Faktencheck: Hantavirus ist keine neue Pandemie
8. Mai 2026
Hantavirus: Mehrere Infektionen auf einem Kreuzfahrtschiff, dazu ein Virusname, der der Öffentlichkeit noch nicht unbedingt bekannt war. Das reicht offenbar, um auf Social Media Erinnerungen an Corona wachzurufen, und um über eine neue Pandemie zu spekulieren.
Auslöser der Spekulationen ist die "Hondius", ein Kreuzfahrtschiff, das im April von Südargentinien aus gestartet war. Dort infizierten sich mehrere Menschen mit dem Hantavirus, genauer mit einer speziellen Virusvariante, dem Andes-Stamm. Drei Personen sind infolge der Infektion gestorben (Stichtag 7.5.2026), weitere Kontaktpersonen stehen derzeit unter Beobachtung.
Die DW hat drei virale Behauptungen über das Hantavirus einem Faktencheck unterzogen.
Videos aus der Corona-Pandemie
Behauptung: "Emmanuel Macron kündigt an, dass der Unterricht an Schulen und Universitäten aufgrund des Hantavirus ab Montag auf unbestimmte Zeit ausgesetzt wird", schreibt ein Nutzer auf der Plattform X. Auch andere Accountsteilten diese Behauptung mit einem Video von einer Ansprache des französischen Präsidenten. Die Posts wurden teils millionenfach gesehen.
DW Faktencheck: Falsch
Der französische Präsident Emmanuel Macron hat diese Aussage tatsächlich einmal getroffen - allerdings im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, nicht mit dem Hantavirus. Eine Bilderrückwärtssuche zeigt: Das Original-Videostammt aus dem Jahr 2020 und wurde vom französischen Sender France 24 übertragen.
In der damaligen Fernsehansprachekündigte Macron Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie an. Dazu gehörten unter anderem die Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten oder Universitäten.
Aktuell gibt es keine Meldungen über Schulschließungen oder andere Maßnahmen wegen des Hantavirus. Die Nothilfekoordinatorin der WHO, Maria Van Kerkhoven, betonte in einer Pressekonferenz zum Infektionsgeschehen auf dem Kreuzfahrtschiff: "Die Situation ist nicht dieselbe wie vor sechs Jahren. [Das Hantavirus] Es verbreitet sich nicht auf dieselbe Weise wie Coronaviren. Dies ist nicht der Beginn einer Pandemie.".
Andesviren - eine Variante aus Südamerika
Behauptung: "Der Virusstamm wird von Mensch zu Mensch übertragen. Die Sterblichkeitsrate ist über 40 Prozent. Er ist bereits in den USA, Singapur, Großbritannien, der Schweiz, Südafrika, Kanada und den Niederlanden aufgetreten." Das schreibt ein Nutzerauf der Social Media Plattform X.
DW Faktencheck: Irreführend
Hantaviren kommen tatsächlich weltweit vor. Doch was der Nutzer hier macht, ist irreführend. Denn bei den auf dem Kreuzfahrtschiff vorkommenden Viren handelt es sich lediglich um den Andes-Stamm - die einzige Virusvariante des Hantavirus, die von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Der Nutzer vermischt in seiner Aussage hier verschiedene Virusvarianten, die sehr unterschiedlich sind.
In der Regel wird das Hantavirus vom Tier auf den Menschen übertragen. Die Ausnahme ist der Andes-Stamm, auf den sich der User hier bezieht und der auf dem Kreuzfahrtschiff kursiert.
Der Andes-Stamm des Hantavirus kann – anders als die meisten Hantaviren – von Mensch zu Mensch übertragen werden, hauptsächlich durch engen Kontakt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO)können Infektionen in manchen Fällen schwerwiegend verlaufen, aber sie sind nicht leicht von Mensch zu Mensch übertragbar.
Weltweit treten nach WHO-Angabenjährlich etwa 10.000 bis über 100.000 Hantavirus-Infektionen auf. Die Viren unterscheiden sich je nach Region deutlich.
In Deutschland und weiten Teilen Europas verursachen sie meist mildere Erkrankungen. Die Sterblichkeitsrate liegt hier meist zwischen eins und 15 Prozent.
In Nord- und Südamerika treten Fälle seltener auf - meist nur einige hundert Fälle pro Jahr. Allerdings können dort schwere Lungenerkrankungen entstehen. Laut einer 2023 veröffentlichten Lancet-Studieverlaufen diese Fälle in etwa 30 bis 40 Prozent der Fälle tödlich.
Auf der Hondius handelt es sich nur um den Andes-Stamm, der sich auch von Mensch zu Mensch übertragen kann. Auf dem Schiff wurden bisher acht Fällegemeldet. Bei fünf der acht Fälle wurde eine Infektion mit dem Hantavirus bestätigt.
Fauci-Zitat ist erfunden
Behauptung: Ein anderer Social Media-Nutzer behauptet, dass der US-amerikanische Virologe Anthony Stephen Fauci wieder ins Rampenlicht rücke. Angeblich soll er gesagt haben: "Es könnte an der Zeit sein, wieder Masken zu tragen und Abstand zu halten." Die Behauptung hat etwa 1,3 Millionen Aufrufe auf der Plattform X.
DW Faktencheck: Falsch
Es gibt weder Medienberichte noch Hinweise darauf, dass der US-Virologe Anthony Fauci diese Aussage getroffen hat. Fauci war während der Covid-Pandemie ab Januar 2021 Chefberater von US-Präsident Joe Biden. Aufgrund seiner Analysen zur Corona-Pandemie geriet er immer wieder mit Trump aneinander und wurde zu einer Hassfigur der US-amerikanischen Rechten.
Eine Suche nach dem direkten Zitat ergibt keine Treffer. Hinzu kommt, dass der Account, der diese Behauptung verbreitete, sich selbst als Parodie-Accountbezeichnet - also offenbar bewusst auf die Sorgen und Ängste während der Corona-Pandemie anspielte.
Keine Übertragung durch Tröpcheninfektion
Unabhängig davon ist ein Vergleich mit der Corona-Pandemie nach wissenschaftlichem Stand irreführend. Hantaviren werden in der Regel nicht über Tröpfcheninfektionen übertragen, gegen die ein Mund-Nasen-Schutz eigentlich schützen soll. Die Ansteckungerfolgt meist vom Tier auf den Menschen.
Menschen infizieren sich etwa über die Ausscheidungen infizierter Nagetiere. Die Viren können auch in getrocknetem Zustand infektiös bleiben und über aufgewirbelten Staub eingeatmet werden. Möglich sind auch Infektionen durch kontaminierte Lebensmittel, verletzte Haut oder Tierbisse.
Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gilt als selten und wurde bislang nur im sogenannten Andes-Stamm nachgewiesen. Dafür ist enger Körperkontakt erforderlich.
Anders war die Lage bei COVID-19. Das Corona-Virus verbreitete sich vor allem über Tröpfchen und Aerosole. Das Tragen einer Schutzmaskesollte deshalb das Risiko einer Ansteckung verhindern.