Filmfest Locarno: Kino im schönsten ″Saal″ der Welt | Filme | DW | 06.08.2015
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Filme

Filmfest Locarno: Kino im schönsten "Saal" der Welt

Kino mit politischem Anspruch, aber auch Glamour und Stars - all das will das Schweizer Festival bieten. Einen der schönsten "Kinosäle" der Welt hat das traditionsreiche Festival auf jeden Fall.

Das hat selbst Cannes, Venedig und Berlin nicht: eine solch prächtige Spielstätte wie Locarno. Auf der Piazza Grande, dem großen Platz im Herzen der Stadt, versammeln sich allabendlich während des Festivals bis zu 8000 Menschen, um Filme zu schauen. Die Kulisse ist atemberaubend: wunderschöne Stadthäuser im Hintergrund, Kirchen und historische Paläste, dazwischen bahnt sich von irgendwoher her ein starker, heller Lichtstrahl, der die Filme auf eine riesige Leinwand projiziert.

Festival-Auftakt mit Meryl Streep

Auf dem Piazza Grande werden jeden Abend unter dem Sternenhimmel oder auch unter Regenwolken alte und neue Filme gezeigt: aktuelle Kinostreifen und Klassiker der Filmgeschichte. Den Auftakt machte die amerikanische Familienkomödie "Ricki and the Flash" von US-Regisseur Jonathan Demme. Der genießt seit seinem legendären Horror-Welterfolg "The Silence of the Lambs" ("Das Schweigen der Lämmer") bei vielen Fans Kultstatus, versucht sich in seinem neuen Film aber in einem ganz anderen Genre.

Filmstill aus Ricki and the Flash mit Meryl Streep (Foto: Festival/Clinica Estetico, LStar Capital, TriStar)

Meryl Steep einmal anders: als rockige Lady in "Ricki and the Flash"

Meryl Streep spielt im Locarno-Eröffnungsfilm eine alternde Rocklady, die mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Von ihrer Familie, Mann und Kindern, hat sie sich einst wegen der Karriere als Rockmusikerin losgesagt. Nun besucht sie diese nach vielen Jahren wieder und muss sich mit den Problemen einer ganz normalen bürgerlichen Welt auseinandersetzen, die sie längst hinter sich gelassen hat.

Deutsche Vergangenheitsaufarbeitung in "Der Staat gegen Fritz Bauer"

Ebenfalls auf der Piazza Grande wird der Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" zu sehen sein, aus deutscher Sicht sicher der mit der größten Spannung erwartete Beitrag in Locarno. Burghard Klaußner mimt hier den legendären deutschen Staatsanwalt Fritz Bauer, der sich in den 1950er und '60er Jahren für die Anklage ehemaliger NS-Verbrecher engagierte - damals ein schwieriges Thema und von breiten Teilen der Gesellschaft skeptisch beobachtet.

Fritz Bauer kämpfte auf vielen Fronten allein, musste sich gegen Vorurteile und Feindschaften behaupten, das Umbruchjahr 1968 war noch fern. Erst nach vielen Jahren erkannten Historiker und Politiker, dass man diesem Juristen viel zu verdanken und Bauer maßgeblichen Anteil an der deutschen Aufarbeitung des NS-Schreckens hatte.

Filmstill aus Der Staat gegen Fritz Bauer (Foto: Festival/zero one film GmbH)

Burghart Klaußner in der Titelrolle: "Der Staat gegen Fritz Bauer"

19 Filme konkurrieren um den Goldenen Leoparden

"Der Staat gegen Fritz Bauer" und auch "Ricki and the Flash" dürfen im Rennen um den Goldenen Leoparden, den Hauptpreis des Festivals, nicht mitmischen. Insgesamt bewerben sich aber 19 Filme im "Concorso internazionale" um diese renommierte Festivalauszeichnung. Deutsche Regisseure sind nicht dabei, wohl aber drei Produktionen mit deutscher Finanzierung. Die schweizerisch-deutsche Co-Produktion "Heimatland" wurde von mehrere Regisseuren in Szene gesetzt: im Film wird die Schweiz von einer geheimnisvollen Umweltkatastrophe heimgesucht. Wie reagieren die Menschen? "Heimatland" wirft Schlaglichter auf das Europa von heute.

Blicke in den Iran und nach Mexiko mit "Ma dar Behesht" und "Te prometo anarquíá"

Die iranisch-deutsche Co-Produktion "Paradise" ("Ma dar Behesht") von Regisseur Sina Ataeian Dena bietet ein formal unspektakuläres wie inhaltlich intensives Bild der modernen iranischen Gesellschaft. Schließlich zeigt der mexikanische Regisseur Julio Hernández Cordón in "I promise you Anarchy" ("Te prometo anarquíá") das Überleben zweier Freunde im Moloch Mexiko-Stadt.

Weitere prominente Namen im Rennen um den Goldenen Leoparden sind der Georgier Otar Iosseliani, der polnisch-französische Filmemacher Andrzej Żuławski und die Belgierin Chantal Akerman. Filme aus Russland, Griechenland, Japan, den USA, aus Israel, Süd-Korea und Sri Lanka vervollständigen das Programm.

Piazza Grande in Locarno am Abend (Foto: Festival del Film Locarno)

Prächtige Kulisse fürs Kino: Die Piazza Grande in Locarno

Festivaldirektor Carlo Chatrian kündigte bei einer ersten Vorstellung des diesjährigen Locarno-Programms ein "Comeback der Häuser als emotionale Räume an". Was er mit dieser etwas umständlichen Formulierung meinte: Viele Regisseure weltweit beschäftigten sich derzeit mit der Frage: Was machen die Menschen, wenn sie ihre Heimat verlassen, ihr Hab und Gut hinter sich lassen müssen? Angesichts der weltweiten Flüchtlingsströme natürlich ein höchst aktuelles Thema. Das Kino, so Chatrian, könne sehr viel beitragen, die komplizierte Gegenwart zu verstehen.

Auf den Spuren der Filmgeschichte: Retrospektiven in Locarno

Doch nicht nur um die Gegenwart des Kinos und der Gesellschaft geht es in diesem Jahr beim Festival. Locarno ist dafür bekannt, große Namen der Filmgeschichte mit sorgfältig zusammengestellten Retrospektiven und Hommagen zu ehren.

Filmstill aus Straw Dogs von Sam Peckinpah (Foto: Cinémathèque suisse)

Dustin Hoffman und Susan George im Sam Peckinpahs Racheopus "Wer Gewalt sät"

2015 zeigt das Festival das Werk des US-Regisseurs Sam Peckinpah, der dem amerikanischen Kino bis zu seinem Tod im Jahre 1984 mit Filmen wie "Wer Gewalt sät" und "The Wild Bunch" zahlreiche interessante Werke zum Thema Gewalt in der Gesellschaft bescherte. So verbindet auch die 68. Ausgabe des ältesten Schweizer Filmfestival Altes und Neues, zeigt Kino aus allen Winkeln der Welt ebenso wie einen Rückblick auf frühere Entwicklungen der Siebten Kunst.

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