Geschichte in Serie: Die Wendezeit bei Netflix und Amazon | Filme | DW | 25.09.2020
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TV-Serien

Geschichte in Serie: Die Wendezeit bei Netflix und Amazon

Zum 30. Jubiläum der Wiedervereinigung bringen Netflix und Amazon mit "Rohwedder" und "Deutschland 89" Stoffe zur Wendezeit - dokumentarisch und fiktiv.

Szene aus Deutschland 83. Martin Rauch (gespielt von Jonas Nay) schaut anglsich zur Seite, während er eien Kamera über Dokumente hält (picture alliance/RTL/Nik Konietzny)

Jonas Nay in der Rolle des DDR-Spions Martin Rauch.

Es geht weiter - und rasant auf das Ende zu. Seit 2015 kämpft Jonas Nay alias Martin Rauch als Agent wider Willen mit dem unaufhaltsamen Ende der DDR und seiner opportunistischen Tante Lenora, die von der gerade mit dem Emmy prämierten Maria Schrader verkörpert wird. Nay ist glücklich mit seiner geschichtsträchtigen Rolle: "Was ich mit Martin Rauch verkörpern durfte, das kommt einmal und nie wieder. Es ist ein Riesengeschenk", so Nay im Interview mit der Deutschen Welle. Er habe die Zeit zwar nicht selbst erlebt, doch habe sich sein Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte "schon stark gewandelt und wurde bereichert durch die lange Zeit dieses Seriendrehs und der Vorbereitung".

Sein Interesse an der Wendezeit sei gewachsen, sagt Nay. "Ich hatte meine Eltern vorher nie gefragt, wie sie 1989 oder 1990 erlebt haben. Sei es jetzt der Mauerfall oder die Wiedervereinigung oder die Zeit dazwischen." Klar ist für Jonas Nay: "Es gibt auf jeden Fall nicht die eine Wahrheit, und es gibt auch nicht nur eine Version, und es wird auch nie auserzählt sein." Jonas Nay kam 1990 in Lübeck, im westlichen Teil Deutschlands zur Welt. Da lag der spektakuläre Fall der Mauer schon ein Jahr zurück. Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war in vollem Gange.

Pünktlich zum 30. Jubiläum der Wiedervereinigung startet die Streamingplattform Amazon Prime ab dem 25. September mit "Deutschland 89" die Fortsetzung der Staffeln "83" und "86". Erneut sind also drei Jahre vergangen, in denen die DDR ihre Devisenprobleme nicht hat lösen können. So viel ist vorab mit Blick auf das Jahr klar: Martin Rauch steuert auf sein letztes deutsch-deutsches Abenteuer zu.

Fiktive Stoffe, die in ein historisch reales Setting eingebettet werden, haben sich in den vergangenen Jahren etabliert und als Verkaufsschlager bewährt. Fast beiläufig vermittelt die historische Fiktion auf unterhaltsame Weise auch geschichtliche Zusammenhänge. Serien wie "Babylon Berlin" vor der Kulisse der zerbrechenden Weimarer Republik oder die im Ostberlin der 1980er Jahre verortete Serie "Weissensee" feiern national wie international große Erfolge.

Film Die Getriebenen mit Imogen Kogge als Angela Merkel, umringt von Journalisten (ARD/rbb/Volker Roloff)

Doku-Fiktion: "Die Getriebenen" rekonstruierte die Stunden vor der Entscheidung, Flüchtlinge aus Ungarn in Deutschland aufzunehmen.

Geschichte binnen Sekunden

Die filmische Darstellung kann beim Zuschauer binnen Sekunden Bilder einer vergangenen Epoche erzeugen, durch Kulissen, Kleidung und Mimik unmittelbar eine Atmosphäre schaffen, die in Buchform der Fantasie überlassen bleibt und historisch weniger präzise sein kann.

Auch auf dem US-Markt gibt es zahlreiche entsprechende Formate, die Eindrücke aus Zeiten des Kalten Krieges ("The Americans") oder Amerikas Kampf gegen den Terror ("Homeland") wiedergeben. Gut recherchiert, verbinden die Formate fiktive Charaktere als Projektionsfläche der Zuschauer mit real-historischen Entscheidungsprozessen: Während sich die politische Situation zuspitzt, müssen die Protagonisten individuelle Entscheidungen treffen.

