei X-Chromosomen besitzen und Männer nur eines ist das weibliche Geschlecht hier im Vorteil. 

Auch das weibliche Geschlechtshormon Östrogen hilft Frauen, sich gegen die Viruserkrankung zu verteidigen. "Manche immunologisch relevanten Gene haben auch Bindestellen für Östrogene, dort, wo diese Gene angeschaltet werden. Das heißt, dass diese Gene auch durch die Hormone gesteuert werden", erklärt Pietschmann. 

Vielleicht endet die Corona-Saison tatsächlich mit dem Beginn des Frühlings auf der Nordhalbkugel. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es allerdings mehr als 20 Fälle von SARS-CoV-2 in Australien, sowie einen Fall in Brasilien - in der südlichen Hemisphäre also. Da kommt der Winter erst noch.

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