Gewalt gegen Schiedsrichter - trauriger Alltag in Europa | Sport | DW | 25.11.2019
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Übergriffe gegen Schiedsrichter

Gewalt gegen Schiedsrichter - trauriger Alltag in Europa

Nicht nur in Deutschland werden Amateur-Schiedsrichter Opfer gewaltsamer Übergriffe. In den Niederlanden kam ein Referee zu Tode. In England häufen sich die Fälle - die Betroffenen sind alarmiert, der Verband wiegelt ab.

Nieuwenhuizen Gedenken Blumen Fahne auf Halbmast (picture alliance / dpa)

Gedenken nach dem gewaltsamen Tod des niederländischen Linienrichters Richard Nieuwenhuizen im Dezember 2012

Es war eine der schwärzesten Stunden des Fußballs, nicht nur in den Niederlanden.  2. Dezember 2012: Richard Nieuwenhuizen ist in Almere nahe Amsterdam beim B-Jugendspiel zwischen dem SC Buitenboys und Nieuw Sloten als Linienrichter eingesprungen. Wegen einer umstrittenen Abseitsentscheidung gehen nach dem Abpfiff sechs Spieler der Gästemannschaft im Alter zwischen 15 und 16 Jahren sowie ein Vater eines Spielers auf Nieuwenhuizen los, schlagen ihn zu Boden, treten ihm gegen den Kopf. Am nächsten Tag stirbt der 41 Jahre alte Amateur-Schiedsrichter in einem Krankenhaus an den Folgen einer Hirnblutung. Alle an dem Angriff auf Nieuwenhuizen verwickelten Personen werden später wegen Totschlags zu Haftstrafen verurteilt.

"Jeder Vorfall ist einer zuviel"

Seit dem tragischen Tod Niewenhuizens sei die Zahl der registrierten gewalttätigen Zwischenfälle bei Amateurspielen kontinuierlich gesunken, von 485 in der Saison 2011/2012 auf 257 in der Saison 2016/17, teilt der Königliche Niederländische Fußballbund (KNVB) auf Anfrage der DW mit: "Jeder Vorfall ist einer zuviel. Es gibt 750.000 Spiele pro Jahr, und leider sind darunter gelegentlich Partien, bei denen unsportliches Verhalten vorkommt oder Gewalt angewendet wird. Wenn das passiert, auf oder neben dem Fußballplatz, ist das beunruhigend. Und wir ergreifen Maßnahmen dagegen." 

Der Verband verweist auf verschiedene Initiativen zur Gewaltprävention, die nach Nieuwenhuizens Tod 2012 ins Leben gerufen worden seien, insbesondere für Jugendspieler. So arbeitet der KNVB mit der niederländischen Organisation "Halt" zusammen, die sich dem Kampf gegen Jugendkriminalität verschrieben hat.  Jugendspielern, die wegen gewalttätiger Übergriffe gesperrt worden sind, wird ein Verhaltenstraining angeboten. Durchlaufen sie es erfolgreich, wird ein Teil ihrer Sperre zur Bewährung ausgesetzt.

Auch Familien von Schiedsrichtern werden bedroht

Unter einer Notfallnummer können sich die rund 24.000 niederländischen Schiedsrichter, die Woche für Woche im Einsatz sind, rund um die Uhr melden, wenn sie Opfer von Aggressionen geworden sind. In Kooperation mit dem KNVB bietet die Organisation "24/7" seit Jahren Hilfe für traumatisierte Fußball-Schiedsrichter an. Allgemein nehme die Aggression zu, sagt ein Vertreter von "24/7" der DW. In einigen Fällen würden nicht nur Schiedsrichter bedroht, sondern auch deren Familien, sodass auch die Angehörigen psychologische Hilfe benötigten. 

