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GleichberechtigungDeutschland

Weltfrauentag: Wie Gleichstellung im Job möglich ist

7. März 2026

Für Frauen in Deutschland ist es noch immer schwer, Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen. Doch es gibt Hoffnung, sagt die bekannte deutsche Soziologin Jutta Allmendinger. Länder wie Island machen es vor.

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5 Frauen stehen nebeneinander und tragen pinkfarbene T-Shirts, auf denen W-O-M-E-N steht.
Jedes Jahr zum Weltfrauentag am 08. März demonstrieren Frauen weltweit, wie hier in Berlin 2023Bild: Markus Schreiber/AP Photo/picture alliance

Beide arbeiten, beide verbringen Zeit mit den Kindern, beide machen den Haushalt - so stellen sich das heutzutage viele junge Paare in Deutschland vor. Am Ende aber fallen viele doch in traditionelle Rollenbilder zurück. Viele Frauen finden sich in Teilzeit wieder, die Männer verdienen den Großteil des Geldes. Das spiegelt sich auch im jährlich veröffentlichten Gender Pay Gap: Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in Deutschland ist 2026 unverändert groß.

Es scheitert meist nicht am guten Willen, sagt Jutta Allmendinger, eine der renommiertesten Soziologinnen Deutschlands. Sie ist Honorarprofessorin an der Freien Universität Berlin, ist Mitglied in diversen Gremien, darunter der Deutsche Ethikrat und die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften, und war bis 2024 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. "Wenn wir Paare fragen, was passieren würde, wenn sie jetzt ein Kind bekämen, dann antworten 80 Prozent der Männer, dass sie ihre Erwerbstätigkeit reduzieren würden, dass sie eine Gleichverteilung wollen." Am Ende aber komme es dann häufig anders. 

Falsche finanzielle Anreize

Warum die alten Rollenbilder immer wieder greifen - dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist die Haushaltskasse: Da Männer im Schnitt mehr verdienen, sind es häufiger die Frauen, die in Elternzeit bzw. Teilzeit gehen. Dadurch aber verlieren sie Rentenansprüche, sind weniger häufig in Führungspositionen etc. Zudem werden verheiratete Paare in Deutschland, bei denen eine Person mehr und eine weniger oder auch gar nicht arbeitet, steuerlich begünstigt. Gleichberechtigung lohnt sich also finanziell nicht. "Und das führt bei den Paaren dazu, dass sie sich das nach den Steuerregeln aufteilen und nicht nach Gerechtigkeitsregeln, die sie sich vorher auferlegt haben", so Jutta Allmendinger.

Gleichberechtigung: Was machen Familien in Island besser?

An der Stelle ist ihrer Meinung nach die Politik gefragt. Wenn Gleichstellung wirklich das Ziel sei, dann müsse diese Form von steuerlichen Vergünstigungen abgeschafft werden. Mit der Forderung ist sie nicht allein, das sogenannte"Ehegatten-Splitting" ist in Deutschland seit Jahren ein heiß diskutiertes Thema.

Die Macht der Vorbilder - in Ost und West

Wenn wir von Gleichberechtigung sprechen, muss man in Deutschland nach wie vor zwischen Ost und West unterscheiden. In den ostdeutschen Bundesländern, dem Gebiet der einstigen DDR, arbeiten viel weniger Frauen in Teilzeit und haben auch geringere Zeiten der Unterbrechung von Erwerbstätigkeit, trotz der strukturellen Rahmenbedingen. Hier greifen die kulturellen Unterschiede, sagt Jutta Allmendinger. "Die Kultur in Westdeutschland war eine Einverdiener-Ehe. Da war ganz klar, eine gute Familie ist eine, wo der Mann erwerbstätig ist und die Frau muss - und die Betonung liegt auf muss - nicht arbeiten." In der ehemaligen DDR hingegen sei das anders gewesen, dort sei es normal und anerkannt gewesen, dass beide Eltern arbeiten gingen. Das wirke bis heute nach. "Wir haben daher, wenn wir die Renten anschauen, im Osten wesentlich geringere Unterschiede als wir es im Westen haben."