Dafür muss man in der Geschichte gar nicht weit zurückgehen: Der ARD-Film "Die Getriebenen" nach der gleichnamigen Buchvorlage rekonstruierte ebenso wie der ZDF-Film "Stunden der Entscheidung" die Entwicklung vor Angela Merkels Entschluss, im September 2015 Flüchtlinge aus Ungarn aufzunehmen. Das Problem am Mischformat der Doku-Fiktion: Sie scheint einen Blick hinter die Kulissen zu geben, vermengt aber Fakten mit Interpretation - und spitzt zu.

Fernsehserie Titelbild: Rohwedder - Einigskeit und Mord und Freiheit (Netflix)

Die Netflix-Reihe "Rohwedder" lässt Zeitzeugen über die Ermordung des Treuhandchefs Detlev Rohwedder zu Wort kommen.

Klingt spannend: True Crime

Je realer das Format, desto größer der Anspruch auf Genauigkeit. Ebenfalls ab dem 25. September veröffentlicht Netflix mit seiner ersten deutschen Doku-Produktion einen Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte der Wendezeit. Die vierteilige Reihe "Rohwedder - Einigkeit und Mord und Freiheit" verhandelt die bis heute nicht aufgeklärte Ermordung des damaligen Treuhandchefs Detlev Rohwedder. Aufgabe der Treuhandanstalt war es, die volkseigenen Betriebe der DDR in die Marktwirtschaft zu überführen.

Weil auch das klassische Doku-Format heute gern unterhaltende Elemente bieten darf, wird die Produktion mit einem Spannung versprechenden Prädikat beworben: "True Crime". Der Vorspann erinnert tatsächlich eher an die Krimiserie "4 Blocks" als an altbackene Doku-Formate. Die rekonstruierten Spielszenen, die sich mit Zeitzeugen-Interviews abwechseln, wirken dagegen wie die filmisch nachgestellten Szenen ungeklärter Kriminalfälle in der Fahndungssendung "Aktenzeichen XY... ungelöst".

In "Rohwedder" greifen die Autoren die undurchsichtige Gemengelage auf: Die dritte Generation der RAF hatte sich 1991 angeblich zu der Tat bekannt, allerdings gibt es bis heute Zweifel an ihrer Täterschaft. Aufgrund der militärisch präzisen Ausführung verbreitete sich auch die These, dass über den Zusammenbruch der DDR hinaus intakte Seilschaften der Stasi das Attentat verübten, womöglich weil Rohwedder dem von der Stasi versteckten Vermögen auf der Spur war.

Ermittler vor Wandprojektion (Netflix)

Ein BKA-Ermittler steht in der Netflix-Doku "Rohwedder" vor einem vermeintlichen Bekennerschreiben der RAF

Zutaten eines Thrillers

Das Format lebt von den mysteriösen Umständen - Terroristen oder ein Geheimdienst, das sind Zutaten eines Thrillers. Auch die westdeutsche Politik und das Kapital waren an den wirtschaftlichen Überbleibseln der DDR interessiert, während Rohwedder für die rund 15.000 vor der Pleite stehenden Unternehmen einen Sanierungsansatz verfolgte. Nach seinem Tod wurden sie privatisiert und dienten Investoren als lukrative Kapitalanlage.

Je realer das Format, desto größer auch der Anspruch auf Konfrontation: Starke Vorwürfe, Detlev Rohwedder sei trotz einer hohen Gefährdungslage nicht ausreichend geschützt worden, werden erhoben. Protagonisten, die dafür in Politik wie in den Behörden Verantwortung trugen, werden dazu aber nicht befragt.

Mit "Rohwedder" geht Netflix ein gewisses Risiko ein: Wird dieser Fall auf internationales Interesse stoßen, wie es bei den Eigenproduktionen eigentlich Voraussetzung ist? Amazon scheint mit dem fiktiven Stoff dagegen auf der sicheren Seite zu stehen: "Deutschland 83" erhielt den International Emmy Award als beste Dramaserie.

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