Wie in Deutschland, wo die Zahl der Schiedsrichter in den vergangenen Jahren 2010 kontinuierlich gesunken ist (von 78.468 im Jahr 2010 auf 56.680 Mitte 2019), registriert auch der niederländische Verband einen Rückgang. "Aber es wäre zu weit gegriffen, dies auf eine zunehmende Bedrohung [der Schiedsrichter-Anm. d. Red.] zurückzuführen", erklärt der KNVB.

England: Übergriffe bei nur 0.01 Prozent der Spiele?

Im Vergleich zu den Niederlanden ist die Lage der Amateur-Schiedsrichter im Mutterland des Fußballs möglicherweise noch ernster. Das legt jedenfalls eine Studie der Universität Portsmouth nahe, die Ende 2018 veröffentlicht wurde. Darin wurde den Schiedsrichtern die Frage gestellt, ob sie in allen oder zumindest jedem zweiten oder dritten Spiel verbal angegangen würden? Während in den Niederlanden nur rund 2,2 Prozent der befragten Referees die Frage bejahten, waren es in Frankreich 14,4 Prozent. In England bejahten im Jahr 2015 sogar rund 60 Prozent der Schiedsrichter diese Frage.

Streiks von Amateur-Schiedsrichtern - wie zuletzt in Berlin und Köln - gab es auch schon in England. An einem Wochenende Anfang März 2017 weigerten sich mehr als 2000 Referees, Spiele zu pfeifen. Sie protestierten damit gegen die zunehmende Gewalt gegen Schiedsrichter.  Im Januar 2019 drohten englische Amateur-Schiedsrichter erneut mit einem Streik, um auf die aus ihrer Sicht nach wie vor dramatische Lage auf der Insel aufmerksam zu machen. Sie bezweifelten die Angaben der Football Association (FA) - die diese jetzt auch auf Anfrage der DW wiederholte: Im Schnitt, so der englische Fußballverband, gebe es nur in 0,01 Prozent der rund 850.000 Saisonspiele, sprich etwa 85 Partien, Angriffe gegen Schiedsrichter.

FA macht körperliche Angriffe zur "Chefsache"

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Gewalt gegen Schiedsrichter

Zu Beginn der laufenden Saison sei das Meldesystem für Übergriffe gegen Amateur-Schiedsrichter geändert worden, so die FA. So landeten jetzt alle Fälle, in denen es zu körperlichen Angriffen gekommen sei, vor einem zentralen Ausschuss des Landesverbands. Damit solle sichergestellt werden, dass die Regionalverbände auch wirklich angemessene Strafen verhängten. Der englische Verband weist auf seine seit rund zehn Jahren laufende Kampagne "Respect" hin, mit der Spielern und Zuschauern Verhaltensregeln für einen respektvollen Umgang mit den aktuell 31.735 Schiedsrichtern von der Premier League bis hinunter in die untersten englischen Spielklassen nahegebracht werden sollen.

Noch in den Kinderschuhen sei eine Kampagne im U18-Juniorenbereich. Junge Amateur-Schiedsrichter trügen lila Trikots. Dies solle einerseits ihr Selbstvertrauen stärken und andererseits Spielern, Trainern und Eltern vor Augen führen, dass die Referees häufig in einem ähnlichen Alter wie die Spieler seien und eine Schlüsselrolle im Spiel hätten. Das Echo auf die Kampagne sei bisher positiv, teilt die FA mit.

Anfang des Jahres hatte die "Ref Support UK", eine Hilfsorganisation für Schiedsrichter, Alarm geschlagen. In den vergangenen fünf Jahren habe sich die Lage verschlimmert, sagte die Vorsitzende Janie Frampton, selbst eine Schiedsrichterin: "Ich fürchte, es muss erst etwas sehr Schlimmes passieren oder ein Todesfall, bevor irgendjemand das Ganze ernst nimmt." Die Organisation will jetzt Amateur-Schiedsrichter mit Body-Cams ausstatten - Kameras am Körper. Wie sie bereits von Polizisten getragen werden.

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