Gleich hingegen ist die Belastung für junge Eltern und insbesondere junge Mütter, die versuchen Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen. Diese Belastung kann groß sein - und das hat Folgen, sagt die Soziologin. Seit zwei bis drei Jahren beobachtet sie eine zunehmende Polarisierung von Frauen, die keine Lust mehr auf den Spagat haben. Die also entweder im Sinne der Tradwives-Bewegung sagen, dass sie komplett zu Hause bleiben, oder eben nur erwerbstätig sind und auf Kinder verzichten. "Es ist nicht die Mehrheit, aber es ist ein wachsender Trend."

Arbeitszeit - was sich ändern muss

Wie aber lassen sich Kind und Karriere für beide Eltern besser vereinbaren? Für Jutta Allmendinger ist klar: Es geht nur gemeinsam, und es muss nachhaltig sein. Sprich: Vollzeit für alle ohne Berücksichtigung der sogenannten Care-Arbeit ist für sie nicht die Lösung, ganz im Gegenteil.

Eine Frau in einem weißen Blazer, Jutta Allmendiger, steht vor einem runden Schild, auf dem zu lesen ist FRAUEN 100
Jutta Allmendiger beim FRAUEN100-Brunch in Berlin - eine Veranstaltung, die Frauen aus Politik, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft zusammenbringtBild: Annette Riedl/dpa/picture alliance

Ihr Vorschlag: eine neue Normalarbeitszeit von 33 Stunden pro Woche für alle. "Mein Ansatz ist, dass Männer mit ihrer Erwerbstätigkeit etwas runter und Frauen mit der durchschnittlichen Erwerbstätigkeitstunden etwas hochgehen. Das wäre insgesamt keine Reduktion des Arbeitsvolumens, sondern eine Erhöhung des Arbeitsvolumens, welches wir im Moment haben." Auf diese Weise hätten beiden Eltern Zeit und Luft, sich Kindern und Haushalt zu widmen.

Außerdem brauche es mehr Flexibilität über den Lebenslauf hinweg: "Wir alle wissen, es gibt Zeiten, wo man vielleicht auf 28 Stunden runter muss und andere Zeiten, wo man wesentlich mehr arbeiten kann. Ich finde es absurd, was wir hier (in Deutschland) im Moment veranstalten, dass wir in die Zeit der Familienbildung auch noch die Zeit des Karriereaufstiegs nehmen."

Und nicht zu vergessen: die Kinderbetreuung. Dabei müsse man aber nicht nur über Kitas reden, sondern vor allem auch über die Schulen. "Ich sehe mehr und mehr Frauen, die die Nachhilfelehrerinnen ihrer Kinder werden, weil das Schulsystem in Deutschland immer schlechter wird", so die Soziologin. 

Island als Vorreiter

Dass Veränderungen möglich sind, zeigen Länder wie Island- seit 16 Jahren auf Platz eins des jährlich veröffentlichten Global Gender Gap Reports. Mit seinen Studien zur Arbeitszeitverkürzung hat das Land in den letzten Jahren Schlagzeilen gemacht.

Weniger Arbeiten fürs gleiche Geld

Auch die Soziologin Jutta Allmendinger ist davon überzeugt, dass eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit machbar ist, vor allem in Hinblick auf die zukünftigen Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Außerdem habe sich gezeigt, dass zunehmend Jobs in geteilter Vollzeit erledigt werden können, im sogenannten Job-Sharing. "Das funktioniert wunderbar und das wäre ein Modell, welches auch wesentlich nachhaltiger wäre." Und auch wenn es mit der Gleichstellung in Deutschland noch hapert - sie bleibt optimistisch: "Wir bekommen doch im internationalen Vergleich vorgeführt, was man tun müsste, damit es besser wird und solange es das gibt, ist es keine unheilbare Krankheit."

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